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Bundeswehr
Warum der Adler nun wieder hängt

Der Adler wurde vorübergehend abgenommen. Nachdem klar war, dass er rechtlich unbedenklich ist, wurde er wieder angebracht.
Der Adler wurde vorübergehend abgenommen. Nachdem klar war, dass er rechtlich unbedenklich ist, wurde er wieder angebracht. FOTO: Ruppenthal
Saarlouis. In der Kaserne in Saarlouis ließen Vorgesetzte ein Abzeichen der Fallschirmjäger sicherheitshalber von einem Gedenkstein abmontieren. In Zweibrücken wurde ein Kompanie-Motto verboten. Wie weit darf Traditionspflege gehen? Von Daniel Kirch
Daniel Kirch

Chefkorrespondent Landespolitik

Die Stimmung in der Bundeswehr ist derzeit nicht gut, das spürt man auch an den Standorten in der Region. Viele Soldaten empfinden eine Mischung aus Unverständnis, Ratlosigkeit und Enttäuschung. Wann die Stimmung gekippt ist, lässt sich relativ gut datieren, es gab zwei Ereignisse. Erstens Ende April der Vorwurf von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die Truppe habe ein Haltungsproblem. „Dadurch ist die Seele der Soldaten getroffen worden“, sagt Thomas Sohst, der Landesvorsitzende des Deutschen Bundeswehr-Verbandes. Die Neunkircher SPD-Bundestagsabgeordnete Heidtrud Henn, Mitglied im Verteidigungsausschuss, berichtet von Anrufen und E-Mails von Soldaten, „die die Uniform ausziehen wollten“. Dazu sagte Henn: „Mir tut das im Herzen weh. Das Vertrauen zwischen der Ministerin und der Truppe ist gebrochen.“


Das zweite Ereignis war Anfang Mai die Anordnung der Bundeswehr-Führung an die Disziplinarvorgesetzten, alle Kasernen auf Wehrmachts-Devotionalien zu durchsuchen. Hunderte Fallschirmjäger der Saarland-Brigade waren zu diesem Zeitpunkt gerade in Schleswig-Holstein beim größten Manöver im freien Gelände seit Ende des Kalten Krieges.

Diese Überprüfung führte dazu, dass sich Soldaten in Saarlouis eines Tages verwundert die Augen rieben. An einem Gedenkstein am Eingang der Graf-Werder-Kaserne war der stürzende Adler, seit Jahrzehnten das Symbol der Fallschirmjäger, verschwunden. Das Abzeichen war verdächtig geworden, weil es in dieser Version – goldener Adler auf silbernem Eichen- und Lorbeerkranz – bereits den Fallschirmjägern der Wehrmacht als Symbol gedient hatte. Der Unterschied: Zu NS-Zeiten hatte der Adler in seinen Fängen ein Hakenkreuz. Eine Prüfung der Bundeswehr ergab: „Bei dem stürzenden Adler handelt es sich um eine Version, welche laut dem Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26. Juli 1957 innerhalb der Bundeswehr getragen werden darf.“ In einer Bekanntmachung des Bundesinnenministers von 1958 war der goldene Adler in der Version ohne Hakenkreuz ausdrücklich erlaubt worden. Daher, so die Bundeswehr, „wurde das Anbringen wieder veranlasst“, der Adler hängt wieder. Offizielles Abzeichen der Fallschirmjäger in der Bundeswehr ist gleichwohl eine modernere Version des Adlers.

Das Vorgehen in Saarlouis ist aus Sicht des Bundeswehr-Verbandes symptomatisch: „Aufgrund der Kürze der Zeit, in der gemeldet werden musste, hat man lieber ein bisschen zu viel gemacht“, sagt Sohst. Für die Schnelligkeit habe es jedoch gar keinen Grund gegeben. Sohst spricht von Aktionismus, für ihn gehört der abmontierte Adler in eine Reihe mit dem abgehängten Foto von Helmut Schmidt an der Bundeswehr-Uni in Hamburg. Es sei zu viel in der Öffentlichkeit geredet worden, und zu wenig mit den Soldaten. Die Schuld dafür sieht Sohst nicht bei den Vorgesetzten, die seien angesichts der Diskussion in der Öffentlichkeit „ständig im Zweispalt“ gewesen. Die Bundestagsabgeordnete Heidtrud Henn sagt: „Die Truppe ist weitgehend so verunsichert, vom Kommandeur bis hin zur Mannschaftsebene. Die Verunsicherung geht so weit, dass alles entfernt wird, was mit Tradition verbunden ist.“

In den Kasernen in Saarlouis, Lebach, Merzig und Zweibrücken wurden nach Angaben des Heeres „Darstellungen mit geschichtlichem Bezug entfernt“. Diese würden „derzeit in Teilen eindeutiger in den historischen Kontext gestellt, um sie anschließend in eine erlasskonforme militärhistorische Sammlung zu überführen“. Um welche Darstellungen es sich dabei genau handelt, blieb unklar. Der Traditionserlass der Bundeswehr legt fest, dass Waffen, Modelle, Urkunden, Fahnen, Bilder, Orden und Ausrüstungsgegenstände gesammelt werden dürfen; allerdings muss die Art und Weise, in der wehrkundliche Exponate gezeigt werden, „die Einordnung in einen geschichtlichen Zusammenhang erkennen lassen“. Bestätigt wurde bisher lediglich, dass in Zweibrücken in einem nicht mehr genutzten Gebäude ein Spruch von Generalfeldmarschall Erwin Rommel zur Logistik überpinselt wurde.



In Zweibrücken verbot der Kommandeur des Fallschirmjägerregiments 26 außerdem das Motto einer Kompanie, das sich etwa auf Wappen und Wimpeln befand. Dabei handelte es sich, wie zu hören ist, um den Wahlspruch „Wo wir sind, ist vorne“. Der Regimentskommandeur sei bei seiner Bewertung zu dem Ergebnis gekommen, dass eine „Verwechslungsgefahr mit einer ähnlichen Liedzeile eines nicht traditionswürdigen Liedes“ bestehe, hieß es. Eine ähnliche Liedzeile („Wo wir sind, da ist immer vorne“) taucht im Refrain einer Version eines SS-Liedes auf.

Fallschirmjäger, die in den Auslandseinsätzen meist die Vorhut bilden und auf dem Balkan und in Afghanistan bereits mehrere Soldaten verloren haben, lebten in besonderer Weise von Traditionen und Korpsgeist, sagt Sohst, ein Oberstleutnant a.D. Sie erinnern zum Beispiel jedes Jahr an die Eroberung Kretas 1941, bei der tausende Fallschirmjäger starben. „Kreta ist und bleibt für junge wie alte Fallschirmjäger ein schönes, lehrreiches, aber auch ein schwieriges Terrain“, sagte einmal ein Kommandeur der Saarland-Brigade, als er mit seinen Leuten zum Gedenken auf die Insel flog. „Kreta lässt uns Fallschirmjäger nicht los.“

Die Traditionspflege der Fallschirmjäger war im Saarland vor zwei Jahrzehnten Gegenstand einer Kontroverse, die sich auch in zahlreichen Leserbriefen in der SZ niederschlug. Damals hatten linke Gruppen, namentlich die Aktion 3. Welt und die Jusos, unter anderem das Fallschirmjägerlied „Rot scheint die Sonne“ kritisiert, das bereits in der Wehrmacht gesungen wurde. Seinerzeit erläuterte der Kommandeur des Fallschirmpanzerabwehrbataillons 262 in Merzig: „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es bestimmte militärische Tugenden gibt, die zeitlos sind. Unsere Tragik bei den Fallschirmjägern ist, dass wir eine junge Geschichte haben, die leider im Dritten Reich beginnt.“ Vieles werde in der Folge immer im Zusammenhang mit dem Dritten Reich gesehen. Das führe manchmal zu unberechtigten Pauschalierungen. Außerdem: Ein Fallschirmjäger könne nun mal keine Seemannslieder singen.

Die zugelassene erste und zweite Strophe von „Rot scheint die Sonne“ werden mit leicht abgewandeltem Text (statt „tief im Osten stehen dunkle Wolken“ heißt es „hoch am Himmel“) auch heute noch in der Truppe gesungen. Seit Jahren ertönt das Lied bei Gelöbnissen der Fallschirmjäger, auch in unserer Region. Als die Rekruten der Fallschirmjäger im Mai in Trier zum Gelöbnis antraten und eine Gegendemo angekündigt war, wurde jedoch auf das Lied verzichtet.