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Werke des Fotografen Herbert List in Saarlouis ausgestellt
Sinnliche Sichtweisen eines großen Fotografen

„Müde“ wurde 1950 in Spanien aufgenommen.
„Müde“ wurde 1950 in Spanien aufgenommen. FOTO: ©Herbert List / Magnum Photos / Herbert List
Saarlouis. Die Ludwig Galerie Saarlouis zeigt einen Querschnitt des künstlerischen Schaffens des Hamburger Fotografen Herbert List.  Von Jutta Stamm

Sein Frühwerk beeindruckt durch ein sinnlich-asketisches Formgefühl, sein Spätwerk durch menschliche Nähe und Lebendigkeit. Mit Blick auf das Gesamtwerk des Fotokünstlers Herbert List offenbart sich sein leidenschaftliches Anliegen, das Magische der Erscheinungen im Bild so zu fassen, dass der hinter ihnen stehende Sinn sichtbar wird. Ihm geht es nicht um das Augenscheinliche, sondern das Hintergründige.


In den 60er Jahren ist er der bekannteste Fotograf Deutschlands und weltbekannt – vor allem durch seine surreal anmutenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Seine Bildgeschichten gehören zum klassischen Kanon des 20. Jahrhunderts.

Eigentlich soll List, 1903 geboren, die väterliche Kaffee-Import Firma in Hamburg übernehmen. Doch der künstlerische Impetus und seine humanistische Bildung, deren Ideale er zu schätzen weiß, lassen ihn einen anderen Weg einschlagen. Trotz seiner Ausbildung zum Kaffee-Kaufmann legt er die Geschicke des Unternehmens nach dem Tod des Vaters in die Hände seines jüngeren Bruders. 1935 emigriert er nach Paris, auch um der Verhaftung durch die Gestapo (als „Vierteljude“ und Kritiker des NS-Systems) zu entgehen.



Bereits 1930 hat er, angeregt von Andreas Feininger und unter dem Einfluss von Künstlern wie Giorgio de Chirico, René Magritte und Man Ray begonnen, sich ernsthaft mit der Fotografie zu beschäftigen. Mit einer lyrisch-magischen Sensitivität und dem Empfinden für die klare, oft surreale Ästhetik der Neuen Sachlichkeit beginnt List, seine persönliche Sicht der Dinge, metaphysisch und sinnlich zugleich, mit der Kamera festzuhalten. 1937 findet in Paris eine erste Ausstellung statt. In London unternimmt er erste Versuche mit der Studiofotografie, bekommt Aufträge der Verve, Vogue, Harper‘s Bazar und Life. Erste Sujets entstehen in Form von Stillleben. Die Motive werden auf einfache, archaische Elemente reduziert.

Bei seinen Aufenthalten in Griechenland und Italien lenkt List sein Augenmerk auf Landschaften und antike Ruinen. Dabei können ihm eine einzige Säule oder ein Stück Mauerwerk symbolhaft Aussage genug sein. Das Spiel mit Licht und Schatten wird zum entscheidenden Gestaltungsmerkmal. Später erzählt er in berühmt gewordenen Fotoessays vom Leben der Menschen auf den Straßen und Plätzen Italiens. Themen, die für ihn ebenso an Bedeutung gewinnen, sind Abbilder junger, athletischer Männerkörper. Auch Portraits von Künstlerfreunden entstehen, darunter Picasso, Braque und Cocteau, Morandi, Pasolini, die Magnani, Strawinsky, Marlene Dietrich …

Die Invasion Deutschlands in Griechenland zwingt List 1941 zur Rückkehr nach Deutschland. Er lässt sich in München nieder, kann jedoch kaum publizieren. 1944 wird er eingezogen, kehrt 1945 nach München zurück. Bedeutende Fotografien der in Trümmern liegenden Stadt entstehen. Er betrachtet sie aus der Perspektive klassischer Bildästhetik: Mythos und Apokalypse zeigen sich gleichermaßen. Mitte der 1960er Jahre reist List noch mehrfach nach Italien, Frankreich und Mexiko, aber nur noch, um seine Sammlung italienischer Handzeichnungen des 17. und 18. Jahrhunderts zu vervollständigen. 1975 stirbt er in München.

Die Ausstellung, kuratiert vom Nachlassverwalter Peer Olaf Richter aus Hamburg und Claudia Wiotte-Franz, Leiterin der Ludwig Galerie, zeigt Lists Werdegang vom Formalisten zum Neorealisten.