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Zu wenig Pflegeeltern im Saarland

 Ein Pflegekind im Kinderzimmer bei den Hausaufgaben. Foto: Steffen/dpa
Ein Pflegekind im Kinderzimmer bei den Hausaufgaben. Foto: Steffen/dpa
Saarbrücken. Wenn Kinder vernachlässigt oder geschlagen werden, ihre Eltern aufgrund von psychischen Problemen oder Suchtkrankheiten mit der Erziehung überfordert sind und alle Maßnahmen des Jugendamtes nicht greifen, werden Kinder zeitweise oder völlig in Pflegefamilien untergebracht Von SZ-Redakteurin Ute Klockner

Saarbrücken. Wenn Kinder vernachlässigt oder geschlagen werden, ihre Eltern aufgrund von psychischen Problemen oder Suchtkrankheiten mit der Erziehung überfordert sind und alle Maßnahmen des Jugendamtes nicht greifen, werden Kinder zeitweise oder völlig in Pflegefamilien untergebracht. Doch die Jugendämter der fünf Landkreise sowie des Regionalverbands haben Schwierigkeiten, genügend Paare zu finden, die ein solches Kind bei sich aufnehmen wollen, wie eine SZ-Umfrage ergab. Ende 2012 lebten 928 saarländische Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien. Findet sich keine Familie, kommen die Kinder in professionellen Einrichtungen unter.Im Regionalverband liegt die Zahl seit Jahren konstant bei ungefähr 300. Aktuell sind es 293. Die sinkende Bereitschaft, Pflegekinder aufzunehmen, sei ein bundesweiter Trend, sagt die stellvertretende Abteilungsleiterin des Adoptions- und Pflegekinderdienstes, Renate Huber. Die Ursache dafür sieht sie in einer veränderten Gesellschaft: "Zum einen hat sich die finanzielle Situation der Familien verändert, häufig gehen beide Partner arbeiten, um den Lebensunterhalt zu finanzieren. Hinzu kommt die wachsende Angst vor Arbeitslosigkeit." Der Pflegekinderdienst erwarte, dass ein Elternteil zu Hause bleibt, damit die Kinder, die Beziehungsabbrüche erlebt haben, wieder Vertrauen aufbauen können.


Der Leiter des Jugendamts im Saarpfalz-Kreis, Klaus Guido Ruffing, sieht den Rückgang der Bewerber auch in Zusammenhang mit der allgemein sinkenden Bereitschaft für das Ehrenamt. "Pflegeeltern zu sein, ist eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, die eines besonders großen Engagements bedarf, denn die fremden Kinder kommen möglicherweise mit einem Päckchen an Problemen." Im Saarpfalz-Kreis leben derzeit 103 Kinder in Pflegefamilien. Im Jahr 2006 waren es 84.

Im Kreis Neunkirchen leben derzeit 179 Kinder in 134 Pflegefamilien. Im Jahr 2008 waren es 124, im vergangenen Jahr 214. "Trotz intensivster Werbeversuche sind nur wenige Familien bereit, Pflegefamilie werden zu wollen. Hinzu kommt, dass bei zehn Bewerbungen höchstens ein bis zwei geeignete Pflegefamilien übrig bleiben", heißt es seitens des Kreisjugendamtes.



Auch im Kreis Merzig-Wadern ist ein Trend zu erkennen, dass die Bereitschaft, Kinder in Vollzeitpflege aufzunehmen, rückläufig ist. Dort leben derzeit 63 Kinder und Jugendliche in 59 Pflegefamilien. Als Ursache macht man auch den fehlenden Mut von Familien verantwortlich, diese dauerhafte und nicht planbare Aufgabe zu übernehmen, aber auch mangelnde Anreize und unklare Vorstellungen von den Aufgaben der Pflegeeltern.

Im Kreis St. Wendel bleibt die Zahl der Pflegekinder seit Jahren konstant. Aktuell leben 112 Kinder und Jugendliche in Vollzeitpflege. Auch das dortige Kreisjugendamt findet es insgesamt schwieriger, Pflegefamilien zu finden. Auch hier sieht man die steigende Berufstätigkeit beider Elternteile als einen Grund. Die leiblichen Eltern bekämen heute wesentlich umfassendere ambulante Hilfen, damit sie ihr Kind behalten können.

Seit 30 Jahren liegt die Zahl der Pflegekinder im Kreis Saarlouis stabil zwischen 150 bis 160. In den letzten drei Jahren habe man einen leichten Anstieg verzeichnet, heißt es aus dem dortigen Jugendamt. Aktuell leben 178 Kinder in Vollzeitpflege. In Saarlouis misst man auch einer negativen Berichterstattung in den Medien eine Mitschuld an den Schwierigkeiten bei, Pflegeeltern zu finden.

Wer ein Pflegekind aufnehmen will, muss ein saarlandweit standardisiertes Verfahren durchlaufen. Ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis ist Voraussetzung, ebenso entsprechende Gesundheitszeugnisse. Charaktereigenschaften wie Geduld, Ausdauer, Belastbarkeit und eine stabile Partnerschaft gehören ebenfalls dazu. Finanzielle Unabhängigkeit ist eine weitere Anforderung sowie ausreichender Wohnraum. Nach Vorgesprächen lernen die angehenden Pflegeeltern in Bewerberseminaren, was es heißt, ein fremdes Kind aufzunehmen. Die Pflegekinderdienste begleiten die Familien nach der Aufnahme. "Wir spielen Schicksal für diese Kinder. Da muss die Pflegefamilie zu den Bedürfnissen des Kindes passen", sagt Ruffing. Meistens blieben die Kinder bis zur Volljährigkeit oder darüber hinaus bei ihrer neuen Familie.

 Ein Pflegekind im Kinderzimmer bei den Hausaufgaben. Foto: Steffen/dpa
Ein Pflegekind im Kinderzimmer bei den Hausaufgaben. Foto: Steffen/dpa