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Wie lange arbeiten Lehrer wirklich?
Wie lange müssen Lehrer arbeiten?

Marcus Hahn, Vorsitzender des saarländischen Philologenverbandes.
Marcus Hahn, Vorsitzender des saarländischen Philologenverbandes. FOTO: Marc Prams
Saarbrücken/Berlin. Der Deutsche Philologenverband will die „wahre Arbeitszeit“ von Lehrern ermitteln. Auch im Saarland. Von Stephanie Schwarz

Erstmals ist in Deutschland am 15. Januar eine bundesweite Studie zur Erfassung der Arbeitszeiten von Gymnasiallehrern gestartet worden. Der Deutsche Philologenverband möchte damit die Zusammenhänge zwischen Arbeitszeit, Belastung und Gesundheit bei Lehrern untersuchen. Am Montag hat die Studie auch im Saarland begonnen. 175 000 Gymnasiallehrer, davon 2500 aus dem Saarland, dürfen daran teilnehmen. Vier Wochen lang sollen sie ihre Arbeitszeiten in einem Protokoll festhalten.


Ziel der Studie ist es, die „wahre Arbeitsbelastung“ der Lehrer an Gymnasien aufzulisten. Konkret heißt das: Wie viel Zeit hat ein Lehrer für den Unterricht und wie viele Stunden verbringt er mit außerunterrichtlichen Tätigkeiten, wie Elterngesprächen und Bürokratie. Zehn Prozent aller Lehrer müssen daran teilnehmen, damit das Ergebnis repräsentativ ist  – rund 250 im Saarland.

Die Studie läuft über fast drei Monate. Begonnen haben die Lehrer in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Sachsen, sagt Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes: „Wir haben in jedem Bundesland vier Wochen ohne Ferien gewählt. Deshalb finden die Studien nicht gleichzeitig statt.“ Am 25. März enden die Aufzeichnungen in Bayern. Mitte des Jahres soll es dann die ersten vorläufigen Ergebnisse der Bundesländer geben, die zuerst gestartet sind.



Eine solche Studie sei dringend notwendig, sagt Marcus Hahn, Vorsitzender des Saarländischen Philologenverbandes. „Die letzten Teilstudien zu den Arbeitszeiten von Lehrern gab es in den 70ern.“ Die Studien bezogen sich jedoch nicht auf die Gesamtsituation der Gymnasiallehrer. „Es ist schwer eine Prognose des Ergebnisses zu stellen, aber wir nehmen an, dass saarländische Gymnasiallehrer vier Schulstunden pro Woche mehr arbeiten“, sagt Hahn – 16 unbezahlte Überstunden pro Monat. Für Lehrer sei dies die höchste Arbeitsbelastung seit 1945, sagt Lin-Klitzing. „Allein die Dokumentationspflicht ist hoch. Lehrer müssen zum Beispiel festhalten, wie eine Note entsteht“, sagt Karin Staab, stellvertretende Schulleiterin des Otto-Hahn-Gymnasiums in Saarbrücken.

Ein weiteres Aufgabenfeld der Lehrer ist heute verstärkt auch die Erziehung. „In den Schulen sind immer mehr Kinder mit sozialen Problemen, um die sich Lehrer kümmern. Wir tun das gerne, aber haben eigentlich keine Zeit dafür“, sagt Staab. Es sei ein Niveau erreicht, bei dem Lehrer ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen könnten. „Wenn sich herausstellen sollte, dass Lehrer auf Grund anderer außerunterrichtlicher Bereiche keine Zeit mehr für ihre eigentliche Aufgabe haben, das Unterrichten, dann muss sich dringend etwas ändern“, sagt Lin-Klitzing. Schulassistenten könnten Lehrer etwa bei bürokratischen Aufgaben entlasten. Das sei jedoch nicht ausreichend: Über kurz oder lang müsse das Land mehr Lehrer einstellen, um die Kollegen effektiv entlasten zu können, sagt Hahn.

Und in den kommenden Jahren sei die beste Zeit dafür, da im Saarland derzeit ein junges Kollegium an den Gymnasien unterrichte. „Junge und motivierte Lehrer sollen auch im Alter noch gesunde und motivierte Lehrer bleiben“, sagt Hahn. Auf Grund der hohen Belastung gehen Gymnasiallehrer aus gesundheitlichen Gründen immer früher in Rente. Oft bereits mit Mitte Fünfzig. „Wenn die älteren Kollegen ausfallen, weil sie der physischen Belastung nicht mehr standhalten, müssen die Jüngeren die Arbeit auffangen und gehen ebenfalls das Risiko ein, an der Belastung zu zerbrechen“, erklärt Lin-Klitzing: „Das ist ein Teufelskreis, den wir dringend stoppen müssen.“

Informationen unter www.arbeitszeitanalyse.de

Susanne Lin-Klitzing, 
Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes.
Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes. FOTO: Deutscher Philologenverband / DPHV
Stellvertretende Schulleiterin am Otto-Hahn-Gymnasium in Saarbrücken und Pressesprecherin des saarländischen Philologenverbandes
Stellvertretende Schulleiterin am Otto-Hahn-Gymnasium in Saarbrücken und Pressesprecherin des saarländischen Philologenverbandes FOTO: Stephanie Schwarz