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Schüler mit sozial-emotionalem Förderbedarf
Warum immer mehr Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen

Immer mehr Schüler zeigen sozial-emotionale Auffälligkeiten.
Immer mehr Schüler zeigen sozial-emotionale Auffälligkeiten. FOTO: dpa / Jens Büttner
Saarbrücken. Viele Schüler können ihre Impulse nicht mehr kontrollieren oder Ruhe bewahren. Das liegt auch an den Eltern, sagt eine Schulpsychologin. Von Nora Ernst
Nora Ernst

Sie sind laut, aggressiv und stellen die Nerven von Lehrern oft auf eine harte Probe. Immer mehr Schüler zeigen sozial-emotionale Auffälligkeiten. Lehrerverbänden zufolge sind es vor allem diese Kinder und Jugendlichen, die Probleme bei der Inklusion bereiten. Auch Andrea Spies vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, selbst Schulpsychologin im Saarland, hat in den vergangenen zehn Jahren einen deutlichen Anstieg bei der Zahl von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten bemerkt. Dies schlage sich auch in den Anmeldezahlen der schulpsychologischen Dienste nieder.


Spies zufolge bringen viele Kinder bestimmte Eigenschaften nicht mehr mit, die früher selbstverständlich waren. Sie seien nicht mehr in der Lage, ihre Impulse zu kontrollieren und Ruhe zu bewahren. In der Schule, wo in der Gruppe gelernt wird, sei aber genau das notwendig. Dafür bräuchten Kinder eine gewisse Frustrationstoleranz. Wenn sie diese nicht mitbringen, „reagieren sie mit Verweigerung oder Aggression, bis hin zu somatischen Symptomen wie Bauchweh oder Schlafstörungen“, sagt Spies.

Spies sieht die Ursachen dieser Entwicklung in einem Erziehungswandel. Heutzutage machten sich zwar viele Eltern sehr viele Gedanken über die Erziehung. Sie versuchten, jede Belastung von ihrem Kind fernzuhalten, und täten damit genau das Falsche. „Für die Reife von Kindern ist es wichtig, ihnen Grenzen zu setzen“, sagt Spies. „Man muss Kindern etwas zumuten, auch Dinge, auf die sie unter Umständen mit Frustration reagieren.“ Dies sei für Eltern oft schwer auszuhalten. „Viele wissen nicht, dass ein Nein auch Liebe bedeuten kann.“ In der Schule seien die Kinder dann häufig überfordert.



Laut Spies zeichnet sich dieser Trend in allen sozialen Schichten ab: „Man kann nicht sagen, dass nur arme Kinder verhaltensauffällig sind.“ Aber Faktoren wie Armut belasteten Familien zusätzlich, was sich wiederum auf das Lernen der Kinder auswirke.

Ein Kind mit sozial-emotionaler Beeinträchtigung von der Förderschule an die Regelschule zurückzuführen, ist laut Spies ein komplexer Prozess, „aber es kann gelingen“. Notwendig sind dafür aus ihrer Sicht vor allem multiprofessionelle Teams. „Vor allem wenn man früh ansetzt, kann man damit viel bewirken.“