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Männerchor löst sich auf
Dillinger Männer singen nicht mehr

Glanzzeit in den 50er Jahren: Als dieses Bild 1952 entstand, hatte der Chor 124 Sänger. Drei Jahre später waren es sogar 136 Sänger – der Höhepunkt.
Glanzzeit in den 50er Jahren: Als dieses Bild 1952 entstand, hatte der Chor 124 Sänger. Drei Jahre später waren es sogar 136 Sänger – der Höhepunkt. FOTO: Axel Künkeler, Männerchor
Dillingen. Nach 158 Jahren ist Schluss – der Dillinger Männerchor von 1860, ein Traditionsverein in der Hüttenstadt, löst sich auf. Von Axel Künkeler

Der älteste Dillinger Verein, der Männerchor von 1860, löst sich auf. Die beiden letzten Auftritte liegen schon zwei Jahre zurück, nun läuft auch das formale Verfahren der Liquidation, das im Herbst dieses Jahres mit der Löschung aus dem Vereinsregister endet.


Der Beschluss zur Auflösung des „Männerchors 1860 Dillingen/Saar e. V.“ wurde bereits von einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Frühjahr 2017 gefasst. Zu groß waren die Probleme geworden, berichten der 1. Vorsitzende Gisbert Bassler und sein Vorgänger im Amt, der Ehrenvorsitzende Helmut Keller: „Wir beiden gehören mit jetzt 64 und 66 Jahren noch zu den Jüngsten im Chor“, der Altersdurchschnitt der 18 verbliebenen Chormitglieder sei auf über 70 Jahre angestiegen. Altersbedingt habe dadurch zunehmend auch die stimmliche Qualität des Klangkörpers gefehlt.

Neben dem Rückgang der Qualität und dem Nachwuchsmangel sei zudem zu wenig Geld in der Vereinskasse gewesen. Weniger Beiträge aufgrund gesunkener Mitgliederzahlen waren die Ursache. Zuletzt waren es nur noch rund 100, in besseren Zeiten dagegen weit über 400 aktive und inaktive Vereinsmitglieder. Zudem fehlten Einnahmen aus Vereinsfesten und der Beteiligung an städtischen Veranstaltungen wie dem Dillinger Weihnachtsmarkt. „Wir waren einer der ersten Dillinger Vereine mit eigenem Sommerfest“, erinnert sich Keller an die zahlreichen Feste im Schrebergarten, später im Evangelischen Gemeindehaus. Dort fanden auch „Bunte Abende“ als eigene Fastnachtsveranstaltungen statt, die im Katholischen Jugendheim ihre Anfänge erlebten. „Da war die Bude immer voll“, schwärmt Keller.

„Eine schöne Tradition“ sei auch das Weihnachtssingen am zweiten Feiertag im Krankenhaus und im Altenheim St. Franziskus gewesen. Besonderer Höhepunkt im Vereinsleben waren die jährlichen Konzertreisen des Chors zwischen 1960 und 2015. Besondere Ziele waren dabei Venedig, Kopenhagen und Innsbruck, es ging zum Gardasee und zum Tegernsee, in deutsche Regionen vom Allgäu bis an die Nordseeküste. Natürlich waren die geselligen Reisen über das lange Vatertags-Wochenende auch mit Auftritten des Chores verbunden. Die hatte der Dillinger Männerchor aber vor allem in seiner Heimatstadt.

Eigene Konzerte wurden veranstaltet. Auftritte bei der Arbeitsgemeinschaft der kulturellen Vereine (AKV) waren fester Bestandteil im Kalender. 2010 wurde mit einem großen Festkonzert das Jubiläum des 150-jährigen Bestehens gefeiert.



Das letzte eigene Konzert liegt nun aber schon fast sieben Jahre zurück. Am 5. Juni 2011 trat der Chor unter Leitung von Nina Larina im Evangelischen Gemeindehaus auf. Das Programm stand unter dem Motto: „Genieße den Augenblick“, aus heutiger Sicht ein Titel mit doppelter Bedeutung. Die letzten Auftritte des Männerchors erfolgten 2016: vor zwei Jahren im Januar beim AKV-Neujahrskonzert und im August des gleichen Jahres bei der Sommerserenade der AKV im Stadtgarten.

„Dabei haben wir gemerkt, dass die Qualität nicht mehr die alte war“, räumen Bassler und Keller selbstkritisch ein. Auch die Proben hätten so keinen Spaß mehr gemacht. Mit Nina Larina, die 2008 als erste Frau Chorleiterin wurde, sei es „noch richtig gut gelaufen.“ Dann aber habe es mehrere Wechsel gegeben: „Es wurde schwer, gute Chorleiter für mehrere Jahre zu binden.“ Probleme, die man nicht nur in Dillingen kennt. In den letzten Jahren haben sich im Kreis Saarlouis etliche Männerchöre aufgelöst, etwa in Saarwellingen und Piesbach. Andernorts, in Ensdorf, Roden und Lisdorf, haben die Chöre fusioniert, um ein Fortbestehen zu ermöglichen. Die Verständigung auf gemeinsame Chorleiter und Konzerte ist ein weiterer Weg von Chören, die ihre Selbstständigkeit bewahren wollten. Zeitgemäß sind auch sogenannte „Projektchöre“, bei denen sich Sänger (und Sängerinnen) für ein einziges Konzert zusammenfinden.

Alles Wege, die man in Dillingen nicht gehen konnte oder wollte. So blieb nur die Auflösung des Traditionsvereins. Der geschäftsführende Vorstand um Gisbert Bassler, Helmut Keller, Reinhold Frischauf und Hubert Hahn wurde als Liquidator bestellt, und ein Gläubigeraufruf im Amtsblatt musste veröffentlicht werden. „Einen eingetragenen Verein aufzulösen, ist nicht ganz einfach“, berichtet Keller. Erst nach Ablauf der Jahresfrist werde der Männerchor im Herbst 2018 aus dem Vereinsregister gelöscht.

Doch die verbliebenen Veteranen des Vereins, unter denen der 94-jährige Erwin Ney der Älteste ist, treffen sich weiterhin regelmäßig Freitagabends im Evangelischen Gemeindehaus in der Nord-Allee. Dann finden zwar keine Chorproben mehr statt, aber ab und an wird ein Geburtstags-Ständchen gesungen. Vor allem aber wird „so lange es noch geht“ die Geselligkeit gepflegt: Dann erklingt öfters mal „Ein Prosit der Gemütlichkeit.“

Abgesang: Im Jahr 2016 hatte der Männerchor seine letzten Auftritte. Das Foto zeigt noch 16 Sänger beim Neujahrskonzert der Arbeitsgemeinschaft der kulturellen Vereine (AKV) im Evangelischen Gemeindehaus.
Abgesang: Im Jahr 2016 hatte der Männerchor seine letzten Auftritte. Das Foto zeigt noch 16 Sänger beim Neujahrskonzert der Arbeitsgemeinschaft der kulturellen Vereine (AKV) im Evangelischen Gemeindehaus. FOTO: Axel Künkeler, Männerchor
Männerchor-Veteranen: Auch nach der Auflösung des Chors treffen sich die alten Mitglieder immer noch im Evangelischen Gemeindehaus.
Männerchor-Veteranen: Auch nach der Auflösung des Chors treffen sich die alten Mitglieder immer noch im Evangelischen Gemeindehaus. FOTO: Axel Künkeler