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Weinlese mit frierenden Fingern

Winzerpräsident Helmut Herber am Dienstag bei der Eisweinlese im Morgengrauen. Fotos: Rolf Ruppenthal
Winzerpräsident Helmut Herber am Dienstag bei der Eisweinlese im Morgengrauen. Fotos: Rolf Ruppenthal
Perl. Kurz vor Sonnenaufgang am Dienstagmorgen: Die Kälte traktiert das Gesicht, der Atem kondensiert. Stück für Stück arbeiten sich die beiden Winzer und ihre Erntehelfer vor - auf der einen Seite des Hasenbergs der saarländische Winzerpräsident Helmut Herber mit Sohn Matthias und sein Team, auf der anderen Seite Ralf Petgen vom Weingut Ökonomierat Petgen-Dahm samt seiner Mannschaft Von SZ-Redakteurin Margit Stark

Perl. Kurz vor Sonnenaufgang am Dienstagmorgen: Die Kälte traktiert das Gesicht, der Atem kondensiert. Stück für Stück arbeiten sich die beiden Winzer und ihre Erntehelfer vor - auf der einen Seite des Hasenbergs der saarländische Winzerpräsident Helmut Herber mit Sohn Matthias und sein Team, auf der anderen Seite Ralf Petgen vom Weingut Ökonomierat Petgen-Dahm samt seiner Mannschaft. Auch wenn die Finger fast so gefroren sind wie die Rieslingtrauben, die hart wie Erbsen in die Bottiche plumpsen - für die beiden Weinbauern von der saarländischen Obermosel ist es fast ein Feiertag. Denn bis die Lese in klirrender Kälte startet, haben die beiden Winzer eine Zitterpartie hinter sich. Wird sich das Quecksilber über mehrere Tage immer bei mindestens minus sieben Grad einpendeln? Dies ist die bange Frage, die sie sich seit Herbst immer und immer wieder stellen. Die Lese von Eiswein ist von dem nötigen Dauerfrost abhängig und entscheidet sich erst immer in den frühen Morgenstunden. Eiswein lasse sich nun einmal nicht erzwingen, da müsse die Natur mitspielen, meint Helmut Herber und schleppt Bottich um Bottich zum Traktor. Rund 500 Liter Ausbeute an Wein hätte die Ernte im Herbst ergeben, rund 120 wird er als Eiswein herausbekommen. "Im vergangenen Jahr hatten wir nur eine ganz geringe Ausbeute", meint denn auch Ralf Petgen, der mit Ehefrau Brigitte und seinen Helfern die Früchte für den edlen Tropfen pflückt. Schätzen sie ihre Ausbeute im Herbst auf etwa 800 Liter Wein, so wird das Winzer-Ehepaar 100 Liter Eiswein erhalten. "Helmut und ich sind mittlerweile einzigen Winzer hier an der saarländischen Obermosel, die der Klimaerwärmung trotzen und auf Eiswein setzen" - ein Vabanquespiel, das viel Vorbereitung kostet. Die Rebstöcke, etwa 30 Jahre alt, werden im Herbst entblättert, wie Ralf Petgen sagt, die Trauben ausgedünnt und Folien gespannt - als Schutz vor Regen und den stibitzenden Vögeln. "Nur mit älteren Stöcken ist das zu machen. Für jüngere bedeutet dies zu viel Stress."Wenn die klirrende Kälte ausbleibt, dann landen die Früchte für den edlen Tropfen statt in der Kelter auf der Erde, waren die immensen Arbeitsstunden im Wingert umsonst. Doch dieses Mal haben die Winzer Glück. Als die Sonne glutrot am Himmel aufsteigt, typisches Zeichen für Eiseskälte, laufen die ersten Trauben schon durch die Presse - mit einem Super-Ergebnis. Die verlangten Öchslegrade von 110 werden weit übertroffen. Winzer-Familie Herber melden 132, Familie Petgen 135. "Eine gute Ausbeute, wir sind zufrieden", strahlen sie um die Wette. Der erste Eiswein in Deutschland soll am 11. Februar 1830 in Dromersheim geerntet worden sein. Wegen des miesen Weinjahres 1829 ließen Winzer des Binger Stadtteils Beeren am Stock hängen, um sie ans Vieh zu verfüttern. Nach zig Frösten stellten sie bei der Lese fest, dass die Trauben einen süßen Saft mit hohem Mostgewicht aufwiesen: die Geburtsstunde des Eisweins. "Eine gute Ausbeute, wir sind zufrieden."Helmut Herber und Ralf Petgen, Obermosel-Winzer




135 Grad Öchsle - Winzer Ralf Petgen ist hocherfreut über dieses Messergebnis.
135 Grad Öchsle - Winzer Ralf Petgen ist hocherfreut über dieses Messergebnis.