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Integrationsbeauftragter in Klinik
Wenn die Großfamilie die Genesung gefährdet

  Ein Integrationsbeauftragter soll im Saarbrücker Caritas-Klinikum etwa interkulturelle Konflikte vermeiden helfen.
Ein Integrationsbeauftragter soll im Saarbrücker Caritas-Klinikum etwa interkulturelle Konflikte vermeiden helfen. FOTO: Iris Maurer
Saarbrücken. Kulturelle Konflikte im Krankenhaus beilegen – das ist das neue Arbeitsfeld des Integrationsbeauftragten im Caritas-Klinikum auf dem Saarbrücker Rastpfuhl.

Eine Patientin lehnt aus kulturellen Gründen einen männlichen Arzt ab. Ein Patient weigert sich aus religiösen Gründen, in einem Zimmer zu liegen, in dem ein Kreuz hängt. Und wieder ein anderer Patient sorgt für Unruhe auf der Station, weil er – wie in seinem Kulturkreis nicht unüblich – während der Besuchszeit die gesamte Großfamilie empfängt.


Es sind drei typische Szenen im Alltag eines Krankenhauses. Murat Ersoy kennt solche Momente. Auch am Caritas-Klinikum auf dem Saarbrücker Rastpfuhl, wo Ersoy arbeitet, gibt es solche Szenen immer wieder. Der Mediziner weiß: In solchen Situationen entstehen oft Konflikte. Dann sind Mitarbeiter gefragt, die das Ganze mit den Patienten sensibel besprechen können.

 Der Integrationsbeauftragte des Caritas-Klinikums auf dem Saarbrücker Rastpfuhl, Murat Ersoy
Der Integrationsbeauftragte des Caritas-Klinikums auf dem Saarbrücker Rastpfuhl, Murat Ersoy FOTO: tau


Konflikte lösen – oder noch besser: Ein Umfeld schaffen, in dem es zu solchen Konflikten gar nicht erst kommt – das ist das Ziel von Murat Ersoy. Deshalb hat er seit März eine neue Funktion: Er ist Integrationsbeauftragter der Caritas-Klinik. 20 Stunden pro Woche hat der 37-Jährige für seine neue Aufgabe von der Krankenhausleitung bekommen.

Er hat nichts gegen Besuche von Großfamilien, und er weiß, warum in einigen Kulturkreisen Frauen nicht von Männern behandelt werden wollen. Nur: „Für die Genesung ist so etwas nicht förderlich“, sagt er. „Wir müssen offen und ehrlich sein und direkt ansprechen, dass es Regeln gibt, die einzuhalten sind. Denn die Gesundheit steht im Vordergrund.“ Wichtig sei aber zugleich, die Patienten zu verstehen und ihre Sorgen, Ängste und Probleme zu kennen.

Das Caritas-Klinikum verfügt derzeit über 1650 Mitarbeiter. Ersoy selbst kam 2016 aus dem Schwarzwald ins Saarland, um als Logopäde am Multilingualen Sprachtherapeutischen Institut, das der Klinik angegliedert ist, zu arbeiten. Dass er den Posten des Integrationsbeauftragten übernommen hat, sieht die kaufmännische Direktorin der Klinik, Margret Reiter, positiv. Mit ihr hat Ersoy das Konzept besprochen, sie war schnell überzeugt.

Ersoy ist der Ansicht: Das Thema Interkulturalität muss an Krankenhäusern eine stärkere Rolle spielen. Er kennt die Entwicklung und die Zahlen: 23 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Dazu kommt: Bei der am stärksten wachsenden Bevölkerungsgruppe in Deutschland handelt es sich um ältere Migranten. In vielen Krankenhäusern – auch am Rastpfuhl – beträgt der Anteil der Patienten mit Migrationshintergrund 30 bis 50 Prozent. Und es gibt immer mehr Krankenhausmitarbeiter, die aus anderen Ländern stammen.

Zu den wichtigsten Aufgaben des Integrationsbeauftragten gehört jetzt der Aufbau eines Dolmetschernetzes. Das Problem bisher ist, dass in der Regel Patientenangehörige als Dolmetscher fungieren. So besteht die Gefahr, dass sie etwas verschweigen. „Aus ethischen, medizinischen und wirtschaftlichen Gründen birgt das Risiken“, sagt Ersoy. Für „hochsensible medizinische Übersetzungen“ brauche es professionelle Mitarbeiter, stellt er klar.

Außerdem will er Klinikmitarbeiter interkulturell schulen. Fortbildungen sollen für das Thema sensibilisieren und Hintergrundwissen zu Verhaltensweisen von Patienten vermitteln, um zum Beispiel auf Ablehnung oder psychische Schwierigkeiten besser reagieren zu können. Es geht unter anderem um Patienten, die zur dritten Gastarbeitergeneration gehören oder als Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland kamen. Ersoy will nicht alles umkrempeln, sondern Potenzial, das schon vorhanden ist, nutzen. Deshalb sollen auch eigene Mitarbeiter die Schulungen leiten. „Wir haben Mitarbeiter, die Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Russisch, Italienisch, Französisch, Englisch, Arabisch, Türkisch und Kurdisch sprechen – das ist eine sehr gute Grundlage“, sagt Ersoy, der selbst auch Türkisch und Englisch spricht. Zudem will er den Kontakt zu Migrantenorganisationen verstärken. „So wissen wir dann, was die Menschen bewegt.“

Darüber hinaus plant der neue Beauftragte Angebote an Patienten mit Migrationshintergrund, etwa Broschüren und Infoveranstaltungen, die das Klinik-Leitbild vermitteln sollen: Was vertritt die Klinik? Welche Regeln hat sie? Was ist ihr wichtig?

Große Defizite sieht Ersoy in der Ausbildung des Personals. Beim Thema Interkulturalität gebe es noch viel Nachholbedarf. Im medizinischen Studium spiele das Thema kaum keine Rolle. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung sei das „erschreckend“.