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Kino
Schnee im Frühling und eine Busenprobe

 Lola im Spiegel: Eine Szene aus Max Ophüls Film „Lola Montez“ mit Peter Ustinov und der verführerischen Martine Carol (in der Titelrolle). Das Historienstück war nach dem Krieg der bis dahin teuerste deutsche Film, kostete über sieben Millionen Mark.
Lola im Spiegel: Eine Szene aus Max Ophüls Film „Lola Montez“ mit Peter Ustinov und der verführerischen Martine Carol (in der Titelrolle). Das Historienstück war nach dem Krieg der bis dahin teuerste deutsche Film, kostete über sieben Millionen Mark. FOTO: picture alliance / / dpa Picture-Alliance /
Saarbrücken/Bamberg. Als Kind war der Maler Cleff III. beim Dreh von Ophüls Film „Lola Montez“ dabei. Auch über 60 Jahre danach ist ihm dieser Tag unvergesslich. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Wenn man sechs ist, ist einem Filmgeschichte ziemlich egal. Selbst wenn man beim teuersten deutschen Film mitspielt. Mit Weltstars wie Peter Ustinov und dem französischen Kurvenwunder Martine Carol. Erich Cleff tritt Ende April 1955 in seiner Heimatstadt Bamberg von einem Bein aufs andere und wartet. Ist furchtbar aufgeregt. Wann fährt endlich diese Kutsche den Berg runter? Stoppt sie, das hat man dem Sechsjährigen eingeschärft, soll er hinlaufen und den Wagenschlag öffnen. „Ich wollte das unbedingt gut machen“, erinnert sich Erich Cleff, der sich heute schlicht Cleff III. nennt. Weil er nicht nur seinen Nachnamen von Großvater und Vater geerbt hat, beides bekannte Bildhauer und Maler, sondern auch den Erich davor.


Dass in der Kutsche damals die Carol sitzt, Mitte der 50er sowas wie die heißeste Versuchung des europäischen Kinos, kümmert den Steppke nicht. Er will bloß nichts falsch machen. Immer wieder schaut er ehrfurchtsvoll zu dem „Mann mit dem runden Hut“. Der Mann mit Hut ist Max Ophüls, der in Bamberg, aber auch München, Paris und Nizza zwei Jahre vor seinem Tod 1957 seinen letzten Film dreht.

„Lola Montez“ wird ein weiteres Meisterwerk Ophüls’ werden. So sieht man das später. Zu Lebzeiten muss der Saarbrücker Regisseur aber noch kübelweise hämische Kritik erdulden und Zuschauer, die seinem Film die kalte Schulter zeigen. Die hatten nach mehr Bein und Busen der Carol gelechzt, bekamen stattdessen ein komplex erzähltes Historienstück über die berühmteste Lebedame des 19. Jahrhunderts, der Geliebten von Bayernkönig Ludwig I., die aber auch Franz Lizst um den Finger wickelte, eine Frau auch, die Männer wie Marionetten tanzen ließ. Ophüls’ Film spart zwar nicht mit Anspielungen, wohl aber an Offensichtlichem. Dem Publikum ist das zu wenig.



Auch Cleff findet den Film, als er ihn als junger Erwachsener endlich sehen darf, „ziemlich harmlos“. Obwohl mit der berühmten „Busenprobe“ durchaus was zu zeigen gewesen wäre. Carol alias Montez zerfetzt in Rage vor Ludwig I. (Adolf Wohlbrück) ihr Kleid, um ihre immer noch tadellose Figur zu demonstrieren. Doch bevor’s wirklich was zu sehen gibt, lässt Ophüls gewitzt auf Diener blenden, die Nähzeug für das derangierte Textil der feschen Lola besorgen.

Doch das bleibt nicht die einzige Enttäuschung für Cleff. So sehr er auch guckt, sein Kutschen-Auftritt, für den er einen ganzen Tag warten musste, ist nicht drin. „Die guten Szenen sind alle rausgeschnitten, nur die sehr guten blieben drin“, nimmt er es heute mit Humor. Dabei ging es ihm immerhin noch besser als seiner Mutter, die mit Hunderten Statisten in historischen Kostümen ausharrt, aber dann gar nicht gebraucht wurde. Cleff Junior stand ja immerhin mal vor der Kamera.

Und einzelne Momente des Drehs haben sich bei dem heute 72-Jährigen fest eingebrannt. Zwar nicht Max Ophüls. Viel bekam er von dem berühmten Regisseur nicht mit: „Es waren unheimlich viele Leute um ihn rum, die alle auf seine Anweisungen hörten.“ Ansonsten bleibt Ophüls für ihn eine ferne Gestalt. Was den Knaben aber beeindruckt: In seiner Heimatstadt Bamberg liegt Ende April plötzlich wieder Schnee. Obwohl längst Frühling einkehrte. Tonnenweise hat Max Ophüls die weiße Pracht ranschaffen lassen, damit das alte Bamberg winterlich wirkt. „Sogar ein Weg wurde rot eingefärbt“, wundert sich Cleff III. noch heute. Für seinen ersten Farbfilm schöpfte der berühmte Regisseur aus dem Vollen, ließ ganze Filmkulissen in Schneeregionen verfrachten, befahl umgekehrt im noch kalten München Sommer und ließ Stars in leichter Garderobe bibbern. Ganz großes Kino eben.

Über sieben Millionen Mark hat der Film damals gekostet, der teuerste deutsche Streifen nach dem Krieg bis dahin. Was Ophüls nicht sonderlich juckte. Schließlich habe er „gleich drei Filme“ für den Preis gedreht, antwortete er einem Journalisten. Wie damals häufiger wurden eine englische, französische und deutsche Fassung gedreht – um nicht aufwändig für die jeweiligen Kinomärkte synchronisieren zu müssen.

Das Kino hätte durchaus auch Erich Cleffs Leben werden können. Als ihm, so mit 20, Bamberg zu eng wurde und er nach München „flüchtete“, drehte er mit Gila von Weitershausen und Regisseur Michael Verhoeven. „Kleinere Rollen, die schon Spaß gemacht haben“, sagt er, „aber ich habe schnell gemerkt, dass Schauspieler sein, bedeutet, viel zu warten und zu hoffen, dass man besetzt wird.“ So hat er sich dem Malen zugewandt – wie schon sein Großvater und Vater. Porträts sind bis heute seine Passion, oft bannt er Prominente auf die Leinwand. Ein Cleff-Gemälde von Gerhard Schröder habe sogar der russische Energiekonzern Rosneft gekauft, erzählt er, und dem Altkanzler und Rosneft-Aufsichtsratschef zum Geschenk gemacht. Keiner aber hat Cleff III. mehr fasziniert als Peter Ustinov. Auch das begann schon mit den Dreharbeiten „Lola Montez“. Bis sich dann für den Maler der Kreis schloss, er den Schauspieler und Weltbürger malen und treffen konnte.