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Zug der Erinnerung in Saarbrücken

Saarbrücken. Große hoffnungsvolle Kinderaugen blicken von den Außenwänden des Zuges der Erinnerung auf die Passanten herab Von SZ-Redaktionsmitglied Nicole Bastong

Saarbrücken. Große hoffnungsvolle Kinderaugen blicken von den Außenwänden des Zuges der Erinnerung auf die Passanten herab. Die Biografien der jüngsten Opfer des Holocausts in dieser Ausstellung geben der anonymen Masse aus über einer Million Kinder und Jugendlichen, die von den Nazis deportiert wurden, ein Gesicht - und machen die Verbrechen dieser Zeit angesichts des unschuldigen Kinderlächelns noch unbegreiflicher.

Etwa 100 Besucher kamen zur Eröffnung um neun Uhr am Gleis 1 des Saarbrücker Hauptbahnhofs. Unter den Gästen waren auch Oberbürgermeisterin Charlotte Britz, Staatssekretärin Susanne Reichrath, der französische Generalkonsul Philippe Cerf, Bahnhofsmanager Hartmut Fries sowie Vertreter der jüdischen Gemeinden in Metz und Saargemünd. Der Präsident der "Association pour la mémoire de deportes de Lorrain", Henry Rosenharz, überreichte sichtlich gerührt eine Liste mit den Namen von 1054 deportierten Kindern aus Lothringen. Schüler der ERS Nalbach legten mit den Namen von saarländischen Deportierten beschriftete weiße Steine im Zug aus. Es sei wichtig, die Jugend über mögliche Fehlentwicklungen aufzuklären, die in einer Gesellschaft entstehen können und die Folgen des Wegschauens aufzuzeigen, erklärte der Vorsitzende des Vereins DenkMalMit! Richard Borg, dessen eigene Familie deportiert wurde: "Was in diesen Jahren geschah, ist für einen gesunden Kopf kaum nachvollziehbar."

Am Nachmittag drängten sich Besucher jeden Alters auf den knirschenden Holzdielen und in den Kabinen des historischen Zuges. Die Schwestern Franziska (23) und Julia Werth (28) aus Saarbrücken verließen den Waggon sichtlich beeindruckt. "Erschütternd!", fasste Franziska ihre Eindrücke zusammen. "Besonders dreist finde ich, dass die Deportierten noch dafür bezahlen mussten", meinte Julia. Juri Berkovic aus Saarbrücken erzählte: "Ich bin selbst Jude, meine Großeltern wurden im Ghetto in Minsk ermordet. Man muss den Leuten vor Augen führen, welche Folgen es hat, wenn eine falsche Politik an der Macht ist."

Auch Christian Schmidt (19) ist beeindruckt: "Man denkt sich: Das könntest auch du gewesen sein, das ist schon krass."

"Ich habe einiges gesehen, wovon ich vorher nichts gewusst habe", sagt Sabine Hilgert aus Nohfelden. "Ich finde die Art der Darstellung ein bisschen zu direkt. Aber ich würde trotzdem empfehlen, sie sich unbedingt anzusehen." Magdalena Backes (21) aus Tholey meinte: "Man hat das alles mal in der Schule durchgenommen, aber gerade für jüngere Leute ist das so weit weg. Ich finde es gut, dass die Geschichte immer wieder aufgerollt wird."

William Seyler (82) aus Frankreich hat die Zeit selbst miterlebt. "Ich habe damals in Paris gelebt und auch einige persönlich gekannt, die deportiert wurden." Er glaubt nicht, dass später Geborene viel mit den Fotos anfangen können. "Für die, die es miterlebt haben, sprechen die Bilder."

Auf einen Blick

In Saarbrücken erinnert der Zug seit gestern an die deportierten Kinder und Jugendlichen. 19 Verschleppte aus Saarbrücken verzeichnet das Zug-Archiv, darunter auch der erst vierjährige Roger Strauss, der in Auschwitz ermordet wurde. Von der Reichsbahndirektion Saarbrücken wurden auch rund tausend Kinder und Jugendliche aus Lothringen und Luxemburg deportiert.

Die Ausstellung ist bis Mittwoch auf Gleis 1 des Saarbrücker Hauptbahnhofs zu sehen, täglich von acht bis 19 Uhr; der Eintritt ist frei. nic