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Zeitzeugen
Die Erinnerungsarbeit geht weiter

Der Zeitzeuge Izaokas Glikas erzählte seine Geschichte auf Deutsch.
Der Zeitzeuge Izaokas Glikas erzählte seine Geschichte auf Deutsch. FOTO: Gerhard Alt
Dillingen. Zeitzeugen deutscher Brutalität im zweiten Weltkrieg erzählen ihre Geschichte. Das Zeitzeugenprojekt der KEB gibt es seit 30 Jahren. Von Gerhard Alt

Seit 1987 lädt die KEB in Kooperation mit dem Maximilian-Kolbe-Werk (Freiburg) Gäste aus Osteuropa, denen während des Krieges im deutschen Namen schweres Leid zugefügt wurde, ins Saarland ein – bis heute über 300 aus Russland, Litauen, Ukraine, Estland oder Weißrussland. Unlängst wurde der KEB dafür der Saarländische Weiterbildungspreis verliehen (wie berichtet). Jetzt begrüßte der KEB-Vorsitzende Horst Ziegler zur Feierstunde „30 Jahre Zeitzeugenprojekt“ unter den gut 70 Gästen im Oswald-von-Nell-Breuning-Haus sechs Zeitzeugen aus Litauen. Er griff das Motto auf „Fragt uns, wir sind die Letzten!“.


Die Zeitzeugen, die heute kämen, hätten KZ und Getto als Kinder überlebt. Das Projekt solle auch noch weitergehen, wenn kein Zeitzeuge mehr kommen könne. Dazu würden neue Formate entwickelt, vielleicht auch für Begegnungen in Osteuropa und mit heutigen Zeitzeugen – wie die vielen Flüchtlinge. „Zeitzeugen, die Schreckliches erlebt haben, wird es immer geben“, sagte Ziegler.

Zwei schilderten auf Deutsch ihre Geschichte. Rozeta Ramoniene, Jahrgang 1939, verlor ihren Vater im Krieg, dann wurde ihre Mutter zur Zwangsarbeit verhaftet und schließlich mit 500 anderen erschossen. Das Mädchen lebte mit rund 30 000 Juden im Getto bei Vilnius, durch ein Loch im Zaun wurde sie unter Lebensgefahr für die Retter zu einer Familie 40 Kilometer weiter gebracht. „In Vilnius lebe ich noch heute mit der Last der Überlebenden“, schloss Rozeta Ramoniene. Izaokas Glikas war sieben Jahre alt, als deutsche Soldaten in sein Heimatstädtchen einmarschierten. Auf dem jüdischen Friedhof wurden 350 Männer auf einmal erschossen. Die Familie konnte aus dem Getto fliehen, wurde auseinandergerissen; er kam bei einer „guten Frau“ unter, traf später seine leibliche Mutter wieder.



Christine Streichert-Clivot, Staatssekretärin im saarländischen Bildungsministerium, dankte für solche „Initiativen aus der Bürgergesellschaft“ wie das Zeitzeugenprojekt. „Sie verpflichten sich zu informieren und zuzuhören“, sagte sie. Im Rahmen der Feierstunde gab die KEB im Kreis Saarlouis die folgende freiwillige Selbstverpflichtung ab: „Die KEB im Kreis Saarlouis verpflichtet sich, wie schon seit ihrer Gründung im Jahre 1971 auch weiterhin daran zu erinnern, dass durch Hass, Gewalt und Krieg sehr viele Menschen sehr vielen Menschen großes Unrecht und großes Leid bis zum Tod zugefügt haben. Dies geschieht nicht nur im ehrenden Gedenken der Opfer und mit Respekt vor den Zeitzeugen, sondern auch im Hinblick auf unsere Zeitgenossen, unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, Brüder und Schwestern, und vor allem auch die nachfolgenden Generationen. Denn wir sind überzeugt, dass Mitmenschlichkeit, Solidarität und Nächstenliebe Grundlagen für ein gutes Zusammenleben sind.

Das Erinnern ist also nicht Selbstzweck. Es dient dazu, erlittenes Unrecht vor dem Vergessen zu bewahren und an nicht erfüllte Hoffnungen anzuknüpfen, damit wir unsere gemeinsame Welt und unser gemeinsames Leben, unsere Gesellschaft heute und in Zukunft im Rahmen unserer Möglichkeiten besser und schöner machen. Und deshalb bleiben die Erinnerung und das Bemühen um Versöhnung unsere Aufgaben über die Begegnung mit den Zeitzeugen hinaus.

Die Chancen auf eine bessere Welt liegen nämlich im Gespräch der Menschen miteinander, ob in Dillingen, Deutschland, Osteuropa, Israel, Palästina oder Syrien.“