34 Lebensretter gefunden

Für Stefan Schlosser kam die Hilfe zu spät. Doch zur Registrierungs aktion für den an Leukämie Erkrankten in Dillingen kamen 2009 über 3000 potenzielle Stammzellenspender. 34 von ihnen konnten bisher anderen das Leben retten.

Vor sechs Jahren löste das Schicksal des an Leukämie erkrankten Stefan Schlosser aus Dillingen eine Welle der Hilfsbereitschaft aus: 3111 Menschen ließen sich damals, am 15. November 2009, in der Dillinger Stadthalle bei der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdateigemeinnützige Gesellschaft mbH) als Stammzellspender registrieren. Leider verlor der 25-Jährige den Kampf gegen den Blutkrebs. Doch das Engagement seines Umfeldes hat dennoch viel bewirkt: Bis heute kamen bereits 34 der Menschen, die sich bei der Aktion für Stefan registrieren ließen, als "genetischer Zwilling" für einen Leukämiekranken infrage. Sie konnten so für todkranke Patienten die überlebensnotwendige Transplantation ermöglichen, teilt die DKMS mit. So wie Timo Speicher und Elmar Lauer, die beide im Dillinger Stadtteil Diefflen wohnen.

"Für uns ist es ein schönes, tröstendes und erleichterndes Gefühl, zu wissen, dass bereits so viele Spender aus unserer Aktion hervorgegangen sind", freut sich Daniela, die Schwester des verstorbenen Stefan. Sie war damals Hauptinitiatorin der Registrierungsaktion. "Meinem Bruder konnten wir damals leider nicht helfen. Es ist aber ein Geschenk, dass 34 andere Menschen durch die Aktion die einzige ihnen verbleibende Überlebenschance nutzen konnten. Das macht mich wirklich glücklich und ich möchte mich noch einmal ganz herzlich bedanken bei allen, die uns damals so großartig unterstützt haben und bei denen, die zur Stammzellspende bereit waren und sind." "Wir sind damals mit der kompletten Fußballmannschaft zu der Registrierungsaktion gefahren", erinnert sich Timo Speicher. "Es war ein schönes Gefühl des Zusammenhalts: so viele bekannte Gesichter in der Stadthalle zu treffen, die alle einem Menschen helfen wollen." Leider gelang es nicht mehr, Stefan Schlosser zu helfen, bedauert der 30-jährige Dieffler.

Doch der Ford-Mitarbeiter wurde noch gebraucht: Zweieinhalb Jahre später erfuhr er durch einen Brief der DKMS, dass er in die nähere Auswahl für einen Patienten komme. Er müsse bei seinem Hausarzt erneut Blut abnehmen lassen, um noch genauer zu untersuchen, ob er tatsächlich der Richtige sei. "Da war ich schon Feuer und Flamme!" Und Speicher passte: "Als ich dann wieder Post von der DKMS bekam, war ich unglaublich nervös: Ich bekomme tatsächlich die Chance, einem Menschen das Leben zu retten." Obwohl Familie und Freunde verhalten reagierten, zweifelte Speicher nicht eine Sekunde, ob er sich operieren lassen sollte.

Die Operation am Beckenkamm birgt auch für den Spender ein gewisses Risiko, wie immer bei einer Vollnarkose . "Mir wurde im Vorfeld alles bis ins kleinste Detail erklärt", erzählt Speicher. Etwa zwei Monate später erfolgte der Eingriff in Köln. "Die Schmerzen danach waren nicht größer als nach einer Prellung." Einige Wochen lang fühlte sich Speicher ziemlich schlapp. "Doch das war auszuhalten. Ich dachte immer daran, wie es dem anderen wohl gehen muss."

Die Empfängerin war eine 67-jährige Frau aus den USA, mehr durfte Speicher zunächst nicht erfahren. In den nächsten Monaten hielt ihn die DKMS immer wieder über "seine" Patientin auf dem Laufenden. "Ich erfuhr, dass sie aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte und ihr Körper mein Knochenmark gut angenommen hat." Doch das Schicksal schlug wieder zu: Die Frau erkrankte erneut an Blutkrebs und verstarb. Für Speicher sehr traurig: "Das war hart. Auch wenn es ein kleiner Trost ist, dass ich dennoch dem Patienten etwas Zeit geschenkt habe." Und er würde jederzeit wieder spenden: "Man fühlt sich irgendwie heldenhaft, ohne wirklich was zu tun." Als Elmar Lauer sich 2009 registrieren ließ, war er gerade Vater geworden. Er erinnert sich genau an den Tag, an dem er sich in Dillingen als potenzieller Stammzellenspender meldete: "Es war der erste Spaziergang mit unserem Sohn." Dass er versuchte, dem erkrankten Stefan Schlosser zu helfen, war klar: "Das ist hier ein kleiner Ort, ich kannte Stefan und seine Familie." Umso schlimmer für alle, die helfen wollten, dass der Erkrankte kurz darauf verstarb, meint der 46-Jährige aus Diefflen.

Doch als Lauer tatsächlich als Stammzellenspender infrage kam, hatte er die Registrierung schon fast vergessen: Erst in diesem Sommer, fast sechs Jahre später, erhielt er plötzlich ein Schreiben der DKMS. "Ich hätte es fast überlesen", erzählt der 46-Jährige. Er war vollkommen überrascht: "Da waren so viele Leute und ich nur einer davon. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet ich jemandem helfen kann." Aber sofort war für den Krankenpfleger klar, dass er spenden würde.

Vor Spritzen und Nadeln hat Lauer berufsbedingt keine Angst, deshalb schreckte ihn auch die Vorbereitung für die Spende nicht ab: Er musste sich ein Medikament an fünf aufeinanderfolgenden Tagen, drei Mal am Tag, unter die Haut spritzen. Der Stoff stimuliert die Produktion der Stammzellen , die dann bei der Entnahme über ein spezielles Verfahren aus dem Blut gesammelt werden. "Das hat auch Nebenwirkungen: Man fühlt sich krank, das geht über ein paar Tage", berichtet Lauer. "Aber man muss sich fragen: Wie geht es dem Empfänger? Der kämpft gerade um sein Leben!"

Am Freitag, 13. August, war es dann soweit: "Morgens war die Entnahme in Köln im Krankenhaus, abends durfte ich schon wieder heim." Nach sechs Wochen gab es noch eine Nachuntersuchung beim Hausarzt - "das war's schon", sagt Lauer.

Er denkt sehr oft an "seine" Patientin. Die Empfängerin ist eine 41-jährige Frau aus Deutschland, mehr weiß Lauer nicht. Erst nach zwei Jahren dürfen sich Spender und Empfänger kennenlernen, wenn beide dies wünschen. "Ich bin sehr froh, dass ich helfen konnte. Und ich hoffe sehr, dass sie es schafft."

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HintergrundDie DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdateigemeinnützige Gesellschaft mbH) wurde 1991 in Deutschland gegründet. Sie ist inzwischen mit über fünf Millionen Spendern weltweit der größte Verbund von Stammzellenspenderdateien. Über 48 000 DKMS-Spender haben bereits Patienten auf der ganzen Welt eine neue Lebenschance gegeben. Zwei verschiedene Entnahmeverfahren sind üblich, um an die für Patienten überlebensnotwendigen Stammzellen heranzukommen. Welche Methode angewendet wird, hängt von der Art der Erkrankung des Patienten ab. In 80 Prozent aller Fälle wird, wie bei Elmar Lauer, das weitaus häufigere Verfahren der Stammzellapharese aus dem Blut durchgeführt. In 20 Prozent der Fälle wird, wie bei Timo Speicher, unter Vollnarkose Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen. nic