"Herr der Infrastruktur sein"

Herr Braun, die Gemeinde Wadgassen wird aus dem Entsorgungsverband EVS aussteigen und die Müllabfuhr selbst in die Hand nehmen. Warum?Braun: Wir werden zum 1. Januar 2013 aussteigen. Allerdings müssen wir bis zum 30

Herr Braun, die Gemeinde Wadgassen wird aus dem Entsorgungsverband EVS aussteigen und die Müllabfuhr selbst in die Hand nehmen. Warum?Braun: Wir werden zum 1. Januar 2013 aussteigen. Allerdings müssen wir bis zum 30. Juni 2015 die Verträge des EVS übernehmen: die Müllgefäße, den Abfuhrunternehmer - erst danach könnte sich auch für die Bürger hinsichtlich der Gebührenhöhe etwas verändern. Ich denke, wir sind als Gemeinde einfach näher dran und können die Tourenplanung besser optimieren. Das ist wichtig für die so genannten Grenzkosten. Seit der Umstellung des EVS auf das neue Abrechnungssystem nach Mengen sind die nämlich kaum kalkulierbar. Das hat auch der Gemeinderat so gesehen. Gemeinkosten lassen sich dagegen einsparen über Arbeitsleistung durch die Gemeindeverwaltung. Dies gilt schon jetzt für die kürzlich erst erworbenen Energienetze von Strom und Gas. Dies entlastet aber auch die Kosten der Gemeindeverwaltung.

Das örtliche Stromnetz haben Sie schon vor längerer Zeit übernommen?

Braun: Wir haben zum 1. Juli 2010 das Stromnetz übernommen. Eine echte Herausforderung, aber die richtige Entscheidung. Mehr als die Verzinsung des Eigenkapitals lässt sich da natürlich auch nicht verdienen, denn das Netzentgelt ist reguliert. Dennoch sehe ich strategische Synergien. Auf lange Sicht werden die Investitionskosten minimiert, da der Straßenausbau nur dann ausgeführt wird, wenn alle Leitungen erneuert werden müssen. Alles, was jetzt diskutiert wird wie Kohlendioxid-Ausstoß, höhere Energieeffizienz, Kraft-Wärme-Koppelung, Solarstrom, also dezentrale Energieversorgung, lässt sich nur vernünftig realisieren, wenn man Herr des Netzes ist. Das ist meine feste Überzeugung.

Wadgassen als Stromproduzent?

Braun: Nein. Aber eine strategische Perspektive! Wir üben schon mal mit Kraft-Wärme-Kopplung an der Bisttalhalle, im Hallen- und Parkbad sind wir in der Planung.

Was bedeutete die Übernahme des Stromnetzes?

Braun: Mehrarbeit, mehr Wertschöpfung, aber auch Einsparungen. Zum Beispiel Straßenbeleuchtung. Wir warten jetzt selbst für weniger als die Hälfte der Kosten! Mit der Einsparung finanzieren wir den größten Teil des Netzkaufes.

Wer macht die Mehrarbeit, etwa wenn Lampen ausgewechselt werden müssen?

Braun: Bei der Beleuchtung übernimmt ein einheimischer Elektrobetrieb die Arbeit, wir haben dazu nur einen Hubwagen dazugekauft, den wir auch für die Gemeinde einsetzten. Die Mietkosten dafür sparen wir in Zukunft.

Durch das gemeindeeigene Netz läuft der Strom verschiedener Anbieter. Wie wird das abgerechnet?

Braun: Wir lesen die Stromzähler zusammen mit den Wasserzählern ab. Dann rechnen wir mit jedem Lieferanten ab. Die Stromlieferanten müssen dann pro Kilowattstunde ein Netzentgelt zahlen.

Das funktioniert?

Braun: Noch nicht reibungslos! Genau genommen reiben wir uns nur mit dem abgebenden Netzbetreiber Energis. Die waren offensichtlich nicht glücklich, dass wir die Konzession nicht verlängert haben. Aus der Vergangenheit sind uns Sachverhalte aufgefallen, die inzwischen Anlass für eine gerichtliche Überprüfung geben. So jedenfalls sieht das der Gemeinderat und ich!

Wie bewältigen Sie die technische Seite der Übernahme? Es geht ja auch um Umspannwerke und Trafos.

Braun: Beim Kaufpreis wurden zunächst 10,8 Millionen Euro gefordert. Schließlich waren es noch 3,5 Millionen. Trotzdem habe ich den Eindruck, ein Freilichtmuseum gekauft zu haben. Die Trafostationen sind zu 70 Prozent 30 Jahre und älter! Ein Grund mehr, als Gemeinde Herr der Infrastruktur zu sein.

Machen das Ihre Techniker?

Braun: Nein, dazu haben wir eine strategische Partnerschaft mit dem Stromerzeuger STEAG. Ich denke, damit haben wir die Tür auch für eine Zusammenarbeit der STEAG mit Kommunen aufgestoßen. Wir könnten uns vorstellen, dass uns die STEAG auch ihren Strom liefert und Wadgassen dann gemeinsam mit STEAG Stromanbieter wird.

Das Gasnetz gehört jetzt auch der Gemeinde?

Braun: Wir haben auch das Gasnetz gekauft. Es gehört seit dem 1. Januar 2011 den Gemeindewerken. Nur, in diesem Fall haben wir den Betrieb des Netzes den Gas- und Wasserwerken Bous/Schwalbach übertragen, dafür zahlen sie an uns Pacht.

Bleiben die Telekommunikationsnetze. Wollen Sie die auch kaufen?

Braun: Natürlich nicht!Foto: Rolf Ruppenthal