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Pflegebegutachtung
Zahl der Pflegeanträge rasant gestiegen

Die Pflegebegutachtung, bei der der Medizinische Dienst prüft, wie pflegebedürftig ein Mensch ist, ist seit der Pflegereform deutlich aufwändiger geworden.
Die Pflegebegutachtung, bei der der Medizinische Dienst prüft, wie pflegebedürftig ein Mensch ist, ist seit der Pflegereform deutlich aufwändiger geworden. FOTO: Britta Pedersen / dpa
Saarbrücken. Nirgends ist die Zahl der Anträge so stark gewachsen wie im Saarland. Die Folge sind lange Wartezeiten für Versicherte. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Seit die Pflegereform Anfang diesen Jahres in Kraft trat, ist die Zahl der Anträge auf Pflegeleistungen im Saarland rasant gestiegen – stärker als im Rest Deutschlands. Bundesweit gab es nach Angaben des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) einen Zuwachs von 17 Prozent. Die Steigerung im Saarland liegt sogar 50 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Zwischen Januar und September bearbeitete der Dienst im Saarland insgesamt 17 000 Fälle, davon 14 000 mit Hausbesuch. Bundesweit haben 220 000 Menschen mehr als vor der Reform Anspruch auf Leistungen, weil nun auch geistige und psychische Beeinträchtigungen, etwa Demenz, berücksichtigt werden, nicht nur körperliche Gebrechen.



Dass die Zahl der Anträge im Saarland so stark gestiegen ist, erklärt eine Sprecherin des hiesigen Gesundheitsministeriums damit, dass die Saarländer über ihre neuen Ansprüche besonders gut informiert worden seien.

Der Medizinische Dienst führt im Auftrag der Gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung die Pflegebegutachtungen durch. In der Regel besucht ein Gutachter dafür den Versicherten zu Hause und prüft, ob und in welchem Ausmaß er pflegebedürftig ist. Wegen des regelrechten Ansturms auf den Dienst und weil die neuen Begutachtungen zeitaufwändiger sind als früher, müssen die Saarländer deutlich länger warten als noch vor einem Jahr, bis sie einen Termin erhalten. Im Jahr 2016 vergingen im Schnitt 25 Tage zwischen der Antragstellung und dem Abschluss des Gutachtens, in diesem Jahr dauert es fast doppelt so lange: 45 Tage. „Die Pflegereform ist eine große Herausforderung auch für den Medizinischen Dienst“, sagt Kathrin Federmeyer, die beim Medizinischen Dienst im Saarland den Bereich Pflege leitet.

Erschwerend kam hinzu, dass der Dienst Mitte des Jahres Schwierigkeiten hatte, geeignetes Personal zu finden. Schon vor der Reform hatte er im Saarland sein Personal um ein Viertel aufgestockt. Insgesamt 120 Mitarbeiter sind es nun, 50 Gutachter kümmern sich um die Pflegebegutachtungen. Im Lauf des Jahres wurden weitere elf Mitarbeiter befristet eingestellt und externe Gutachter beauftragt, um den Berg an Anträgen abzuarbeiten. „Die Mitarbeiter leisten freiwillig, auch an Wochenenden, Mehrarbeit“, sagt Federmeyer. Sie ist zuversichtlich, dass sich die Lage in den kommenden Monaten entspannen wird und die Wartezeiten wieder kürzer werden.

Versäumnisse sieht das Ministerium, das die Aufsichtsbehörde des Dienstes ist, nicht. Die Pflegereform sei die weitreichendste seit Einführung der Pflegeversicherung vor 25 Jahren gewesen. Da schlichtweg Erfahrungswerte fehlten, habe der Dienst nur schätzen können, wie viel zusätzliche Arbeit anfallen würde, sagt eine Sprecherin.

In Erwartung des Auftragsbooms hatte der Bund die Bearbeitungsfristen in diesem Jahr ausgesetzt. Nur in besonderen Fällen – vor allem bei Erstanträgen auf Hilfe durch einen ambulanten Pflegedienst oder im Pflegeheim – gibt es sie noch. Da würden sie auch eingehalten, betont Federmeyer. Auch in Notfällen, etwa bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen oder um zu verhindern, dass die Versorgung unterbrochen wird, würden kurzfristig Termine vergeben.

In Notfällen, die eine eilige Begutachtung erfordern, können sich Versicherte unter Tel. (0681) 93667800 oder per E-Mail (pflege@mdk-saarland.de) an den Medizinischen Dienst im Saarland wenden.