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"Wie gegen Bayern München"

Hermann-Röchling-Höhe. Völklinger Kommunalpolitik, da ist Jürgen Konrad überzeugt, richtet sich nicht automatisch nach dem Willen großer Mehrheiten, sondern "wird in Hinterzimmern durchgewinkt". So seien 97 Prozent der Bewohner der Hermann-Röchling-Höhe für die Beibehaltung des Namens. Die Mehrheit im Stadtrat allerdings ignoriere dies und werde in der Sitzung am 30 Von SZ-Redakteur Peter Wagner

Hermann-Röchling-Höhe. Völklinger Kommunalpolitik, da ist Jürgen Konrad überzeugt, richtet sich nicht automatisch nach dem Willen großer Mehrheiten, sondern "wird in Hinterzimmern durchgewinkt". So seien 97 Prozent der Bewohner der Hermann-Röchling-Höhe für die Beibehaltung des Namens. Die Mehrheit im Stadtrat allerdings ignoriere dies und werde in der Sitzung am 30. Januar wohl den "Hermann" streichen, weil sie unter Druck einer Minderheit stehe, die Hermann Röchling einen Kriegsverbrecher schelte. Von den großen Parteien habe einzig CDU-Mann Stefan Rabel den Schneid gehabt, dem Druck standzuhalten, habe sich inzwischen aber auch gebeugt, sagte Konrad am Sonntag im Gasthaus auf der Hermann-Röchling-Höhe.In dieses Vereinsheim hatte die Bürgerinitiative "Zukunft Hermann-Röchling-Höhe" zu ihrem ersten Neujahrsempfang eingeladen. Konrad, Vorsitzender dieser im Herbst gegründeten Initiative, die mittlerweile ein Verein geworden ist, freute sich über gut 60 Gäste, darunter auch einige aus anderen Stadtteilen. Bei Sekt und Erbsensuppe gestand Konrad ein, dass der politische Kampf für den Erhalt des Namens Hermann-Röchling-Höhe chancenarm sei, so ähnlich, wie wenn der örtliche Fußballverein gegen Bayern München antrete.



"Strafzettel" für Politiker

Bürgerbegehren und -entscheid seien ungeeignete Mittel. Man dürfe den Politikern aber versichern, dass sie bei der Kommunalwahl ihre "Strafzettel" bekämen. Im übrigen werde es nicht gelingen, den allgegenwärtigen Namen aus dem Stadtbild und aus den Köpfen zu tilgen.

Bernd Stelmaszyk, Vorsitzender des Fußballvereins, verbat sich die Mutmaßung, dass die Leute auf der Hermann-Röchling-Höhe Nazi-Befürworter seien. Der Namensgeber habe viel geleistet, was den Menschen etwas bedeute, und habe seine Strafe abgesessen. Wieso gestehe man ihm nicht zu, als Resozialisierter eine Chance zu bekommen? Politischer Rückhalt kam von Karl-Heinz Remark, Sprecher der Interessengemeinschaft Pro Völklingen im Stadtrat. Er warf den Befürwortern der Namensänderung "Falschheit, Mauschelei und politische Profilierungsversuche" vor und nahm Hermann Röchling in Schutz: Der Industrielle habe nicht ins Gefängnis gemusst, sondern habe einen Teil seiner Haftstrafe quasi als Freigänger in einem Kloster abgesessen. Daran könne man die Schwere seiner Schuld ablesen. Als man den Ort nach ihm benannte, sei man frei in der Entscheidung gewesen und habe wohl abgewogen.

Demonstration steht bevor

Jürgen Konrad kündigte an, vor der entscheidenden Ratssitzung, an der die Bürgerinitiative zahlreich teilnehmen will, einen Demonstrationszug durch den Stadtteil zu organisieren. Der neue Verein, der nach eigenen Angaben bereits 100 Mitglieder zählt, will den 75. Geburtstag des Stadtteils am 1. September - "14 Tage vor der Bundestagswahl" - mit einer großen Feier begehen.

Hintergrund

Womöglich beschließt der Stadtrat bereits in seiner Sitzung am 30. Januar eine Änderung des Stadtteilnamens in "Röchling-Höhe". Vorberaten wird in einer Sitzung des Hauptausschusses am kommenden Donnerstag. CDU-, SPD- und FDP-Stadtratsfraktion haben sich bereits für diese Lösung ausgesprochen. Auch Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) befürwortet diesen Kompromiss. Damit würden die Verdienste der Familie um die Stadt Völklingen weiter gewürdigt, ohne ein Mitglied hervorzuheben.

Die Linken, die Synagogengemeinde Saar und eine Bürgerinitiative, die die Diskussion vor zwei Jahren anstieß, beharren auf völliger Streichung des Namens Röchling. Die gesamte Familie sei in Nazi-Verbrechen verwickelt gewesen. Der Stadtrat hatte die damalige Bouser Höhe 1956 mit Mehrheitsbeschluss in Hermann-Röchling-Höhe umbenannt. er