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Wer hebt Ennos Platten-Schatz?

Im Bürgerhaus Dudweiler lagert die Schallplattensammlung von Enno Spielhagen. Gerd Kiefer stöbert in den Regalen. Foto: Iris Maurer
Im Bürgerhaus Dudweiler lagert die Schallplattensammlung von Enno Spielhagen. Gerd Kiefer stöbert in den Regalen. Foto: Iris Maurer FOTO: Iris Maurer
Vor gut 30 Jahren lösten sie Entzücken aus, heute werden sie eher als Last eingestuft: 34 000 Schallplatten aus dem Nachlass Spielhagen lagern seit dieser Zeit im Keller des Dudweiler Bürgerhauses Und niemand darf sie weggeben Die Geschichte einer Schenkung mit Ewigkeitsklausel. . Lieselotte (genannt Lilo) Spielhagen muss eine große Zuneigung zum letzten Wohnort Dudweiler und dessen Menschen verspürt haben. Von SZ-RedakteurPeter Wagner

1983, kurz vor ihrem Tod, schenkte die Witwe des Rundfunksprechers Enno Spielhagen nämlich die komplette Schallplattensammlung ihres verstorbenen Mannes dem Saarbrücker Stadtbezirk.

Dudweiler verfügte sich seinerzeit, wie der heute 85-jährige Alt-Bürgermeister Hermann Schon noch gut weiß, über eine blühende Kulturszene. Die gut 30 000 Singles und 4000 Langspielplatten aus dem Nachlass Spielhagen galten als Schatz, der prächtig ins neu gebaute Bürgerhaus passen würde. Dies umso mehr, als Lilo Spielhagen Jahre damit verbracht hatte, die Sammlung daheim in der Wohnung am Gehlenberg zu katalogisieren. Sie ordnete sie nicht nach Interpreten, sondern nach Titeln und tippte mit der Schreibmaschine für jedes einzelne Stückchen Musik, das auch auf der unbedeutendsten LP enthalten ist, eine eigene Karteikarte. Auch zwei komplette Karteischränke aus gutem Holz gehören zu der Schenkung an die Stadt. Niemand ahnte, dass wenige Jahre später die CD und die Musik aus dem Computer den Tonträger Vinylschallplatte zur Bedeutungslosigkeit erniedrigen würden. Und so unterschrieb Hermann Schon im Auftrag der Landeshauptstadt den Schenkungsvertrag in bester Absicht, obwohl dieser drei knebelnde Festlegungen enthielt: Die Platten müssen in Dudweiler bleiben, sie sind der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie dürfen nicht veräußert werden - Ewigkeitsversprechen, die heute niemand mehr eingehen würde.

Schlager, Beat, Pop und mehr

Die Plattensammlung Spielhagen besteht im wesentlichen aus Schlagern, Volks- und Orchestermusik, die deutsche Produktionsfirmen von 1956 bis 1974 auf den Markt brachten, enthält aber auch englische und amerikanische Beat- und Poptitel. Radiomoderatoren wurden in jenen Jahren von der Musikindustrie üppig mit kostenlosen Schallplatten eingedeckt, "bemustert", wie es in der Fachsprache heißt. Die Menschen an den Mikrofonen konnten in großem Maße frei entscheiden, was über den Sender ging, und so war es für Interpreten und ihre Vermarkter nur logisch, mit ihren frisch aufgenommenen Titeln den direkten Weg zu den Schlüsselpersonen zu suchen.

Viele der Moderatoren verschenkten ihre Freiexemplare, behielten sie teilweise für sich, übergaben sie dem Sender oder verkauften sie auf dem Flohmarkt - Spielhagen sammelte sie akribisch. Was sein Nachlass heute wert ist, weiß keiner genau. In der SZ vom 10. März 1988 wird berichtet, dass Lilo Spielhagen den Wert 1983 auf 70 000 Mark taxiert haben soll. In der Rückschau gilt das aber als gewagte Schätzung.

Vermutlich war es schon damals eher so, dass man froh sein musste, einen verlässlichen Verwalter für die Sammlung zu finden. Zwischen dem reichlich vorhandenen Karnevals-Schlager-Einerlei darf man allerdings auch Perlen vermuten, für die Liebhaber heute ein Vermögen hergeben würden, so etwa rare "Demo"-Singles bekannter Künstler oder seltene Plattenhüllen. Der heutige Bezirksbürgermeister Walter Rodermann ist sicher, dass in der Sammlung auch Aufnahmen stecken, die nie veröffentlicht wurden. Plattenfirmen hätten sie an Enno Spielhagen geschickt, damit der sie auf Marktchancen begutachte. So ist denkbar, dass die Platten heute für 70 000 Euro zu vermarkten wären, aber das ist eine müßige Überlegung.

Wie es der Schenkungsvertrag vorsieht, war die Sammlung ab 1985 jedermann zugänglich. Eine Ausleihe war zwar nicht gestattet, aber im Keller des Bürgerhauses konnte jeder Interessent Titel anhören oder auf Bänder und Kassetten überspielen. Das Lauschen war kostenlos, fürs Kopieren wurden Gebühren von einer Mark pro Platte oder zehn Pfennige für die Minute erhoben. In den stärksten Jahren interessierten sich monatlich etwa hundert Menschen für den Nachlass. Die Dienstleistung konnte nur dank Mitarbeitern angeboten werden, die über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zur Verwaltung gekommen waren. Als diese Stellen nicht mehr zur Verfügung standen, etwa 1995, wurde das Besuchswesen mangels Personal eingestellt. Nur noch auf ausdrückliche Bitten gewährte die Verwaltung Zutritt. "Seit ich 2006 herkam, wollte aber keiner mehr die Schallplatten sehen", sagt Walter Rodermann. Die Platten sind nach wie vor ordentlich aufbewahrt, trocken und staubfrei. Stichproben ergaben, dass wohl alles am richtigen Platz steht.

Aber was soll aus der Sammlung werden, ziemlich genau 30 Jahre nach der Übernahme? Die Auflösung des Sonderstatus der Stadt Dudweiler nahm Gerd Kiefer (FDP) nun zum Anlass, im Bezirksrat den Antrag zu stellen, die Stadt Saarbrücken möge die Plattensammlung im Sinne des Schenkungsvertrages behandeln. Einstimmig war der Rat dafür und übergab damit quasi per Handzeichen die Handlungsmacht ins Rathaus St. Johann.

Irritation im Rathaus

Dort ist man irritiert ob der Anweisung und weiß nicht, ob etwas und was zu tun ist. Stadtpressesprecher Thomas Blug spielt den Ball zurück: "Die Sammlung liegt seit 1983 bei der Bezirksverwaltung. Die Mitarbeiter in Dudweiler kennen alle wichtigen Facetten ganz genau. Wir gehen davon aus, dass die Bezirksverwaltung gute Lösungsvorschläge für den weiteren Umgang mit der Sammlung erarbeiten wird." Enno Spielhagen war ein gebürtiger Frankfurter, der seine Laufbahn in den 1950ern beim Hessischen Rundfunk als Nachrichtensprecher begonnen hatte. Chefsprecher Camillo Felgen holte den Liebhaber der Unterhaltungsmusik dann zum deutschsprachigen Radio Luxemburg, wo er unter dem Künstlernamen "Franz" eine erste Karrierestufe erklomm. 1964 ereilte Spielhagen ein Ruf zum Saarländischen Rundfunk.

Auf dem Halberg baute man gerade die Europawelle Saar auf, und der betont locker und humorvoll plaudernde, bisweilen als exzentrisch beschriebene Spielhagen galt als vorzügliche Besetzung für das breite Zielpublikum. Der Neuzugang schlug wohl nicht so erfolgreich ein wie erhofft, brachte es aber auf ein solides Jahrzehnt in Diensten des SR. Wie Sprecher Reiner Buhl im Archiv zusammentrug, moderierte er die Hörfunksendungen "Schallplatten kritisch betrachtet", "Zeitvertreib", "Radio-Museum", "Krimirätsel", "Die 7 Fragen" sowie "Guten Abend, liebe Hörer". Teilweise war er auch in der TV-Regionalsendung "Zu Gast im Studio" anzutreffen. Enno Spielhagen starb nach kurzer schwerer Krankheit am 12. April 1974, im Alter von 55 Jahren, in seiner Wahlheimat Dudweiler.