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Zweite Schule schreibt Brandbrief
„Wir fühlen uns im Stich gelassen“

Ein Fernsehteam von RTL steht gestern vor der Bruchwiesen-Schule in Saarbrücken.
Ein Fernsehteam von RTL steht gestern vor der Bruchwiesen-Schule in Saarbrücken. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Nach dem Hilferuf von Lehrern der Bruchwiesenschule liegt der SZ ein weiterer Brandbrief vor. Von Ute Kirch
Ute Kirch

„Bei uns ist die Hölle los!“, heißt es gestern aus dem Sekretariat der Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken. Die Berichterstattung der SZ über den Brandbrief des Kollegiums über die verheerenden Zustände an der Schule haben für Medienrummel gesorgt. Kamerateams unter anderem von RTL und Sat.1 waren vor Ort. Im Brief vom Juni an die Ministerpräsidentin und den Bildungsminister hatten die Lehrer von schwersten Beleidigungen, Gewalt, Drogen- und Alkoholmissbrauch im Schulalltag berichtet.



Dies sei kein Einzelfall, kommentierten Bildungsakteure. Der SZ liegt nun ein weiteres Schreiben vor: Auf sechs Seiten schildern die Lehrer der Gemeinschaftsschule (GemS) Saarbrücken-Dudweiler Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) ihre zunehmende Überforderung und Frustration. Das Arbeitspensum und die Arbeitsbedingungen wirkten sich „im höchsten Maße negativ auf unsere Gesundheit und die allgemeine Sicherheit an unserer Schule“ aus. Der Krankenstand im Kollegium sei so hoch wie nie: „Unter den jetzigen Bedingungen sehen wir uns nicht mehr in der Lage, unserem Bildungsauftrag gerecht zu werden.“ Die Überlastung könne zu Fehlern oder Versäumnissen führen, in deren Folge Schüler geschädigt werden könnten, warnen die Lehrer.

Mit Sorge beobachte das Kollegium eine sinkende Kooperationsbereitschaft der Eltern. Diese erschienen nur in geringer Zahl bei Elternabenden und beschwerten sich in unangemessener Form. Auch die Zahl der gewaltsamen Konflikte zwischen den Schülern steige. Es fehle eine ausreichende psychologische Betreuung von Schülern und Lehrern. Das Schreiben von Anträgen und Berichten oder Telefonate mit Trägern und Ämtern binde viel Zeit.

Sie fordern bessere Rahmenbedingungen aufgrund der zusätzlichen Anforderungen. Seit fünf Jahren kümmerten sie sich engagiert um Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf und um Kinder ohne Deutschkenntnisse. Doch in Klassen mit 29 Schülern und mehr sei eine erfolgreiche Arbeit in einem derart heterogenen Umfeld unmöglich. Die Arbeiten, die Lehrer außerhalb des Unterrichts erledigten, würden mehr, die Unterrichtsverpflichtung bleibe jedoch gleich. Darunter leide die Qualität. Es fehle zudem an Förderschullehrern, geeigneten Räumlichkeiten sowie Zeit für Absprachen. „Wir arbeiten an der Nahtstelle, an der die Gesellschaft auseinanderbricht, und fühlen uns im Stich gelassen, da wir erkennen müssen, dass das bestehende System kollabiert“, schreiben sie.

Auf SZ-Anfrage heißt es aus dem Bildungsministerium: „Das Ministerium nimmt diese Belastungsanzeige sehr ernst und hält die Verstärkung der Ressourcen und den Aufbau multiprofessioneller Teams an der Gemeinschaftsschule Dudweiler und auch an anderen Gemeinschaftsschulen mit ähnlichen Belastungen für notwendig.“ Der Brief sei zeitnah beantwortet worden, in einem Gespräch habe man mit der Schule über Entlastungsmöglichkeiten gesprochen.

Das bestätigt Schulleiter Wolfgang Dietrich. Der Brief sei am 14. September verschickt worden, am 29. September sei die Antwort eingetroffen. Aus Termingründen habe das Gespräch erst in dieser Woche stattfinden können. „Kollegen, die dabei waren, berichten mir von einer konstruktiven Atmosphäre“, sagt Dietrich. Das Ministerium erkenne die Probleme an. „Wir wissen auch: Veränderungen gibt es nicht über Nacht“, sagt Dietrich. Letztlich sei es eine Frage der finanziellen Ausstattung: „Die geht über die Zuständigkeit des Bildungsministeriums hinaus.“ Die Politik müsse der Bildung einen größeren Stellenwert einräumen. Notfalls müsse der Bund angerufen werden. „Uns liegen die Kinder und ihre Zukunft am Herzen, deswegen engagieren wir uns stark und leisten gute Arbeit. Aber wie lange halten wir Lehrer das durch?“, fragt er.

Im neuen Jahr sollen laut Ministerium zehn besonders belastete Schulen im Raum Völklingen, Saarbrücken und Neunkirchen (fünf Grundschulen und fünf Gemeinschaftsschulen) mehr Ressourcen erhalten, die etwa für Doppelbesetzung des Unterrichts, für kleinere Klassen und für zusätzliche Fördermaßnahmen eingesetzt werden können. Schulen sollen Anrechnungsstunden für notwendige Absprachen erhalten. Lehrer durch Experten bei der Erstellung von Förderkonzepten unterstützt werden und an Schulen, die mit ähnlichen Bedingungen erfolgreich umgehen, hospitieren können. Im Haushalt 2018 seien zusätzlich 446 000 Euro für belastete Schulen eingeplant.

Der Verband Reale Bildung (VRB), der Lehrer an Gemeinschafts- und Förderschulen vertritt, forderte den Minister auf, zu erklären, inwiefern weitere Schulen mit vergleichbaren Briefen um Hilfe gerufen haben. Schon vor einiger Zeit habe der VRB darauf hingewiesen, dass sich Übergriffe verbaler und handgreiflicher Natur von Schülern und einigen Eltern mehrten. Die Darstellung der Bruchwiesschule habe „entsetzt, aber nicht überrascht“. Lehrer müssten zunehmend gesellschaftliche Probleme beheben. Dabei würden sie oft „zum Sündenbock für Nichtgelingendes angeprangert, man gebe sich nur nicht genug Mühe“.

Grüne und FDP werfen Commerçon vor, sich bislang nicht ausreichend zu kümmern. „Die Zustände an der GemS Bruchwiese sind unerträglich und inakzeptabel. Der Kultusminister hat den skandalösen Verhältnissen zu lange zugeschaut“, sagt der FDP-Landeschef Oliver Luksic. Schulen mit hohem Ausländeranteil müssten zusätzliche Stellen erhalten, die „ideologische Umsetzung der Inklusion“ seitens der Landesregierung müsse gestoppt werden. Der Minister müsse die strukturellen Ursachen anpacken, sagt Ex-Bildungsminister Klaus Kessler (Grüne). Es brauche mehr Lehrer und Schulsozialarbeiterstellen. Die 446 000 Euro für belastete Schulen reichten nicht aus. Es müsse die Aufstellung eines Nachtragshaushalts oder eines Sonderprogramms geprüft werden.