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Adventsreihe
„Was die sich immer einfallen lassen“

Am Adventskranz wird am Sonntag die zweite Kerze brennen. Hier probieren das aus (von links): Nadja Hoffmann, Edgar, Nicole und Julia Heib.
Am Adventskranz wird am Sonntag die zweite Kerze brennen. Hier probieren das aus (von links): Nadja Hoffmann, Edgar, Nicole und Julia Heib. FOTO: Milan Leinen
Saarlouis. Zum zweiten Advent: Wie Bewohner des Vereins für Sozialpsychiatrie in Saarlouis die Adventszeit erleben. Von Milan Leinen

„Für mich sind die Plätzchen das schönste am Advent“, sagt Bewohnerin Nicole, 43 Jahre. Am besten schmecken die natürlich, wenn sie selbst gemacht sind. „Am Sonntag hab ich mit Nadja zusammen sogar welche gebacken“, erzählt sie von ihrem ersten Advent, den die Erzieherin Nadja Hoffmann mit Nicole und den anderen Bewohnern der Ferdinand-Heil-Straße in der Saarlouiser Innenstadt verbracht hat.


Und wie sieht es mit den anderen aus? „Ich mag die Adventsmusik sehr“, erzählt Johannes, 56 Jahre. Der singt in einem Chor in Reisbach und macht auch bei der wöchentlichen Singrunde mit dem Musiktherapeuten eifrig mit. Edgar seinerseits genießt die Besinnlichkeit, die die Vorweihnachtszeit mit sich bringt. „Auch schön finde ich, wie die Straßen und Geschäfte geschmückt sind. Was die sich immer einfallen lassen!“

Die weihnachtliche Dekoration versüßt dem 61-Jährigen den regelmäßigen Spaziergang um den Block und durch die Stadt. In die Stadt führt die Bewohner im Advent auch vermehrt der gewohnte Sonntagsausflug: Dort finden sich schließlich zu dieser Zeit die beliebten Weihnachtsmärkte statt. Für später im Monat ist eine Fahrt nach Trier angedacht.



Im Wochentakt wird ausgeflogen, und jedes Mal leuchtet gleichzeitig die nächste Kerze am Adventskranz auf. Jeden Tag aber kann ein Türchen im Adventskalender geöffnet werden. Den gibt es auch in der Ferdinand-Heil-Straße.

Von den 24 Überraschungen sind jeweils drei für die sieben Bewohner der dreigeschossigen Villa im Vogelsang bestimmt. „Das Öffnen der verbleibenden drei Türchen gebührt den Praktikanten“, erklärt Nadja. Insgesamt müssen bis zu 58 psychisch Kranke Menschen in acht Häusern in und um Saarlouis bedacht werden. Sie alle bedürfen einer intensiven Betreuung, die der Verein für Sozialpsychiatrie seit nun mehr als 30 Jahren übernimmt. Das bisschen Verhätschelung gibt es inklusive – denn Schokolade ist ja bekanntlich gut für die Seele.

Die gab es sicherlich auch an den diversen Nikolausfeiern der Einrichtung. Die Arbeitsbereiche, darunter eine Kreativwerkstatt und eine Bio-Gärtnerei, waren am Nikolausmorgen zusammen frühstücken, in den Häusern selbst wurde ebenfalls gefeiert. Auf den Tellern mancher fanden sich neben Mandarinen und Spekulatius eher nikolausuntypische Gaben.

„Nach Möglichkeit greifen wir beim Beschenken irgendwie Kindheitserinnerungen auf“, erzählt Nadja. „Für Uschi gibt es beispielsweise Feigen an Nikolaus, für Hilde wird extra ein Selleriesalat zubereitet.“

Nikolaus, der zweite Advent, noch eine große Weihnachtsfeier für alle Bewohner, und ehe man sich’s versieht, ist auch schon Heiligabend. Die Vorbereitung darauf ist mittlerweile schon Routine. „Am Morgen des 24. wird gemeinsam der Weihnachtsbaum geschmückt“, berichtet Nadja. „Dabei läuft der Fernseher – mit dem immer gleichen, geliebten Weihnachtsprogramm.“

Und was wird abends bei der Bescherung darunter zu finden sein? „Ich wünsch mir einen Obstkorb“, sagt Nicole. „Mit exotischen Früchten gefüllt“, fügt Nadja ergänzend hinzu. Auf Edgars Wunschzettel steht eine Whitney-Houston-CD. Die Auszubildende Julia wünscht sich eine stressfreie Schicht – sie muss an Heiligabend arbeiten. „Und ich hätt gern ’ne Kiste Bier“, sagt Johannes abschließend. Selbstverständlich alkoholfreies.

Über Weihnachten bleiben viele in der Einrichtung, werden dort besucht, meist von Geschwistern oder den eigenen Kindern. Für einige geht es allerdings nach Hause, zur Familie, wenigstens über die Festtage. „Ich fahr über Weihnachten nach Freiburg, zu meiner Schwester“, erzählt Nicole mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Edgar wird seine Schwester besuchen, Johannes verbringt die Weihnachtstage wahrscheinlich bei seinen Brüdern. Aber auch der, der in der Einrichtung feiert, kann sich sicher sein, dass es ein frohes Fest sein wird.

Noch eine kleine Weile gilt es aber, sich zu gedulden. Bis dahin werden im Adventskerzenschein besinnlich selbstgebackene Plätzchen gefuttert – am besten mit Weihnachtsliedern in den Ohren.