| 21:07 Uhr

Saarbrücken
Was uns die Parteien durch die Blume sagen wollen

Weiße Rosen stehen für Trauer, vor allem wenn ein nahestehender Mensch stirbt. Ist es angemessen, wenn die AfD sie nach einer Gewalttat nutzt? Und will sie damit die Widerstandsgruppe vereinnahmen? Über diese Fragen wird seit Chemnitz diskutiert, auch im saarländischen Landtag.
Weiße Rosen stehen für Trauer, vor allem wenn ein nahestehender Mensch stirbt. Ist es angemessen, wenn die AfD sie nach einer Gewalttat nutzt? Und will sie damit die Widerstandsgruppe vereinnahmen? Über diese Fragen wird seit Chemnitz diskutiert, auch im saarländischen Landtag. FOTO: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dp / Martin Schutt
Saarbrücken. Ausgerechnet im Willi-Graf-Gedenkjahr wurde die weiße Rose im Saarland zum Politikum.

Am Nachmittag des 12. Oktober 1943, also vor 75 Jahren, wurde Willi Graf in München-Stadelheim nach 250 Tagen in Haft zum Schafott geführt. Der 25-jährige Student, der in Saarbrücken aufgewachsen war, starb unter dem Fallbeil der Nazis. Sein Verbrechen: Er hatte es mit Freunden der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gewagt, Flugblätter gegen Adolf Hitler zu verfassen. Hitler persönlich lehnte ein Gnadengesuch seiner Eltern ab.


Mit Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Vorträgen wird die Stadt Saarbrücken ihres Ehrenbürgers, der vor 100 Jahren geboren wurde, gedenken. Man ahnt schon, dass dabei eine Debatte der vergangenen Woche wieder hochkochen wird.

Am 1. September, nachdem ein Asylbewerber einen Deutsch-Kubaner erstach, versammelten sich in Chemnitz AfD- und Pegida-Funktionäre zu einem „Trauermarsch“ – am Revers trugen sie eine weiße Rose. Dabei war auch AfD-Landeschef Josef Dörr. Am 19. September trat der saarländische Landtag zusammen. Nun trugen die Abgeordneten von CDU, SPD und Linke aus Protest gegen die AfD weiße Rosen.



Hildegard Kronawitter stellt die Frage, die sich nach Chemnitz viele stellen: „Warum kommen die ausgerechnet auf die weiße Rose?“ Kronawitter ist Vorsitzende der „Weiße Rose Stiftung“, die 1987 von überlebenden Mitgliedern der Widerstandsgruppe und Familienangehörigen gegründet wurde. Die Münchnerin wird im Oktober zur Eröffnung einer Willi-Graf-Ausstellung nach Saarbrücken kommen. Ihre Vermutung: Die AfD wollte das positive Image der „Weißen Rose“ nutzen, um sich selbst aufzuwerten.

CDU, SPD und Linke im Landtag werfen Dörr vor, die weiße Rose zu missbrauchen und die NS-Opfer und Widerstandskämpfer zu verhöhnen. 100 Jahre nach der Geburt Willi Grafs, erklärten die Fraktionen, „müssen wir erneut für unsere Demokratie kämpfen und rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Gedanken entgegentreten“. Aus Sicht der AfD haben im Landtag die übrigen Fraktionen allerdings die weiße Rose selbst missbraucht – für den Kampf gegen die AfD. Wofür steht die Blume?

Für CDU, SPD und Linke steht sie als Symbol „für den Widerstand im Dritten Reich durch Sophie und Hans Scholl“. Für die AfD ist sie eine Blume, die „zu jeder Trauerveranstaltung, zu jedem Friedhof und zu jedem Begräbnis“ gehört.

Rosen als „Zeichen der Liebe“ (Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur), besonders weiße, werden bei Begräbnissen in der Regel von nahen Angehörigen und engen Freunden getragen. „Entscheidend ist eine persönliche Nähe, Liebe und Verbundenheit zum Verstorbenen“, sagt Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur. Das Opfer einer Gewalttat, das man selbst nicht gekannt hat, mit weißen Rosen zu betrauern, hält er daher für nicht angemessen.

Andererseits werden bei öffentlichen Gedenkfeiern zu Ehren von NS- und Anschlagsopfern regelmäßig weiße Rosen getragen oder niedergelegt. Auch Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier legten nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin weiße Rosen nieder, ohne Anspielung auf die Widerstandskämpfer.

Ganz eindeutig ist die Sache also nicht. Die eigentliche Frage scheint eher zu sein, ob die AfD in Chemnitz wirklich um einen Verstorbenen trauern wollte oder ob es ihr um den Protest gegen die Flüchtlingspolitik ging. Dörr hat stets versichert, dass er zum Trauern nach Chemnitz fuhr. Das nehme der Partei niemand ab, kontert Hildegard Kronawitter.

Dass die Partei mit ihrer Aktion in Chemnitz die Widerstandsgruppe um Sophie und Hans Scholl für sich vereinnahmen wollte, lässt sich nicht beweisen. In der Vergangenheit hat sie dies aber bereits ganz offen getan. Ein AfD-Kreisverband in Bayern verbreitete die Parole: „Sophie Scholl würde AfD wählen.“ Und Beatrix von Storch warb mit einem Satz von Sophie Scholl kurz vor ihrer Hinrichtung: „Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie nicht, es auszusprechen.“ Soll heißen: Früher trauten sich die Leute nicht zu sagen, dass sie gegen Hitler und den Krieg sind; heute wagen sie nicht zu sagen, dass sie gegen Merkel und die Migration sind.

„Absurd“ nennt es Hildegard Kronawitter, wenn AfD-Politiker den Unterschied zwischen Opposition in einer Demokratie und Widerstand in der NS-Diktatur verwischen. Alexander Gauland oder Björn Höcke tun dies, wenn sie Angela Merkel zur „Kanzler-Diktatorin“ erklären, gegen die dann auch „Widerstand“ statthaft ist.

Kronawitters Stiftung hat nach dem „Trauerzug“  von Chemnitz im Namen der Hinterbliebenen der „Weißen Rose“ eine Erklärung abgegeben. Darin heißt es, die Widerstandsgruppe stehe zeitübergreifend für Freiheit, Toleranz und Achtung der Menschenwürde. Dass sich die Abgeordneten von CDU, SPD und Linke im Landtag eine weiße Rose angesteckt haben, sagt Kronawitter, sei „in so einer Ausnahmesituation zu akzeptieren“.

AfD-Landeschef Josef Dörr beim „Trauermarsch“ in Chemnitz, hier in Blau rechts neben Björn Höcke. Beide tragen weiße Rosen.
AfD-Landeschef Josef Dörr beim „Trauermarsch“ in Chemnitz, hier in Blau rechts neben Björn Höcke. Beide tragen weiße Rosen. FOTO: dpa / Ralf Hirschberger