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Alfred Gulden spricht über seine Ehrenbürgerschaft in Saarlouis

Ehrenbürger Alfred Gulden : „Wir haben den tollsten Stadtnamen“

Wie Schriftsteller Alfred Gulden die Verleihung seiner Ehrenbürger-Würde erlebt hat.

Herr Gulden, Sie sind jetzt Ehrenbürger von Saarlouis. Hat das etwas zu bedeuten?

Gulden (lacht) Ja. Ich darf jetzt die Bürgersteige umsonst benutzen. Ein Bürgersteig ist ja etwas Besonderes, man ist von der Straße weg etwas erhöht. Und Ehrenbürger ist etwas Besonderes, aber ich bin kein Auge in der Fettsuppe, sondern ich schaue immer auch von außen auf die Suppe. Über den Tellerrand. Es ist für mich unendlich wichtig gewesen, dass ich seit 1965 auch außerhalb wohne. „Nur wer aus dem Nest gefallen ist, weiß, dass er in einem war“, zitiere ich mich mal selbst.

 Wie haben Sie von der Ehrenbürgerwürde erfahren?

Gulden Ich saß im Zug vor Salzburg, die Landschaft verschneit wie im Märchen. Ich habe das genau da übers Handy erfahren und muss sagen: Ich war froh, sehr, sehr froh.

Beim Festakt zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft hat der Germanist Professor Sikander Singh Ihr literarisches Arbeiten als Überwinden von Krankheit bezeichnet, ein Phänomen, das in der Literaturwissenschaft bekannt ist. Hat er Recht?

Gulden Nach seiner Rede haben mich manche gefragt. Herr Gulden, wie finden Sie das, dass er über Krankheit spricht, wenn er von Ihnen und Ihrer Arbeit redet? Ich finde das richtig, das gehört zu mir. Wenn man wie ich seit dem vierten Lebensjahr Asthma hat und der Atem ganz wichtig ist, dann sind meine Texte immer auch in Atemrhythmen geschrieben. Für andere ist atmen natürlich, für mich war es immer auch inhalieren. Das Atmen gibt doch einen Lebensrhythmus und mir einen Schreibrhythmus. Mein Roman Ohnehaus hat zum Beispiel sehr viel mit Atemrhythmen zu tun. Deswegen fand ich es durchaus richtig, dass Herr Singh diesen Ansatz hat. Ich fand, diese Rede war gut.

In der Rede sagte Professor Singh sinngemäß auch: Schriftsteller können ihre Krankheit und damit sich in ihrer Arbeit selbst überwinden, und in diesem Sinne sei Saarlouis eine Krankheit des Alfred Gulden. Leiden Sie unter Saarlouis?

Gulden Nein, nein. Aber wenn jemand ein Zweifler ist, ist immer auch die andere Seite wichtig für ihn. Wie meine Mutter oft sagte: „Ach Alfred, of der anner Seit’“... Dunkel ist ja nur, wo auch Licht ist. Ich bin jemand, der sich auseinandersetzt. Aber ich leide nicht darunter, überhaupt nicht, höchstens unter der Dummheit. Ich habe ein großes Glück, in dieser Stadt geboren und aufgewachsen zu sein. Dieses Leben auf der Grenze. Saarlouis ist eine Stadt, die eine nur kurze Geschichte hat, aber gleichzeitig eine so aberwitzige, das ist doch einzigartig. Und ich lebe in meinen Geschichten – kann ich mehr verlangen? In diesem Sinne hat Saarlouis für mich eine viel spannendere Geschichte als München, wo ich ja auch lebe.

Wie?

Gulden Ja. Schon der Name. Saar-louis. Deutsch und französisch. Wir haben den tollsten Namen, den es als Stadtnamen gibt. Unsere geteilte Geschichte steckt schon im Namen. Nein, ich leide sicher nicht an oder unter dieser Stadt.

Was macht der Saarlouis-Roman, der Schlussakkord von „Silberherz“ und damit Ihrer Tätigkeit als Saarlouiser Stadtschreiber?

Gulden Ein Teil ist fertig, aber es wird schon noch ein bisschen mehr. Auch dauern. Der Roman wird natürlich keine Chronik der Stadt, sondern, was ich gern als Ergebnis erfundener Wahrheiten bezeichne. Ich habe immer gesagt: Ich finde, aber ich erfinde auch.