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Zeitgemäßes Spiel um die Schicksalsfrage "Geld oder Liebe"

Saarbrücken. Liebe im reifen Alter kann durchaus große Leidenschaft wecken. So hat HFM-Emeritus Max Pommer (Foto: SZ/Rupert Larl) mit seinen 73 Lebensjahren eine überwältigende neue Passion entdeckt: den Komponisten Richard Wagner. Am Landestheater Tirol in Innsbruck dirigierte er im Frühjahr Brigitte Fassbenders gefeierte Inszenierung von "Rheingold"

Saarbrücken. Liebe im reifen Alter kann durchaus große Leidenschaft wecken. So hat HFM-Emeritus Max Pommer (Foto: SZ/Rupert Larl) mit seinen 73 Lebensjahren eine überwältigende neue Passion entdeckt: den Komponisten Richard Wagner. Am Landestheater Tirol in Innsbruck dirigierte er im Frühjahr Brigitte Fassbenders gefeierte Inszenierung von "Rheingold". Der Auftakt des "Rings" als brillante Krimi-Satire vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise - Publikum und Kritik waren von der Produktion hingerissen. Die Tiroler "Rheingold"-Produktion: Sie war Pommers erste ernsthafte und abendfüllende Auseinandersetzung mit dem kontroversen deutschen Komponisten überhaupt. Warum so spät die Hinwendung zu Richard Wagner? An Pommers DDR-Vergangenheit lag es jedenfalls nicht, denn auch im Arbeiter- und Bauernstaat genoss der ideologisch heikle Tonsetzer höchstes künstlerisches Ansehen. Es waren eher die zufälligen Geschicke des Lebenslaufes, die beide Leipziger so spät zusammenführten. Max Pommer, unter dem dominanten Einfluss der musikalischen Ziehväter Hanns Eisler und Paul Dessau groß geworden, beschäftigte sich zunächst sehr intensiv mit Neuer Musik, dann als Leiter des Neuen Bachischen Collegium Musicum zu Leipzig vor allem mit Bach und Händel, später rückten auch deutsche Romantiker wie Bruckner, Brahms und Schumann ins Visier seines Taktstocks. Wagner stand nicht auf der Agenda. Was Pommer auf die alten Tage an Richard Wagner entdeckte, fügt sich weitgehend zur Rezeption des legendären Dresdener Ring-Regisseurs Joachim Herz. Er fand einen Komponisten von "hoher Intelligenz", der seine musikalischen Effekte zwar häufig mit grobem Pinselstrich, aber dennoch sehr bedacht und genau kalkuliert aufträgt - einen "Traditionalisten, der die Tür zu Neuem aufstößt". So filetierte die Innsbrucker Rheingold-Inszenierung, sehr zu Pommers Freude, in Wagners Oper die latente Kapitalismus-Kritik heraus - als ein zeitgemäß ausstaffiertes Spiel um die ewige Moral- und Schicksalsfrage "Geld oder Liebe". Nach dem glänzenden "Ring"-Auftakt läge nichts näher als eine Gesamt-Aufführung der Tetralogie. Nicht nur zu Pommers großem Bedauern verfügt das Tiroler Landestheater dazu leider nicht über die notwendigen personellen und technischen Ressourcen. Zwei Jahre hat der HFM-Emeritus noch Zeit, sich seinen Traum andernorts zur erfüllen. Mit 75 Jahren will er sich dann endgültig vom Dirigentenstab verabschieden. red