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Wie aus dem Bäcker von Schnappach der „Brasilien-Opa“ wurde

Sulzbach. Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven hat Geschichten von saarländischen Auswanderern in seine Sammlung aufgenommen. Auch die von Ludwig Högel aus Schnappach, der 1902 nach Brasilien ging. kes

Ludwig Högel, geboren 1858 in Schnappach, sehnte sich nach einem Neuanfang, als er 1902 auf ein Schiff der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft stieg. Trauer und Schulden trieben ihn fort; Mut und Abenteuerlust waren mit an Bord. In São Paulo sollte alles besser werden. "Alles in allem hat es sich für ihn gelohnt", sagt seine Urenkelin Bärbel Fillers-Lehmann, die im Münsterland lebt und das Buch "Brasilien-Opa" veröffentlicht hat. Durch einen SZ-Aufruf nach saarländischen Auswanderer-Biografien erfuhr das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven von der Geschichte - und nahm sie in seine Sammlung auf.

"Wir sind sehr froh über die Biografie", sagt Tanja Fittkau, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Einrichtung, "weil sie eine Auswanderung nach Brasilien dokumentiert, was viel seltener ist als zum Beispiel eine Auswanderung in die USA." Zudem kehrte Högel zurück nach Deutschland, "auch Berichte über eine Rückwanderung hat man selten".

Die Lebensgeschichte ihres Urgroßvaters werde seit Generationen in der Familie weitergetragen, berichtet Fillers-Lehmann. "Meine Mutter erzählte mir oft von ihrem Großvater, den sie den ‚Brasilien-Opa' nannte. So hieß er dann auch für mich." Aus Briefen und Erzählungen schrieb die Urenkelin später die Biografie. "Sie ist ein Stück Zeitgeschichte und ein spannendes und kurioses Stück Familiengeschichte." Denn der "Brasilien-Opa" aus dem Sulzbachtal war ein Ausreißer.

In Schnappach war Högel in die Bäcker-Lehre gegangen, er hatte geheiratet, eine Bäckerei eröffnet - und er hatte es nicht leicht. "Seine Frau starb 1900 und er hatte geschäftlichen Misserfolg. Ich glaube, er wollte vor allem den Schulden entkommen", sagt die Urenkelin. Mit Mitte 40 zog Högel seine Konsequenz - und wanderte aus. "Warum nach Brasilien, ist nicht klar." Seine vier Kinder im Alter von 14 bis 17 Jahren ließ er bei Verwandten.

Am 1. November 1902 stach der Hamburger Dampfer in See; das Deutsche Auswandererhaus hat Högels Namen über 110 Jahre später auf der Passagierliste ausfindig gemacht. Die sprichwörtliche Flucht des Saarländers vor wirtschaftlicher Not sei ein typischer Auswanderungsgrund, sagt Museums-Mitarbeiterin Fittkau. Auch ein häufiges Muster: Högel wollte seine Kinder wohl nachholen. Aber es kam nie dazu. Dennoch blieb er in Briefkontakt mit der Familie, die seine Ausreise zumindest in Briefen nicht be- oder verurteilte.

Im Ankunftshafen Rio Grande do Sul und später in São Paulo ging es Högel besser. "Manche Briefe sind regelrecht euphorisch", sagt Fillers-Lehmann. Er zog als Plantagen-Arbeiter durch das Land, war mal Imker, mal Gärtner, genoss seine Freiheit. "Die Arbeit hat ihm Spaß gemacht." Aber neuen Hader und Heimweh gab es auch - und Högel kam zurück. Von 1909 bis 1912 lebte er in Deutschland, ging dann wieder nach Brasilien, 1929 kehrte er endgültig heim. Er starb 1940 in Magdeburg. "Er war anders als seine gutbürgerliche Familie", sagt seine Urenkelin. "Aber er wollte wohl einfach seine zweite Chance haben." Bis heute ist der "Brasilien-Opa" in der Familie verwurzelt - etwa als Gesprächsthema.

Die saarländischen Geschichten aus dieser Serie liegen zunächst im Archiv des Deutschen Auswandererhauses; ihre Aufbereitung läuft noch. Möglicherweise werden sie einmal ausgestellt.