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Wege aus der industriellen Landwirtschaft
Wie der Acker zur giftfreien Zone wird

Bauer Marcus Comtesse (links) zeigt seinen Besuchern das Wurzelwerk einer Ackerpflanze. Um auf den Unkrautvernichter zu verzichten, setzt er auf die Mischung von Feldfrüchten.
Bauer Marcus Comtesse (links) zeigt seinen Besuchern das Wurzelwerk einer Ackerpflanze. Um auf den Unkrautvernichter zu verzichten, setzt er auf die Mischung von Feldfrüchten. FOTO: Dietmar Klostermann/SZ / Dietmar Klostermann
Wadgassen . Der Unkrautvernichter Glyphosat, der unter Verdacht steht, krebserregend zu sein, spaltet die Gemüter. Bioland-Bauer Marcus Comtesse will zeigen: Es geht auch ohne. Von Dietmar Klostermann
Dietmar Klostermann

Nichts weist in diesem Wohngebiet von Wadgassen-Schaffhausen darauf hin, dass sich im Hause Feldstraße 10 die Zukunft des deutschen Ackerbaus befinden könnte. Dort wohnt der Bioland-Bauer Marcus Comtesse mit seiner Familie. Wer ums Reihenhaus herum geht, dem eröffnet sich, nachdem der kleine Bauerngarten mit Johannisbeeren und Kartoffeln sowie die tief hängenden, mit grünen Kugeln dicht bepackten Äste des Maroni-Baums – den Kopf eingezogen – passiert sind, ein kleines Idyll. Da ist der Hofladen im Holzhäuschen, davor stehen die Tische, darauf Schüsseln mit hart gekochten Eiern, die Töpfe mit dampfenden Frühkartoffeln, Schälchen mit Kräuterquark und das Brot von Bio-Bäcker Joachim Paul aus Saarwellingen. Zwischen Paletten, auf denen die Säcke mit den Bio-Frühkartoffeln (Sorte „Glorietta“) lagern, dampft die Linsensuppe auf einer Herdplatte.


„Auf Glyphosat kann ich getrost verzichten“, sagt Comtesse den etwa 20 Interressierten, die sich auf Eiladung der Linkspartei-nahen Peter-Imandt-Gesellschaft und Rosa-Luxemburg-Stiftung Saar, von Slowfood Saarland, dem Unverpackt-Laden Saarbrücken, der Bliesgau Ölmühle, der Projektgruppe Essbares Saarland, des Dillinger Vereins Zukunftswerkstatt Saar, der Leindotter-Initiative und des Bundesverbands Ölmühlen und Pflanzenöltechnik in seinem Hofgarten eingefunden haben. Von Comtesses Verzicht auf das Unkrautvernichtungsgift aus dem Hause Monsanto/Bayer, das unter dem Markennamen Roundup bereits in Millionen Tonnen auf Äckern rund um den Globus von Bauern eingesetzt wurde und wird, konnten sich die Teilnehmer vor dem gesunden Schmaus selbst überzeugen.

Der Bauer, bewehrt mit einem Strohhut gegen die sengende Sommersonne, führte sie etwa 500 Meter durch das schicke Wohnviertel, in dem sich manche Eigenheimbesitzer ihren Traum vom Wohntempel mit Säulen und zugepflasterten Vorgärten verwirklicht haben. Dahinter erstrecken sich die Felder Comtesses. Wer sich auf dem leicht ansteigenden Feldweg umdreht, vor dem breitet sich das Panorama des Saartals aus.

„Hier stehen Ackerbohne und Hafer beieinander“, zeigt Comtesse auf die Feldfrüchte des ersten Ackers hinter der Wohnbebauung. Und offenbart sein Geheimnis: Durch die Mischung der Feldfrüchte kann er gänzlich auf chemische Keulen verzichten. „Durch Milchsäurebakterien werden die Ackerbohnen gepuscht, der Hafer bleibt kleiner“, sagt Comtesse schmunzelnd. Der Bauer, bekleidet mit T-Shirt mit Bioland-Logo und Zimtstern-Shorts, sagt, dass er ein Jahr lang Lehrgänge besucht habe, wie mit dem Mischfruchtanbau Erfolge erzielt werden können. „Diese Investition hat sich bereits ausgezahlt“, erklärt Comtesse.

Dabei kommt Comtesse ganz ohne einen Pflug aus. Er setzt auf eggen und fräsen. Und nutzt ein Fabrikat aus der Schweiz, den „Baerschi Wecodyn“, die „pfluglose Bodenbearbeitung“. Auf einer Blüte der Ackerwinde, die dort am Feldrand steht, sitzt ein Tagpfauenauge. Auch Klatschmohn und Kornblumen wachsen hier. Zudem gibt es hier auch keine konventionell arbeitenden Bauern, die Glyphosat verwenden, in der Nachbarschaft, erklärt Comtesse. „Das sind alles Felder, die ich bearbeite, dann kommen Wälder“, sagt der Bio-Bauer.



Auch Schädlinge wie der Bohnenkäfer meiden die Mischkultur von Comtesse. „Der Bohnenkäfer mag den Hafer nicht“, sagt Comtesse. Zudem entstehe durch die Mischkulturen eine gesunde Humusschicht. Seine Frühkartoffeln haben noch eine so dünne Schale, dass sie noch nicht maschinell geerntet werden können. „Darum kostet das per Hand geerntete Kilo Kartoffeln auch noch drei Euro“, erklärt der Bio-Bauer. Probleme habe er jedoch mit den Wildschweinen, die drei Hektar Kartoffelfeld zerstört hätten. Aber nicht weil die Wildschweine auf die Kartoffeln aus waren. Denen sei es vielmehr um die Engerlinge im Boden gegangen, die bei den Bio-Kartoffeln eher zu Hause sind. „Wegen der Hecken, die ein früherer Bürgermeister hier hat anpflanzen lassen, haben die Wildschweine eine prima Deckung“, beschreibt Comtesse die Schwierigkeit für die Jagdpächter, die Sauen gut vor die Flinte zu bekommen.

Angekommen ist die Gruppe an einem Feld, auf dem Hafer und Beluga-Linsen stehen sollen. Comtesse geht zehn Meter ins Feld herein, dann rupft er eine Pflanze heraus und bringt sie zu der auf dem Feldweg harrenden Gruppe. „Der Hafer ist wegen des guten Frühlingswetters so schnell gewachsen, dass die Linsen zu wenig Licht abbekommen haben“, erklärt er, warum bei diesem Mischanbau-Feld kein Gleichgewicht existiert.

„Ich kaufe Hafer, Roggen und Weizen direkt von Comtesse“, sagt Bäcker Joachim Paul von der Bäckerei Welling aus Saarwellingen. Paul zeigt sich sehr beeindruckt von den Anbauerfolgen Comtesses ganz ohne chemische Keulen. Auch die Hühner, die auf einer gemähten Wiese scharren, haben es Paul angetan. „Wie gesund und kräftig die aussehen“, schwärmt der Bäcker und Konditor. Schon überlegt er, ob er nicht die 7000 Eier pro Woche, die er für die Produktion des Angebots in 13 Filialen benötigt, bei Comtesse bestellt. Doch der schmunzelt nur verlegen. Und wird dann vom Fernseh-Team des SR in Beschlag genommen, das ein Interview mit dem Öko-Bauern machen möchte. Vor seinem Hafer-Linsen-Feld.