Angemessen, unangemessen

Anna Maria Schneider hat 40 Jahre lang gearbeitet. Aber von ihrer Rente kann sie nicht leben. Das Sozialamt Saarlouis bittet sie jetzt sogar aus ihrer Wohnung heraus. Sie solle sich eine günstigere Bleibe suchen.

Bous/Saarlouis. Anna Maria Schneider kostet den Staat zu viel Geld. Sinngemäß steht das in einem Schreiben des Sozialamtes Saarlouis, das sie aus ihrer Wohnung bittet, falls sie weiterhin die Sozialhilfe bekommen will, die sie zum Leben braucht. Die 67-Jährige wohnt in Bous, im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses.

40 Jahre schwer geschafft

40 Jahre lang hatte sie als Hilfsarbeiterin zum Teil schwer körperlich gearbeitet. Heute bekommt sie 617 Euro Rente im Monat, dazu 106 Euro Witwenrente. Macht zusammen 723 Euro. Obwohl sie sogar zwei Jahre länger gearbeitet hatte als sie hätte müssen, bekommt sie heute mit der so genannten Grundsicherungsrente eine Art Sozialhilfe. "Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet und lebe nun doch an der Armutsgrenze", sagt sie. Dabei habe sie immer sparsam gelebt.

"Frau Schneider liegt mit ihrer Rente schon im oberen Bereich", sagt ein Sprecher des Sozialamtes. Grundsicherung bekommt sie trotzdem. Schneider hatte sie gleich im Februar beantragt, als sie in Ruhestand ging. Im März wurden ihr 147 Euro monatlich bewilligt.

Diese Grundsicherung steht Rentnern zu, die mit ihrer eigenen Rente den Betrag nicht abdecken können, den das Sozialamt nach dem deutschen Regelbedarfs-Ermittlungsgesetz von 2011 ausgerechnet hat. Für eine Person im Ein-Personen-Haushalt werden demnach etwa 374 Euro pro Monat für Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel gerechnet. Den Bedarf erhöhen etwa eine Gehbehinderung oder eine teurere Ernährung aufgrund einer Krankheit. Für jeden Antragsteller wird der Bedarf individuell ausgerechnet. Eine pauschale Grenze gibt es nicht.

Wie viel die Wohnung nach Gesetz kosten darf, kommt auf den Standort an. In Bous sind diese "angemessenen Kosten der Wohnunterkunft" 233 Euro kalt. Bei Anna Maria Schneider waren die Kosten nicht angemessen. Ihre Wohnung, drei Zimmer, Küche, Bad, ist 60 Quadratmeter groß und kostet kalt 300 Euro.

Wohnungssuche gescheitert

Bald nach der Bewilligung der Grundsicherung bekam sie Post vom Amt: Innerhalb von sechs Monaten müsse sie sich eine günstigere Bleibe suchen, die überteuerte Wohnung werde nicht mehr bezahlt. Diese sechs Monate sind Ende August abgelaufen. "Ohne weitere Vorwarnung wurde das Geld von 147 Euro auf 58 Euro monatlich gekürzt", sagt Schneider. Dabei hatte sie sich nach Wohnungen umgesehen, aber keine billigere finden können.

"Sie hätte nachweisen müssen, dass sie nach Wohnungen gesucht und keine günstigere gefunden hat", sagt Stefan Schirra, Leiter des Sozialamtes Saarlouis. Wie? "Die Suche lässt sich nachweisen, indem man uns ausgeschnittene Wohnungsinserate aus der Zeitung sendet." Weil Schneider das unterlassen hat, kommt das Amt nun nicht mehr für ihre unangemessen teure Wohnung auf.

Das Sozialamt des Regionalverbands Saarbrücken hat geprüft, wie es in den vergangenen sechs Monaten auf dem Wohnungsmarkt ausgesehen hat. Das Ergebnis war, dass es durchaus Wohnungen im Kreis Saarlouis gegeben habe, die günstiger seien.

Das Problem bei der Wohnungssuche kam - wie es aussieht - durch ein Missverständnis zu Stande. Schneider glaubte, das Sozialamt beklage die hohen Nebenkosten in ihrer Wohnung. "Die Kosten für Wasser, Strom und Heizung sind doch überall fast gleich", sagte sie. Doch es ging nur um die Kaltmiete, stellte das Amt jetzt richtig. Das Sozialamt will ihr nun helfen, eine günstigere Bleibe zu finden.

Schneider wäre das recht. Sie hängt nicht emotional an ihrer Wohnung, lebt dort erst seit sieben Jahren. Und außerdem wäre es ihr auch lieber, sie müsste nicht jedes Mal ihre Einkaufstüten in den dritten Stock tragen.

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