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| 20:28 Uhr

Zurück zu G9?
Was sagt die Wissenschaft?

Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bonn
Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Universität Bonn FOTO: Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL)
Der Erziehungs-wissenschaftler Volker Ladenthin hält die verkürzte Gymnasialzeit für einen großen Fehler: „G8 ist ein großangelegtes Selektionsprinzip.“

Rund 600 Klausuren von Erstsemestern hat Volker Ladenthin vom Bonner Zentrum für Lehrerbildung, ausgewertet und festgestellt: Das Leistungsniveau ist drastisch gesunken.

Herr Professor Ladenthin, Sie sind ein entschiedener Gegner von G8. Warum?

LADENTHIN Veränderungen im Schulsystem kann man nicht an einer Stelle beginnen und dann hoffen, dass sich alles danach richtet. Schulsysteme sind hochkomplex in die Gesellschaft eingebunden. Wenn man einer Stelle einfach etwas ändert und die Folgen vorher nicht bedenkt, führt das zu der augenblicklichen, verfahrenen Situation.

Was sind denn die Folgen?

LADENTHIN Die Universitäten sind gar nicht auf jüngere Studenten eingestellt. Inzwischen gibt es daher an allen Universitäten „Brückenkurse“. Das heißt, vier Monate nach dem Abitur unterrichtet man, was Gegenstand der Oberstufe war. Die Gymnasien bereiten nicht mehr auf das Studium vor. Die Universitäten müssen Studierfähigkeit erst herstellen.

Aber mehrere Studien zeigen doch, dass die Schüler sehr wohl studierfähig seien.

LADENTHIN Dem muss ich leider widersprechen. Es gibt drei zusammenfassende Studien, und alle kommen zum gleichen diffusen Ergebnis: Die der Kultusministerkonferenz hat Abiturnoten verglichen. Dabei wurde festgestellt, dass es in einigen Bundesländern keine Unterschiede zwischen G8- und G9-Schülern gibt, in einigen schneiden die G9-Schüler besser ab, in anderen die G8-Schüler. Welche Schlüsse soll man daraus ziehen? Und es gibt zwei jüngere Studien, unter anderem eine der Mercator-Stiftung, die zu dem Ergebnis kommen, dass es sich nicht feststellen lässt, ob die Verkürzung Studierfähigkeit fördert oder erschwert. Die Studien sind eindeutig nicht-eindeutig.

Sie haben selbst auch Vergleiche mit Erstsemestern durchgeführt. Zu welchem Ergebnis kamen Sie?

LADENTHIN Der Befund meiner Auswertung von über 600 Klausuren ist, dass wir weiterhin eine kleine Spitze von sehr guten Studenten haben, aber dass die große Masse den Anforderungen des Studiums nicht oder nur mit großer Unterstützung gewachsen ist. Ich musste in den vergangenen sechs Jahren das Leistungsniveau erheblich senken. Ich habe die Menge der zu lesenden Texte um die Hälfte reduziert, weil ich sonst Durchfallquoten von über 50 Prozent gehabt hätte. Es sind vor allem kognitive Fähigkeiten wie Abstraktionsfähigkeit, multikausales und paradoxes Denken, die nicht vorhanden sind, also Fähigkeiten, die man im normalen Studienverlauf in allen Fächern braucht.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

LADENTHIN Es gibt ein berühmtes Grundparadox in der Pädagogik: „Werde, der du bist“. Gemeint ist, dass man schon jemand sein muss, um jemand zu werden. Wir nennen das heute Entwicklung: Man findet sich selbst. Diese und ähnliche Paradoxa können Studenten mit mittlerem Abiturniveau nicht formulieren.

Könnte das nicht an einem generellen gesellschaftlichen Wandel liegen: an „Helikoptereltern“, die ihre Kinder zur Unselbständigkeit erziehen oder an Smartphones, die uns dazu verleiten, alles schnell zu googlen statt uns Gedanken zu machen?

LADENTHIN Ich stimme Ihnen zu, dass diese Befunde nicht nur auf G8 zurückzuführen sind. Aber das heißt ja, dass die Schule eine zusätzliche Aufgabe bekommen hat, nämlich diese gesellschaftliche Entwicklung aufzunehmen und dafür zu sorgen, dass die Studierenden studierfähig sind. Das bekommt man aber nicht hin, wenn man die Schulzeit verkürzt. Dadurch, dass die Universitäten Kurse mit Inhalten anbieten, die eigentlich Schulstoff sind, entstehen übrigens neue Kosten an den Unis. Da müssen neue Dozenten angeworben und neue Curricula erstellt werden.

Die Kosten sind aber auch ein Argument gegen die Rückkehr zu G9.

LADENTHIN Ja, das ist völlig richtig. Darüber muss aber die Politik entscheiden. Meine pädagogische Empfehlung ist: Bedenkt, wenn ihr G8 macht, dass ihr bestimmte Ziele, die das Gymnasium hat – nämlich die Studierfähigkeit herzustellen – kaum noch erreicht.

Eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium würde aber auch Unruhe ins Schulsystem bringen.

LADENTHIN Ja, das ist auch ein wichtiges Argument. Die Politik hat eine verfahrene Situation herbeigeführt: In allen Bundesländern gibt es unterschiedliche Regelungen. Jetzt muss man pragmatisch entscheiden, wie man damit umgeht. Dabei gilt: Wenn man in der Schule selektieren will, macht man das traditionellerweise durch Erhöhung des Tempos, also durch Verkürzung der Lernzeit. Das heißt, G8 wirkt als großangelegte Selektionsmaßnahme, um die Schüler aus den Gymnasien herauszuprüfen, die diesen erhöhten Leistungsanforderungen nicht entsprechen. Wenn man das schulpolitisch will und offen sagt, dann ist G8 eine zielführende Maßnahme. Nur steht sie im Widerspruch zu dem Prinzip, kein Kind zurückzulassen. Was will die Politik?

In anderen OECD-Ländern sind die Schulabgänger auch jünger. Denken Sie wirklich, dass dort alle studierunfähig sind?

LADENTHIN Das kann man so nicht sagen, da muss man differenzieren. In Großbritannien hat man zum Beispiel wesentlich längere Verweildauern an Universitäten als bei uns. Und an den Universitäten dort gibt es Kurse mit allgemeinhumanistischen Themen, die bei uns eigentlich Oberstufenstoff sind. Wenn man Länder vergleicht, muss man also sehr genau hinschauen.

Die Fragen stellte Nora Ernst