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Pflegenotstand an Kliniken
Warum Pfleger nachts allein arbeiten müssen

Allein auf weiter Flur: In vielen Krankenhäusern müssen Pfleger und Krankenschwestern den Nachtdienst alleine stemmen. Im Schnitt müssen sie sich dabei um 26 Patienten alleine kümmern.
Allein auf weiter Flur: In vielen Krankenhäusern müssen Pfleger und Krankenschwestern den Nachtdienst alleine stemmen. Im Schnitt müssen sie sich dabei um 26 Patienten alleine kümmern. FOTO: picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt
Saarbrücken. In den meisten saarländischen Kliniken sind Pflegekräfte nachts allein auf ihrer Station. „Das gefährdet Menschenleben“, warnt Verdi. Von Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

Zwei Beispiele aus Nachtschichten, wie sie Pflegekräfte unserer Zeitung jüngst geschildert haben: Auf einer Station muss ein bettlägeriger Patient alle paar Stunden umgelagert werden. Doch die einzige Pflegekraft, die in der Nacht auf der Station Dienst hat, ist dafür zu schwach – der Patient muss liegen bleiben. Ein anderer Pfleger muss sich nachts allein um mehrere frisch operierte Patienten kümmern: Einer ist verwirrt und muss ständig daran gehindert werden, aus seinem Bett aufzustehen, während ein anderer Patient andauernd abgesaugt werden muss, weil er sonst zu ersticken droht. „Man springt von einem Bett zum anderen“, sagt der Pfleger. Irgendetwas bleibe immer auf der Strecke.


Nach einer Erhebung der Gewerkschaft Verdi sind in Deutschlands Kliniken fast zwei Drittel der Pflegekräfte nachts allein auf ihrer Station. Im Durchschnitt betreuen sie 26 Patienten. 60 Prozent der Befragten gaben bei der Umfrage an, in den letzten vier Wochen nachts eine gefährliche Situation erlebt zu haben, die mit mehr Personal vermeidbar gewesen wäre. Ohne zweite Pflegekraft, so schildern es Pflegekräfte, sei es nicht einmal möglich, die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen einzuhalten – und sei es nicht unverantwortlich, nachts allein die Tabletten für die Patienten zu richten?

„Das gefährdet Menschenleben“, sagt Verdi-Sekretär Michael Quetting. Gefährdet würden nicht nur Patienten, sondern auch Pflegekräfte. Man stelle sich nur einmal vor, sagt Quetting, eine junge Schwester sei nachts allein auf einer Station, auf der auch ein starker, drogenabhängiger Mann liegt.



Die Forderung „Keine Nacht allein“ hat Verdi bisher in einem Krankenhaus durchgesetzt: bei den SHG-Kliniken Völklingen, im Frühjahr 2018. Es war angeblich das erste Krankenhaus bundesweit, bei dem „Keine Nacht allein“ gilt. Ähnliches ist nun auch am Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg geplant. Die UKS-Spitze hat Verdi kürzlich zugesichert, dass es „für fast alle Stationen nachts eine Besetzung mit mindestens zwei examinierten Fachpflegekräften“ geben soll. Ausgenommen sollen nur kleine Stationen sein, wobei laut Verdi noch strittig ist, wann eine Station klein ist. Dies soll nun am 9. Oktober geklärt werden. „Das ist ein sensibles Thema, weil es mit Emotionen belegt ist“, sagt Quetting.

Die übrigen Krankenhäuser tun sich bislang schwer mit der Forderung. Zwar sieht man grundsätzlich die Notwendigkeit, dass sich Arbeitsbedingungen auch nachts verbessern müssen. „Wir unterscheiden uns in unseren Forderungen nur unwesentlich von Verdi“, gab SHG-Chef Alfons Vogtel bei der Unterzeichnung der Vereinbarung mit Verdi zu Protokoll. „Für uns kommt allerdings hinzu, dass wir das Gewünschte auch finanzieren müssen.“ In Völklingen war der Aufwand begrenzt, weil es vor der Vereinbarung mit Verdi ohnehin nur eine Station gab, auf der nachts eine Krankenschwester allein war.

In anderen Krankenhäusern sieht das anders aus. „Der Slogan ‚Keine Nacht allein‘ ist zwar griffig und prägnant“, sagt Thomas Jakobs, Geschäftsführer der Saarländischen Krankenhausgesellschaft. In allen Diskussionen zu Personaluntergrenzen für die Tag- und die Nachtschichten sei aber deutlich geworden, dass man die Stationen in den Krankenhäusern kaum miteinander vergleichen könne – wegen ihrer unterschiedlichen Strukturen, der unterschiedlichen Belegung, was Zahl der Patienten und Schwere der Erkrankung betrifft, und der sehr verschiedenartigen baulichen Gegebenheiten.

In jedem Krankenhaus werde schon heute versucht, eine vernünftige und bezahlbare Lösung umzusetzen, die das Pflegepersonal entlaste, sagt Jakobs. Die Krankenhausträger und Direktorien der Kliniken nähmen die Sorgen und Anregungen ihrer Mitarbeiter sehr ernst und bemühten sich um angemessene Lösungen. Unabhängig davon belaste derzeit aber jede zusätzliche Kraft in einer Schicht das Budget des Krankenhauses, weil die Krankenkassen für die erhöhten Personalkosten nicht aufkämen.

Die Gewerkschaft Verdi hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. „Wir hoffen, dass durch bessere Arbeitsbedingungen in Homburg Druck entsteht“, sagt Michael Quetting. „Wir geben nicht auf, die Bewegung geht weiter.“ Die Krankenhaus-Chefs hoffen auf das Jahr 2020, wenn endlich alle Pflegepersonalkosten zu hundert Prozent abrechenbar sein sollen – und darauf, dass den Kliniken das zusätzliche Geld nicht an anderer Stelle wieder weggenommen wird.