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Wer pflegt die Pflegenden?

Eigentlich will man es nicht mehr hören, dieses Wort: demografischer Wandel. Inzwischen hat doch jeder kapiert, was es bedeutet. Die Deutschen werden immer älter und immer weniger, weil sie zu wenige Kinder kriegen. Fertig. Nicht ganz. Auch wenn's nervt: Die Menschen können den Wandel nicht ignorieren. Obwohl sich daran auf die Schnelle nichts ändern lässt Von SZ-Redakteur Pascal Becher

Eigentlich will man es nicht mehr hören, dieses Wort: demografischer Wandel. Inzwischen hat doch jeder kapiert, was es bedeutet. Die Deutschen werden immer älter und immer weniger, weil sie zu wenige Kinder kriegen. Fertig. Nicht ganz. Auch wenn's nervt: Die Menschen können den Wandel nicht ignorieren. Obwohl sich daran auf die Schnelle nichts ändern lässt. Sie können lediglich heute für morgen vorsorgen, also das nötige Geld für den gepflegten Lebensabend selbst zusammenkratzen. Wenn sie sich das leisten können.Genau da liegt das Problem. Millionen Deutsche können es nicht. Warum? "Ganz einfach: Sie pflegen ihre Eltern, Kinder oder den Ehepartner und können so oftmals keiner geregelten Arbeit nachgehen", sagt Hans Kraß. Der Landesgeschäftsführer des saarländischen Sozialverbands VdK ist Experte auf dem Gebiet "Pflege". Kein Wunder. Die Organisation vertritt seit Jahrzehnten schon die "Schwerstarbeiter der Nation" vor Gericht, gegenüber den Pflegeversicherungen und der Politik. Also die Menschen, die sich tagein, tagaus, oft rund um die Uhr um das Wohl ihrer nächsten Angehörigen kümmern. Er weiß: "Eigene Bedürfnisse stellen Pflegende oft ganz zurück." Und die Gesundheit? "Die bleibt auch auf der Strecke."


Eine VdK-Umfrage zeigt: Mehr als die Hälfte aller Pflegenden ist über 55 Jahre alt. 70 Prozent sind Frauen. Vier von Fünf leiden je länger die Pflegesituation besteht unter körperlichen und seelischen Beschwerden. Fast schon klassisch sind Rückenschmerzen (60 Prozent aller Pflegenden). Aber auch dauerhafte Schlafstörungen (25 Prozent), Herz-Kreislauf-Beschwerden und Magenschmerzen (jeweils 20 Prozent) sind weit verbreitet. Drastischer seien allerdings die psychischen Belastungen, sagt Jürgen Johann, stellvertretender Geschäftsführer des VdK im Saarland: "Pflegende Angehörige ziehen sich oft aus der Gesellschaft zurück." Jeder Vierte habe deshalb sogar kaum bis gar keine sozialen Kontakte mehr. Die Folge: Die Pflegenden fühlen sich hilflos und verzweifelt, leiden teilweise unter starken Depressionen.

Ihre Arbeit hinlegen, können sie dennoch nicht. "Wer kümmert sich sonst um die 2,25 Millionen Menschen, die derzeit in Deutschland von Angehörigen gepflegt werden müssen?", fragt Johann. Und es würden immer mehr. Allein im Saarland wird die Zahl der über 80-Jährigen und damit die Gruppe der Menschen, die meist gepflegt werden müssen, bis 2030 um fast 20 000 zunehmen, schätzt das statistische Landesamt. Bis 2050 soll sich ihre Anzahl von 58 000 auf 114 000 Menschen nahezu verdoppeln. Zeitgleich werden knapp 220 000 Saarländer weniger in die Sozialsysteme einbezahlen oder sich um ihre kranken Angehörigen kümmern können. "Dieses Land steuert auf einen Pflege-Kollaps zu und damit verbunden wird das Problem Altersarmut verstärkt", schlägt Kraß Alarm.



Ein Beispiel? "Würden alle Menschen in Deutschland, die einen Angehörigen zu Hause pflegen, von heute auf morgen die Pflege einstellen, müssten 3,2 Millionen zusätzliche Vollzeit-Pflegekräfte eingestellt werden", erklärt VdK-Experte Johann. Je nach Stundenlohn wären das zwischen 75 und 145 Milliarden Euro Lohnkosten. Summen, die die Pflegeversicherungen und Kommunen zusätzlich aufwenden müssten. Das könnten sie aber nicht, meint Kraß. Das zeige allein schon der "beschämende Umgang" mit Demenzkranken. "Obwohl die wöchentliche Pflegezeit bei Menschen mit Demenz mit 39,7 Stunden etwa drei Stunden über dem Durchschnitt aller anerkannten Pflegestufen (I bis III) liege, erhielten diese nur die "symbolische Pflegestufe 0, also eine Grundpflege." Und Stufe null bedeute dabei auch null Euro Pflegegeld aus der Kasse.

Und wie viele Menschen sind betroffen? Allein im Saarland leiden laut VdK Zehntausende, deutschlandweit sogar über eine Million Menschen an Demenz. Es geht also um Milliarden, wenn auch sie - je nach Pflegestufe - zwischen 225 und 585 Euro pro Monat Pflegegeld und Sachleistungen, die in Härtefällen bis zu 1981 Euro pro Monat betragen können, erhalten würden. Doch die Pflegenden und die Gepflegten brauchen das Geld dringend. "Hunderttausenden pflegenden Frauen droht die Altersarmut. Da ihnen das Geld für eine ausreichende Altersabsicherung fehlt."

Um dieses Horror-Szenario abzuwenden, müsse die Gesellschaft zusammenhalten. "Die Menschen sind bereit mehr zu zahlen, wenn die Leistung stimmt", meint Jürgen Johann. Sie dürften die Pflege-Aufgabe aber nicht allein schultern. Auch die Arbeitgeber müssten ihren Beitrag leisten. Außerdem sollten sie pflegenden Angehörigen ähnliche Rechte einräumen wie jungen Eltern, wie dies bei der Elternzeit geschieht.

Am Ende seien aber die Parlamentarier gefragt. "Sie geben die Rahmenbedingungen vor", sagt VdK-Geschäftsführer Kraß. Und die wollen reagieren. Zumindest schreiben sie das in einem Eckpunktepapier zur Pflegereform 2012. Hier steht: "Die Attraktivität des Pflegeberufs soll gesteigert werden". Und: Pflegebedürftige sollen "bedarfsgerechte Leistungen" bekommen. Überhaupt soll der Begriff "Pflegebedürftigkeit" neu definiert werden und an die "besonderen Bedürfnisse von Demenzkranken" angepasst werden. Doch Kraß scheint skeptisch: "Lippenbekenntnisse reichen diesmal nicht aus. Wenn die Rettung der Banken Milliarden wert sind, sollten es die pflegenden Angehörigen erst recht sein."

Ein erstes Indiz, dass es die Berliner Abgeordneten wirklich ernst meinen, gibt es: Trotz klammer Staatskassen haben sie eine Erhöhung der Pflegesätze für 2012 beschlossen. Im Schnitt bekommen Pflegebedürftige monatlich zehn Euro mehr Pflegegeld. Bei den Sachleistungen sind sogar bis zu 60 Euro mehr im Monat drin.

Hintergrund

Die Überalterung wird die Saarländer vor eine schwere Prüfung im Bereich Pflege stellen. Die zweite in der Geschichte des Bundeslandes. Das erste Mal war die Nachkriegszeit. "Fast 50 000 Kriegstote" und "jeder Zehnte ein Kriegsgeschädigter", bilanzierte der Sozialverband VdK damals. 1950 wurde er gegründet, einst um die Interessen der Kriegsopfer gegenüber den Verwaltungen durchzudrücken. Heute kümmert sich der VdK allein im Saarland um knapp 38 000 Pflegebedürftige und pflegende Angehörige. Unter anderem in der deutschlandweiten Kampagne "Pflege geht jeden an". Hier fordert der Verband eine bessere rechtliche und finanzielle Verankerungen der Pflege-Gesellschaft in der Republik. (www.vdk.de) pbe