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| 21:14 Uhr

Unkonventionelles Pflegemodell
Wenn Möbel im Bad Patienten beruhigen

Eine Bewohnerin eines ASB-Hauses beim Zoobesuch in Neunkirchen. Die „Bewohnertage“ sind ein wichtiger Bestandteil der „Kongruenten Beziehungspflege“.
Eine Bewohnerin eines ASB-Hauses beim Zoobesuch in Neunkirchen. Die „Bewohnertage“ sind ein wichtiger Bestandteil der „Kongruenten Beziehungspflege“. FOTO: ASB
Illingen. Vier Pflegeheime führten vor wenigen Jahren die „Kongruente Beziehungspflege“ ein. Offenbar mit Erfolg. Von Lisa Kutteruf

Ina will nicht ins Bad, nie. Sie weigert sich, das Badezimmer zu betreten. Warum, weiß keiner so genau. Fest steht, dass jeder Gang in den Waschraum ein Kampf ist – für Ina und für die Pflegekräfte des Altenheims. Gregor leidet unter Demenz. Er ist introvertiert. Spricht wenig. Zieht sich immer mehr zurück. Elisabeth lässt sich nicht pflegen. Waschen lassen will sie sich nicht, duschen gleich gar nicht.

Die Fälle von Ina, Gregor und Elisabeth sind echt. Wie die drei tatsächlich heißen, ist unwichtig. Sie stehen beispielhaft für Menschen, die ihren Lebensabend im Seniorenheim verbringen. Mit Pflegekräften, die sie zunächst kaum kennen und denen sie dennoch vertrauen sollen. Für die Pflegekräfte wiederum ist der Umgang mit Bewohnern wie ihnen nicht immer leicht: Die Senioren sträuben sich, sind schwer zu erreichen. Manche sind offenbar unglücklich. Die Pflege ist zeitintensiv.

Vor vier Jahren verfestigte sich beim saarländischen Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) der Wunsch nach grundlegender Veränderung. Das Wohlbefinden an den drei Standorten im Saarland sollte steigen. Das der Bewohner, aber auch das der Mitarbeiter in den Einrichtungen. So führte der ASB ein neues Pflegemodell ein, die sogenannte Kongruente Beziehungspflege. Doch was steckt hinter dem sperrigen Begriff?

Kongruent bedeutet deckungsgleich. Bezogen auf das Modell, steht der Begriff für das Zusammenwachsen zwischen Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen und ihren Patienten, aber auch für Echtheit in Bezug auf die eigenen Emotionen. Die Mitarbeiter sollen keine Rolle spielen, keine Maske aufsetzen. Im Saarland setzt neben den drei ASB-Häusern in Homburg, Illingen und Kirkel-Limbach seit 2010 auch die Einrichtung Pro Seniore in Homburg auf den Ansatz. Dem Geschäftsführer der Saarländischen Pflegegesellschaft, Jürgen Stenger, ist die Bezeichnung hingegen nicht geläufig. Auch Friedbert Gauer, Prokurist der Pflegegesellschaft und Leiter des Saarbrücker Altenheims am Schlossberg, sagt der Name nichts: Kongruentes Verhalten sei hingegen ein Begriff, der bekannt sei und auch in der Einrichtung angewandt werde. „Wenn die Mitarbeiter zufrieden sind, wirkt sich das auch auf die Bewohner aus“, sagt Gauer. „Deshalb sind wir der Meinung, dass es den Mitarbeitern gut gehen muss und es wichtig ist, sie wertzuschätzen. Zum Beispiel durch Angebote wie Mitarbeiterfeste, Fortbildungen oder Sportkurse.“

Rüdiger Bauer hat die Kongruente Beziehungspflege vor 25 Jahren erfunden und entwickelt. Der ausgebildete Gesundheits- und Krankenpfleger war selbst jahrelang in der psychiatrischen Pflege tätig. Mittlerweile wenden Einrichtungen in Deutschland, Österreich, Slowenien und der Schweiz sein Modell an, darunter auch psychiatrische Einrichtungen. Bauer zufolge unterscheidet es sich sehr wohl von Konzepten wie dem des Schlossberg-Altenheims, trotz einiger Gemeinsamkeiten. „Es findet eine Gesamtveränderung statt“, sagt Bauer über sein Konzept, „eine Reorganisation, wie man in der Wirtschaft sagen würde.“ Bauers Credo: Pflegekräfte und Patienten müssen sich von Person zu Person und nicht in Form von Rollen begegnen. „Das Modell ist eigentlich kein Pflegemodell, sondern ein Beziehungsmodell. Wie gehen Menschen miteinander um?“ Ein wichtiger Bestandteil sei die persönliche Entwicklung der Mitarbeiter einer Einrichtung. Die helfe dabei, anders auf Heimbewohner zuzugehen.

Die Arbeit beginne in der Organisation: Wie gehen die Führungskräfte mit den Mitarbeitern um? Wie gehen die Mitarbeiter miteinander und mit den Patienten um? „Das Problem ist meist nicht das Verhältnis zwischen Pflegern und Patienten, sondern das Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Mitarbeiter“, sagt Bauer. „Es wird viel übereinander geredet statt miteinander.“ Als Beispiel nennt Bauer die Übergabe zwischen zwei Pflegeschichten. „Da wird gerne gelästert, wer dies und das in seiner Schicht nicht erledigt hat.“

Bauer zufolge hindern solche Verhaltensweisen die Mitarbeiter daran, sich mit sich selbst und den Patienten auseinandersetzen. Und genau darauf liegt das Hauptaugenmerk seines Pflegemodells. Die Theorie: Die Reflexion des eigenen Verhaltens und die Kommunikation untereinander erdet die Mitarbeiter, macht sie zufriedener.

Kerstin Schmidt leitet den Pflegedienst im ASB-Haus Kirkel-Limbach. Sie ist begeistert von Bauers Modell: „Es ist wichtig, dass man auch als Mitarbeiter in der Lage ist, zu den Kollegen zu sagen: Ich hatte heute einen furchtbaren Tag.“

Sobald sich die Mitarbeiter intensiv mit sich und ihren Kollegen beschäftigt haben, sobald sie für Wechselwirkungen zwischen Menschen und unbewusste Motive sensibilisiert worden sind, beginnt die Beschäftigung mit den Patienten, erklärt Bauer. Die Mitarbeiter der Einrichtungen setzen sich dann gezielt mit den Biografien und Erlebnissen der Bewohner auseinander. „Was war im Leben des Bewohners prägnant? Da gibt es viele Traumata in Bezug auf Kriegserlebnisse“, erzählt Heike Schille-Diehl, Heimleiterin in St. Andreas. Jeder Bewohner hat ein Team aus Bezugspflegekräften. Das Team kommt regelmäßig zu Fallbesprechungen zusammen und tauscht sich über die Patienten aus.

Schmidt: „Wir versuchen die Dinge immer aus Bewohnerperspektive zu sehen. Dinge, die sonst immer eine große Rolle gespielt haben, wie dass jemand besonders adrett da sitzt oder dass bestimmte Rituale eingehalten werden, verlieren an Bedeutung. Es ist eine große Kunst, sich davon zu befreien, für Mitarbeiter und für Angehörige. Das heißt vielleicht, dass jemand mit seinen Händen isst – dann aber nicht am Tisch mit jemandem sitzt, dem Tischmanieren ganz wichtig sind.“

„Im Demenzbereich geht es auch darum: Wie kann ich dem Verhalten des Bewohners begegnen, ohne Medikamente und Fixierungen?“, sagt Schille-Diehl. Hierbei scheint sich die Kongruente Beziehungspflege als effektiv zu erweisen. „Wir haben den Einsatz von Psychopharmaka deutlich zurückgefahren, seit wir das neue Modell praktizieren.“ Die Führungskräfte des ASB haben auch eine Idee, woran das liegen könnte. „Insbesondere demente Bewohner spüren unheimlich stark, ob jemand gern zu ihnen kommt, neugierig ist“, sagt Schmidt.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Modells sind die Bewohnertage. Sie finden monatlich statt. Die Bewohner können sich wünschen, was sie an diesen Tagen unternehmen wollen. „Die Mitarbeiter werden freigestellt, um die Zeit zusammen mit den Bewohnern zu gestalten“, sagt ASB-Pressesprecherin Claudia Kohde-Kilsch. „Das kann ein Jazzkonzert sein, ein Zoobesuch“, sagt Schille-Diehl, „oder dass man im früheren Haus gemeinsam Kaffee trinkt und die Vergangenheit aufleben lässt.“ Manchmal sei es aber auch das Entspannungsbad, das den Bewohner glücklich macht, sagt Anja Braun, Pflegedienstleiterin des ASB-Seniorenzentrums Illingen.

Und wo ist der Haken? „Der Weg dorthin ist knallhart“, sagt Bauer. Er spielt auf die Auseinandersetzung der Mitarbeiter mit sich selbst an. Nicht alle seien bereit dazu. Einige Mitarbeiter hätten gekündigt, als das neue Modell eingeführt wurde, erzählt Bauer.

Im Hinblick auf die Patienten hat das Konzept offenbar in allen saarländischen Einrichtungen zu Erfolgen geführt. Ina hat vermutlich einen Übergriff in einem Bad erlebt. Um ihr die Angst vor dem Raum zu nehmen, stellten die ASB-Mitarbeiter Möbel in das Badezimmer. Anschließend betrat die Seniorin das Zimmer ohne Furcht. Gregor ist musikalisch, früher spielte er Trompete. Seitdem er im Chor der Pflegeeinrichtung mitsinge, sei er völlig aufgeblüht, erzählt die ASB-Pflegeleitung. Und Renate Pollack, Pflegedienstleiterin von Pro Seniore, berichtet, dass Elisabeth mittlerweile viel fröhlicher ist – und sich hat duschen lassen.

Im Heimchor des ASB-Seniorenheims St. Andreas in Homburg-Erbach blühen viele Bewohner auf. Hier wird auf ein Zusammenwachsen der Mitarbeiter in ihrer Pflegeeinrichtung geachtet und und dass sie authentisch rüberkommen.
Im Heimchor des ASB-Seniorenheims St. Andreas in Homburg-Erbach blühen viele Bewohner auf. Hier wird auf ein Zusammenwachsen der Mitarbeiter in ihrer Pflegeeinrichtung geachtet und und dass sie authentisch rüberkommen. FOTO: ASB
Rüdiger Bauer, Erfinder der „Kongruenten Beziehungspflege“.
Rüdiger Bauer, Erfinder der „Kongruenten Beziehungspflege“. FOTO: Bauer