| 20:47 Uhr

Abgehängt

Gesperrt: Die Gemeinde Bous sperrte diese Brücke über die Bahn. Foto: Hartmann Jenal
Gesperrt: Die Gemeinde Bous sperrte diese Brücke über die Bahn. Foto: Hartmann Jenal FOTO: Hartmann Jenal
Bous. Eine Gemeinde sperrt die einzige Zufahrt zu einem größeren Anwesen: Alles andere wäre unverantwortlich, sagt sie. Die Notlösung stellt sich als unannehmbar für die Anwohner dar. Die Bewohner der Pulvermühle in Bous erleben ein Drama. Johannes Werres

Es ist keine Minute mit dem Auto vom Anwesen Pulvermühle an der Bahnstrecke in Bous bis zum Rewe-Einkaufsmarkt im Gewerbegebiet. Vielmehr: Es war keine Minute, bis im Juni die einzige Zufahrt zur Pulvermühle über eine kleine Eisenbahnbrücke gesperrt wurde.


Wenn die Bewohner jetzt zu Rewe wollen, fahren sie etwa fünf Kilometer hin und fünf wieder zurück. Zwei Kilometer davon mit vorgeschriebenen zehn Stundenkilometern über den Leinpfad, dann quer durch verbuschtes Gelände. Nur alle 500 Meter kann man einem entgegenkommenden Auto ausweichen. Die Müllabfuhr kommt nicht mehr, der Paketdienst kommt nicht mehr, Pakete müssen die Bewohner anderswo abholen. Wie die Bewohner, die Schicht bei Ford und im Krankenhaus arbeiten, den Weg in nebliger Herbstnacht finden werden, oder wie sie vermeiden, bei Glatteis in die Saar zu rutschen, wie hier bei Hochwasser jemand rein- oder rausfahren soll - keiner weiß es. Bewohner wie Michael Fink berichten von Leuten, die nachts auf dem Weg picknicken, auch über dunkle Gestalten, die dem einen oder anderen der ein Dutzend Anwohner einfach Angst machen.

Bislang fuhren die Bewohner der Pulvermühle über den Parkplatz des Einkaufszentrums, durch viel Grün und über eine schmale Eisenbahnbrücke aus den 50er Jahren, zugelassen bis 35 Tonnen, nach Hause. Diesen bislang einzigen erlaubten Zugang sperrte die Gemeinde Bous über Nacht.



"Man kommt sich vor wie ein Bürger zweiter Klasse", wir werden "lapidar abgefertigt", klagt Tanja Dahmen, Mutter eines 17-monatigen Mädchens, über die Art, wie sie als Anwohnerin über die Schließung informiert worden sei.

"Spießrutenlauf"

Die Nutzung des Leinpfades an einem Sonntag gleiche wegen verärgerter Fußgänger "einem Spießrutenlauf", klagte jetzt die Großmutter des kleinen Mädchens in einem offenen Brief an Bürgermeister Stefan Louis . "Herr Bürgermeister, es mögen für Ihre Entscheidung durchaus politische und wirtschaftliche Gründe vorliegen", schreibt Marlene Dahmen-Behner in dem Brief, "aber würden Sie das auch einer eigenen Tochter zumuten?"

Die Ängste der einen sind die Sorgen der anderen. Um die Brücke muss sich die Gemeinde kümmern, seit in den 90ern die Bahn das Bauwerk - wie so oft - der Kommune übertragen hat. Michael Petry, stellvertretender Bauamtsleiter in Bous , begründete: "Wegen dem derzeitigen Zustand der Brücke kann eine Befahrung in keinem Falle verantwortet werden." Sprich: Die Gemeinde hat vor allem Angst, dass ein Auto auf die Gleise fallen könnte, weil der Prallschutz an den Seiten marode ist.

Den Anlass zur Sperrung gab eine Streckenbegehung der Bahn. Dabei wurde festgestellt, dass die Tüllen an der Brücke, die der Entwässerung dienen, verrostet waren und auf die Gleise stürzen konnten. Ein Schlosserbetrieb übernahm das. Die Fachleute entdeckten dabei weitere Schäden an der Brücke. Ein Ingenieurbüro bestätigte diesen Befund. Petry: "Es war klar, dass wir sofort handeln mussten."

"Prognose schlecht"

Die Brücke wurde gesperrt. Derzeit berechnet nach Angaben von Petry ein Ingenieurbüro, was eine Sanierung in welchem Umfang kosten würde, und ob die Brücke wieder für den Pkw-Verkehr freigegeben werden könnte. Aber: "Die Prognose, dass die Brücke durch vertretbare Maßnahmen instand gesetzt werden kann, ist sehr schlecht."

Ein großer Posten bei einer Sanierung wäre die Umleitung der vielen Züge.

Die Pulvermühle besteht aus fünf Wohnhäusern. Sie wurde 1868 zur Herstellung von Komponenten für Pulver erbaut und bildete einst das Kopfende einer Reihe von 14 Mühlen im Sprenger Bachtal. Ab 1910 gehörten sie den Mannesmann Werken in Bous und wurden zu Wohnhäusern umgebaut.

Die Finks wohnen seit 1979 hier, zunächst zur Miete. Mitte der 90er erwarben sie günstig ihre Häuser.

Eine Schranke?

Anfreunden könnten sich die Anwohner, sagt Michael Fink, zum Beispiel mit einer Schranke an der Brücke, die nur von den Anwohnern geöffnet werden könne. Er hat einen Anwalt eingeschaltet.

Ärger haben die Hausbesitzer ohnehin schon jede Menge. Da geht es um die Stromversorgung oder um eine Kleinkläranlage. Immerhin hat die Gemeinde jetzt angeboten, dass der Betriebshof den Müll abholt, der dazu in Müllsäcken gesammelt werden muss.

Nächstes Jahr soll das Planfeststellungsverfahren für eine neue Straße zum Gewerbegebiet Bous und dem Stahlwerk eröffnet werden. Die könnten auch die Pulvermühlen-Bewohner nutzen. Ob diese Straße tatsächlich in vier Jahren fertig ist, vermag niemand zu sagen. So lange jedenfalls soll es nun über den Leinpfad direkt an der Saar gehen.

Die Anwohner dürfen den Leinpfad nur nutzen, nachdem sie dies beim Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) beantragt haben. Das haben aber noch nicht alle Anwohner getan. Denn mit der Unterschrift müssen sie die Haftung bei Unfällen selbst übernehmen.

Meinung:

Auch sie sind Bürger von Bous

Von SZ-Redakteur Johannes Werres

Aufgabe einer Kommune ist die Daseinsvorsorge für ihre Bürgerinnen und Bürger. In Bous gehören die Bewohner der Pulvermühle dazu (sie zahlen ja auch Steuern). Das nimmt die Gemeinde in eine Pflicht, von der nicht klar ist, wie sie sie erfüllen soll. Zunächst muss sie ernsthaft prüfen, ob die Eisenbahnbrücke nicht doch für die Autos der Anwohner befahrbar ist, nachdem sie saniert wurde. Ist das nicht der Fall, wird die Sache tragisch. Denn dann wird eine Gefahr durch eine andere Gefahr umgangen, und das auch noch nur auf eigene Gefahr. Eine vertretbare Lösung ist nicht erkennbar. Nichtstun wäre auch keine.

So sah es vor dem Kompromiss beim Mülltransport an der Pulvermühle aus. Foto: Michael Fink
So sah es vor dem Kompromiss beim Mülltransport an der Pulvermühle aus. Foto: Michael Fink FOTO: Michael Fink
Die Häuser der Wohnanlage. Foto: Hartmann Jenal
Die Häuser der Wohnanlage. Foto: Hartmann Jenal FOTO: Hartmann Jenal