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Welcher Prinz küsst „Unort“ wach?

Wild, verschlafen und voller Geschichte: Der Osthafen ist für die einen ein Refugium frei von städtischer Regulierung, für andere voller Ruinen, die saniert werden müssen. Fotos: Oliver Dietze
Wild, verschlafen und voller Geschichte: Der Osthafen ist für die einen ein Refugium frei von städtischer Regulierung, für andere voller Ruinen, die saniert werden müssen. Fotos: Oliver Dietze
Saarbrücken. Am Saarbrücker Osthafen wollen alternative Kultur und Tourismus, Gewerbe und Naturschutz ihre Rechte – eine ebenso spannende wie schwierige Aufgabe für Politiker, die gern mal ein paar Jahre an dicken Brettern bohren. Von SZ-Redakteur Peter Wagner

Käme eine Fee, schnitte den hübschen kleinen Park in der Straße "Am Römerkastell" aus seiner Umgebung heraus und pflanzte ihn am Staden an - es würden alle sagen: da passt er prima, gut gemacht, Zauberin! Nun liegt er aber im Osten der Stadt Saarbrücken, wo ihn kaum einer sieht oder gezielt aufsucht. Eine Verschwendung von Rasen, Bäumen und historischem Fund sozusagen. Dass die Texter der touristischen Hinweistafel nur eine Trümmer-Überschrift hinbekamen, nämlich "Ehem. Römerkastell", beschreibt die Misere exemplarisch. Interessanterweise ist aber in dem gesamten Ostviertel nichts so rund oder fertig, dass alle glücklich wären, im Gegenteil: Das Quartier gilt als "Unort" mit viel Gewusel, aber wenig Struktur. Zufallsbesucher staunen, dass hier Fahrzeuge mit Kennzeichen aus der ganzen Republik verkehren. Keiner weiß, was die alle hier zu suchen haben. Die modische Sprachwahl "Unort" hat es bis in die Vorlagen der Verwaltung an den Stadtrat geschafft und muss vor Missdeutung geschützt werden. "Unort" heißt nicht "unrettbar", sondern "noch zu gestalten". Deshalb steckt er auch, mit Planansätzen von 3,2 Millionen Euro, im Konzept "Stadtmitte am Fluss". Vor allem soll die Wasserfläche im Saaraltarm deutlich vergrößert werden. "Da kann man was draus machen", sagen Kommunalpolitiker vom Schlag eines Peter Bauer, die auch gern mal zehn Jahre an einem dicken Brett bohren, ohne verdrießlich zu werden, über die Zukunft des Viertels. Wobei die Herausforderung schon darin liegt, eine Vielzahl von scheinbar widersprüchlichen Interessen unter einen Hut zu bekommen und so auszutarieren, dass alle Perspektiven haben. Keiner soll überrumpelt werden.

Als der Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion dieser Tage in Begleitung der Parteifreundin und Bezirksbürgermeisterin Christa Piper staunend vor den neuesten außengastronomischen Bauten der Osthafen-Kulturszene verweilte, wollte es der Zufall, dass Friedrich Hunger des Weges kam. Der gebürtige Hamburger ist ehrenamtlicher Hafenmeister beim Motorbootclub Saarbrücken und alles andere als begeistert von Erscheinungsbild der Lokalitäten am alten Silo und der dort bevorzugten Musik. Die Fremden, die mit ihren Schiffen in Saarbrücken anlegten, jährlich immerhin 130, hätten ein schönes Entree verdient und keine Schandflecke, klagte der Lobbyist der Bootsfahrer. Immerhin, der Landweg vom Hafen zur Hauptstraße ist zuletzt mit Schotter befestigt worden, auch dank des Betreibens der Bürgermeisterin. Schotter ist besser als Mutterboden, Standard wäre aber Asphalt. Herr Bauer fände es ideal, wenn man vom Yachthafen eine Brücke in Richtung Ostspange schlüge, dann bräuchte keiner mehr zwangsweise zu Fuß oder mit dem Auto am Silo vorbei.

Neben den Schiffseignern und der "Kultur" (die diverse Facetten von halb-etabliert bis alternativ-anarchisch aufweist) begehren auch Gewerbe (unter anderem der Großmarkt), Kulturhistorie, Freizeit und Naturschutz Gehör. Die wenigen Bewohner der alten Frachtkähne und Hausboote haben Rechte, die nicht mit dem Wegschleppen ihrer Besitztümer erlöschen. Die angrenzenden St. Arnualer Wiesen sind ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet - in das allerdings gern Innenstadthunde mit PS-starken Wagen zum Herumtollen gefahren werden.

Auf den ehemaligen Hafengleisen, wo gerade ein Biergarten entstand, soll bald ein Radweg verlaufen. Wie soll das zusammenpassen? Und was soll überhaupt übrig bleiben? Was ist Folklore, was ist Schrott?

Bauer und Piper könnten sich mit etwas Fantasie vorstellen, dass das achtstöckige ehemalige Rhenania-Lagerhaus zum Wohnen taugen könnte. Es gehört der Stadt und bietet wohl "enormes Potenzial". "Das ist so massiv, da könnte man Elefanten reinstellen", staunte Bauer bei der Besichtigung über eine Tragfähigkeit der Decken von zwei Tonnen je Quadratmeter. Winterlager für den Zirkus? Spaß beiseite, derzeit sind hier offiziell die Uni mit einem Möbellager und inoffiziell Wohnsitzlose ansässig. Eine gute Fee allein scheint überfordert. Christa Piper setzt auf Verstärkung: "Wir warten auf den Prinzen, der alles wach küsst."


Christa Piper und Peter Bauer am achtstöckigen ehemaligen Rhenania-Lagerhaus. Daraus könnte ein Wohnhaus entstehen.
Christa Piper und Peter Bauer am achtstöckigen ehemaligen Rhenania-Lagerhaus. Daraus könnte ein Wohnhaus entstehen.
Im Ostviertel stehen die Ursprünge Saarbrückens. Hier wurden Reste einer gallo-römischen Siedlung gefunden, das „Ehemalige Römerkastell“.
Im Ostviertel stehen die Ursprünge Saarbrückens. Hier wurden Reste einer gallo-römischen Siedlung gefunden, das „Ehemalige Römerkastell“.