200 Jahre Bergmusik an der Saar: Björn Jakobs zeichnet Geschichte nach

Kostenpflichtiger Inhalt: 200 Jahre Bergmusik an der Saar : Allerliebst! Aber der Prinz sah Nachholbedarf

Wir schaffen das! Das stand exakt vor 200 Jahren am Anfang der Bergmusik an der Saar, als dem Preußenprinzen 1819 ein Ständchen gebracht werden sollte. Mit etwas Nachhilfe kam ab 1820 Großes zustande. Der Wadgasser Musikwissenschaftler Björn Jakobs zeichnet die Geschichte nach.

Es muss absolut grauenvoll gewesen sein, auch wenn Ihre königliche Hoheit beliebte, das Vorspiel als allerliebst zu bezeichnen. Preußen-Prinz Wilhelm war bei einer Inspektion des Saar-Bergbaus 1819 nach Geislautern gekommen. Dort sollte er musikalisch empfangen werden. Doch anders als in den Revieren in Sachsen und Schlesien gab es an der Saar keine Bergkapellen, die das hätten übernehmen können.

Also  fragte man beim Kommandanten des nahen Saarlouis an, ob der die Musikkapelle des Infanterieregimentes ausleihen könne. Brauchen wir selbst, wenn der Prinz kommt, beschied der Kommandant. Also: Nein. Darauf erklärte der Geislauterner Obersteiger, das kriege man doch selbst hin. Schließlich spielten genug Bergleute ein Instrument. Drei Mann mit Trompete allein in Geislautern, zum Beispiel, die bei der Kirmes aufspielten. Ein paar andere wurden herbeigeholt, es gab ganz schnell noch eine Probe. Nichts passte. Aber der Prinz erschien, ein Tusch gelang gerade noch so, das folgende „Heil dir im Siegeskranz“ geriet zum Desaster.

Die heutige Bergkapelle Saar bei einem Musikwettbewerb in Luxemburg . Foto: Ludowicy

„Allerliebst“ fand Wilhelm das, aber nach seiner Rückkehr regte er an, an der Saar ein  reguläres bergmännisches Musikkorps zu bilden – wie in Sachsen.

Bergfest für die ganze Familie:  „Wambefescht“ oder „Bergmannsball“. Bergleute quartierten sich mit ihren Familien bei Verwandten oder Bekannten ein.  Die Bergkapellen spielten zum Tanz und zur Unterhaltung auf. Ursprünglich fand das Bergfest am Barbaratag statt, später im Hochsommer. Foto: Repro Björn Jakobs

So wurde die Bergmusik an der  Saar geboren, die heute – nach 200 Jahren und auch nach dem Ende des Bergbaus – in der Bergkapelle  Saar fortlebt. Björn Jakobs, Musikwissenschaftler aus Wadgassen,  schildert diese Geburt der Saar-Bergmusik nach einem Artikel, den Eduard Haas 1927 in der Saarbrücker Zeitung veröffentlicht hat.

Björn Jakobs hat eine Arbeit über Amateurmusiker in der Region Saarlouis veröffentlicht. Foto: Benno Leinen Photography Wadgassen/Photographer:Benno Leinen

„Bergmusik an der Saar – Eine 200-jährige Kulturgeschichte“ heißt Jakobs Buch, das im Januar erscheinen soll.  Der Verein Bergmusik an der Saar, der im Nachbergbau 2015 gegründet wurde und die Verwaltung der Bergmusik übernommen hat (dazu zählen Saarknappenchor, Bergkapelle, Bergmusikanten und Brass-Ensemble) hat Jakobs zum 200. Gründungsjahr der Bergmusik an der Saar damit beauftragt.

Barbarafeier 2013 in Göttelborn mit der Überreichung der Agricola-Plakette für besondere Verdienste um die Bergbautradition. Foto: Repro Björn Jakobs

Diese 200 Jahre untersucht Musikwissenschaftler Jakobs in der Publikation.  Jakobs hatte 2017 seine Doktorarbeit „Mit Degen und Tamtam“ veröffentlicht, in der er die Geschichte der Militär- und der Amateur-Blasmusik im Musikkreis Saarlouis dokumentiert hat.

Bernhard Stopp dirigiert die Bergkapelle Saar, die 200 Jahre Musiktradition fortschreibt. Foto: Bergkapelle Saar

In der neuen Untersuchung wird abermals deutlich, wie stark die Militärmusik das Musizieren an der Saar befördert und geprägt hat. Was im Falle der Bergmusik nicht allein daran lag, dass die Militärmusiker 1819 in Geislautern nicht für die Bergleute einspringen durften und die Bergleute so zur Selbsthilfe zwangen. Rührend vermutlich, aber doch stark verbesserungsbedürftig, weswegen Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm I., ordentliche Bergkapellen für die Saar wünschte.

Des Prinzen Wunsch war Befehl. Bergrat Leopold Sello sollte umgehend organisieren, er wandte sich an seinen Studienfreund Dölz in Eisleben, der wiederum Johann Wilhelm Zimmermann empfahl. Dieser Berg- und Stadtmusikant reiste mit sechs weiteren sächsischen Musikanten an die Saar. „Weder Zänker, Säufer noch Spieler“ seien sie, heißt es im Empfehlungsschreiben, sondern „ruhige, zufriedene Menschen“.

Diese sechs ruhigen und zufriedenen Menschen wurden um sechs saarländische Musiker erweitert und bildeten ab 1820 die „Direktionskapelle“, also die erste echte Kapelle des Saar-Bergbaus.

Diese Direktionskapelle darf als direkter Vorgänger der heutigen Bergkapelle Saar betrachtet werden, der nach 200 Jahren wieder einzigen Bergkapelle an der Saar. Denn zwar wurde die Direktionskapelle 1863 aufgelöst, die  Musiker aber auf die vielen anderen Bergkapellen an der Saar verteilt, die innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden waren. Aus diesen Kapellen speisten sich dann die ab 1969 beiden verbliebenen Bergkapellen, seit 1995 blieb einzig als Werksorchester die Bergkapelle der Saarbergwerke AG bestehen.

Bis zu 30 Mann umfasste eine Bergkapelle. Meist waren die Musiker (Blechbläser und Streicher)  tatsächlich Bergleute, manche waren auch nur mit leichter Büroarbeit betraut. Ein erheblicher Anteil kam vom Militär. „Zwischen 1820 und 1969 lag der Anteil der Militärmusiker an den 109 Dirigenten bei 34 Prozent“, sagt Jakobs. Diese preußischen Militärmusiker prägten auch Besetzung, Organisation und Repertoire der Bergkapellen.

Musik und Bergleute, das gehörte schon immer zusammen, wie Jakobs nachzeichnet. Zuerst der Gesang, um das Leben untertage erträglicher zu machen. Später dann, im 19. Jahrhundert, sollten die Bergkapellen den Zusammenhalt der  Belegschaften stärken, sie sollten aber auch das Ansehen des Standes der Bergleute in der Gesellschaft heben.

Damals hießen sie noch Berghoboisten: Hautboist oder Hoboist nannte man die Mitglieder einer Militärkapelle. Berghoboisten waren Mitglieder der Bergkapellen, die ab etwa 1900 dann Bergmusiker genannt wurden.

Im Nachhinein erscheint es als selbstverständlich, dass sich die prägende Kraft des Bergbaus für Gesellschaft und Wirtschaft an der Saar im 19. und 20. Jahrhundert auch kulturell Ausdruck verschaffte. Dies auch produktiv: Es entstanden viele Bergmannslieder, einige davon gingen ins allgemeine Liedgut über.

In den Liedern geht es um das Standesbewusstsein der Bergleute, um die Faszination des Bergbaus ebenso wie um die schwierigen, oft gefährlichen Arbeitsbedingungen.

Von diesen Arbeitsbedingungen zeuge auch der Gruß „Glück auf“, sagt Jakobs. Er sei gegen Ende des 16. Jahrhunderts entstanden vor dem Hintergrund, dass die Bergleute damals zuweilen zwei Stunden brauchten, um nach der Schicht aus dem Schacht zu klettern. Sie wünschten sich gegenseitig Glück, um unbeschadet ein- und ausfahren zu können.

Mit „Glück auf“ beginnt auch die heutige Version des Steigerliedes; das Original stammt wohl aus dem 17. Jahrhundert, in Sachsen begann es damals mit „Wacht auf, der Steiger kömmt“.

Das Lied wurde und blieb der musikalische Inbegriff des Bergbaus in der Öffentlichkeit. Daran änderte nichts, dass die Melodie des Steigermarsches 1920 an der Saar einen ganz anderen Text verpasst bekam: „Deutsch ist die Saar“, komponierte Hanns Maria Lux. Hintergrund war die erste Saarabstimmung 1935 und auch vor der zweiten 1955 wurde das Lied aus politischen Gründen gespielt. Überhaupt: Die von preußischer Musik und Organisation geprägten Bergkapellen gerieten gerade nach dem Ersten Weltkrieg in „heftige Konflikte“ (Jakobs)  mit den Franzosen.

Diese Konflikte sind längst Vergangenheit, auch der Saar-Bergbau gehört der Vergangenheit an. Die Musik ist geblieben. Heute ist die Bergkapelle Saar ein Traditionsorchester mit 55 Musikerinnen und Musikern. Es nimmt an Wertungsspielen teil, gibt zusammen mit dem Saarknappenchor Benefizkonzerte und produziert CDs.

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