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Abschied von Meinrad Maria Grewenig
Aufstieg und Fall des Generaldirektors

 Der Vertrag von Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig wird nicht verlängert.
Der Vertrag von Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig wird nicht verlängert. FOTO: rup
Saarbrücken/Völklingen. Der Freund der Superlative hat offenbar in eigener Sache überrissen. Eine Ausstellung zu Pharaonen-Gold wird seine letzte in Völklingen. Von Cathrin Elss-Seringhaus und Michael Jungmann
Cathrin Elss-Seringhaus

Dieser Mann taugt nicht für Kompromisse. Seine Marschroute? „Wer mich engagiert, bekommt hundert Prozent Grewenig.“ Als der damalige SPD-Kultusminister Henner Wittling den gebürtigen Saarländer Meinrad Maria Grewenig 1999 zum Generaldirektor des Völklinger Weltkulturerbes machte, war diese Losung noch eine Erfolgsverheißung. Der Kunsthistoriker galt als Wunderheiler, hatte zuvor ein Provinzmuseum, das Historische Museum Speyer, mit Aufsehen erregenden kulturhistorischen Ausstellungen in die Topliga bestbesuchter Häuser geschossen.


Genau dasselbe sollte er in Völklingen tun – und erfüllte seinen Auftrag. Kaum eines seiner Groß-Projekte schloss unter 100 000 Besuchern ab, das Weltkulturerbe, durch seinen ersten Manager Karl Zeithammer nahezu ruiniert, entwickelte sich vom Problemfall zum Vorzeigeprojekt. Dank „Electricity“-Festival und „UrbanArt“-Biennale auch zu einer internationalen Marke für Events.

Doch am Ende von Grewenigs 20-jähriger Karriere im Saarland hatten sich für manchen Politiker die versprochenen hundert Prozent Grewenig in eine Drohung verwandelt. Deshalb verlängert die Landesregierung Grewenigs Vertrag auch nicht mehr. Genau diese Botschaft wurde dem Generaldirektor am Freitagabend nach einer Aufsichtsratssitzung von Kulturminister Ulrich Commerçon (SPD) und Finanzstaatssekretär Ulli Meyer (CDU) übermittelt. Aus der gewünschten Vertragsverlängerung wird nichts. Das Engagement des hochdotierten Kunsthistorikers endet vertragsgemäß in dem Monat, in dem er das 65. Lebensjahr vollendet. Ende Juni 2019 also wird der wohl erfolgreichste Kulturmanager des Landes, der so gerne noch weitergearbeitet hätte, in Rente geschickt (die SZ berichtete). Eine Ausstellung zu Pharaonen-Gold, die im Mai startet, wird seine Abschiedsvorstellung.



 Der Aufsichtsrat der gemeinnützigen GmbH mit Commerçon an der Spitze moniert Alleingänge und Finanzlücken, fühlt sich ausgetrickst. Unsteuerbar, überheblich, dreist – das passt ins öffentliche Bild des großen Event-Zampanos, an dem Grewenig freilich selbst kräftig mitgepinselt hat. Kein Superlativ zu derb, um die meist „weltweit größte“ Ausstellung zu Inkas, Buddha oder Kelten zu bewerben. Grewenigs „geniale“ Vermarktungs-Fähigkeiten loben selbst Aufsichtsratsmitglieder, die ihn gestern abservierten. Doch Museumskollegen empörten sich über den allzu saloppen Umgang mit Reproduktionen, unterstellten Unseriosität auch in Bezug auf die Rekordzahlen. Denkmalschützer oder Industriekultur-Initiativen berichteten von unkooperativen „Alles-hört-auf-mein-Kommando“-Auftritten. Ein unumstrittener, ein beliebter Mann war Grewenig nie.

Irgendwann wurde dann Kritik öffentlich, die Grewenig nicht mehr mit dem Hinweis „Neid muss man sich verdienen“ abbügeln konnte, weil sie grundsätzlicher Natur war. Das geschah 2011, als die ICOMOS-Inspektoren der Unesco den Zustand des Denkmals für bedenklich erklärten und mit der „Roten Liste“ und dem Entzug des Unesco-Ehrentitels drohten. Kritikpunkt unter anderen: die nahezu ganzjährige Nutzung der Gebläsehalle als Haupt-Ausstellungsort. Das Industriekulturdenkmal von Weltrang sei nur mehr Kulisse, hieß es. Die Ausstellungen seien beliebig, banal, würdelos: Playboy, Asterix, Ferrari, die Queen oder Faszination Morgenland. Es fehle die sozialgeschichtliche Analyse oder die Aufarbeitung der Zwangsarbeiter-Ära. Von da an hatte Grewenig eine offene Flanke, und das Naserümpfen einer überschaubaren Zahl von Museumschef-Kollegen, Bildungsbürgern oder Denkmal-Puristen über seine Programmpolitik wandelte sich in offene Angriffe vieler. 2012 eckte er im Streit um die Umbenennung der Hermann-Röchling-Höhe bei der Linken, Antifaschisten und der „Bürgerinitiative wider das Vergessen“ an. Der Graben schloss sich nie mehr, bis ins vergangene Jahr loderten immer wieder Konflikte zum Thema Erinnerungskultur auf. Obwohl Grewenig ein Forschungsprojekt dazu gestartet hatte, 2014 eine Röchling-Ausstellung lieferte und das Ganze 2018 mit dem NS-Mahnmal des Weltrang-Künstlers Christian Boltanskis krönte. Angeblich hat ihn sein Minister zur NS-Aufarbeitung „zwingen“ müssen.

Wirklich harmonisch wirkte die Verbindung Commerçon/Grewenig sowieso nie, denn man kennt die Vorliebe des Ministers für anspruchsvolle, zumindest aber „hippe“ Projekte. Nun also wird Commerçon zum Vollstrecker einer Trennung, die sich vor vier Jahren anbahnte, seit der Landesrechnungshof dem Land vorwarf, Grewenig unangemessen hoch zu bezahlen. Damals musste Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD), die zu dieser Zeit für das Weltkulturerbe zuständig war, in den Vertrags-Abspeckungs-Clinch mit Grewenig. Siegreich war sie nicht, was kaum zur Klimaverbesserung beigetragen haben dürfte. Ob es damals bereits zu ähnlichen Vorfällen im Aufsichtsrat kam, die zähneknirschend akzeptiert wurden? Von außen beobachtete man ein „Land des Lächelns“. Immerzu gab es, sei es von CDU- oder von SPD-Politikern, öffentlich Komplimente für Grewenig. Schnee von gestern.