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Adel verpflichtet - zu Solidarität

Adel verpflichtet - zu Solidarität

Wallerfangen. Im parkähnlichen Garten zu Pyramiden gestutzte Bäume, ein kreisrunder Brunnen, Kieswege, eine Orangerie. Im Salon Delfter Kacheln an den Wänden, großformatige Ölgemälde, ein Wandteppich mit Jagdszenen, seidenbezogene Fauteuils, antike Vitrinen mit kostbarem Villeroy-Porzellan. Perfekte Kulisse für ein plakatives Klischee: So wohnt der Adel

Wallerfangen. Im parkähnlichen Garten zu Pyramiden gestutzte Bäume, ein kreisrunder Brunnen, Kieswege, eine Orangerie. Im Salon Delfter Kacheln an den Wänden, großformatige Ölgemälde, ein Wandteppich mit Jagdszenen, seidenbezogene Fauteuils, antike Vitrinen mit kostbarem Villeroy-Porzellan. Perfekte Kulisse für ein plakatives Klischee: So wohnt der Adel. Doch Odile und Claude Villeroy de Galhau sind schnell bemüht, das Bild zurechtzurücken. "Wir sind ganz normale Leute. Also, bis auf das Schloss natürlich", sagt Odile Villeroy de Galhau. Seit 1982 wohnt das aus Frankreich stammende Ehepaar in Wallerfangen in dem prächtigen Barockbau aus dem 18. Jahrhundert, der idyllisch an einem Saar-Altarm gelegen ist und täglich Dutzende Blicke von Autofahrern auf der A 8 auf sich zieht. Wie viele Zimmer das Schloss, das der Firmenherr der Dillinger Hütte Georg Theodor Lasalle erbauen ließ, hat? "Zu viele", sagt der 77-jährige Claude Villeroy de Galhau und lacht. Und Madame meint: "Die vielen Räume, die langen Flure, das hält einen gesund." Es dauert ein wenig, bis deutlich wird: Die Zahl der Zimmer, sie haben sie nie gezählt. Von Adel zu sein bedeutet den beiden also nichts? Mais non, ganz so einfach ist es nicht. "Es ist mehr eine Familientradition, die sich darin ausdrückt. Eine Art moralische Verpflichtung zu Verantwortung und Mitmenschlichkeit", sagt Odile Villeroy de Galhau, deren adlige Familie aus der Bretagne stammt und heute einen Steinwurf entfernt vom Elysée Palast in Paris wohnt. In Frankreich, erzählen die beiden, sei der Adel seit der französischen Revolution fest im Bürgertum verankert. In Deutschland hätten sie dagegen den Eindruck gewonnen, dass Adlige zumeist einer höheren sozialen Schicht angehörten, die gerne unter sich bleibe. "Wir sind zur Solidarität erzogen worden", bekräftigt Claude Villeroy de Galhau. Der Gedanke lässt sich mühelos mit einem geflügelten Wort umschreiben: Adel verpflichtet! Für den ehemaligen Banker bedeutet das auch: "Wenn man Geld hat, muss man einen Teil davon abgeben." Also engagieren sich die beiden, deren Familie noch immer Anteile am Mettlacher Unternehmen Villeroy&Boch hält, für Hilfsprojekte in Kambodscha und in den Philippinen. Odile Villeroy de Galhau war zudem über 25 Jahre ehrenamtlich als französische Honorarkonsulin in Saarlouis tätig. Ihr Gatte ist unter anderem Kuratoriums-Vorsitzender der Wallerfangener Sophien-Stiftung, die nach seiner Ur-Urgroßmutter benannt ist und im Ort ein Alten-, ein Kinderheim, eine geriatrische und eine psychotherapeutische Klinik mit rund 300 Mitarbeitern unterhält. Adel verpflichtet. Erleichtert er auch? Kopfschütteln. "Eher löst es Erstaunen aus", sagt Odile Villeroy de Galhau. "Etwa wenn ich erzähle, dass ich selber koche. Wenn man mich dann ungläubig anstarrt, fühle ich mich wie eine Kuriosität", erklärt die Mutter von fünf Kindern, die heute alle in Frankreich leben. Fest entschlossen, ihr dieses ungläubige Starren zu ersparen, dann noch diese Frage: Macht sie in dem riesigen Schloss auch selber sauber? Madame lächelt, nachsichtig. "Glücklicherweise habe ich eine nette Putzfrau", sagt die passionierte Malerin.

Auf einen BlickNicolas Villeroy, 1759 in Metz geboren, gründet die Fayencerie in Frauenberg bei Saargemünd. 1791 siedelt er nach Wallerfangen um, wo er eine Keramikfabrik aufbaut. 1836 fusionieren die Familien Villeroy und Boch (Mettlach) ihre Werke. Der Name de Galhau kommt hinzu, als Sophie, Tochter von Nicolas Villeroy, Louis Fulbert de Galhau aus Belgien heiratet. Deren Sohn Adolphe gründet 1857 die Sophienstiftung in Wallerfangen. Dessen Urneffe Henry wiederum ist Claude Villeroy de Galhaus Vater, der 1981 stirbt. Seine Mutter Jehanne, die ebenfalls im Wallerfangener Schloss wohnt, hat gerade ihren 99. Geburtstag gefeiert. jos