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| 20:34 Uhr

SZ-Serie Zurück zu G9?
Wäre die Gemeinschaftsschule zu retten?

Kurz vor Abschluss des G9-Volksbegehrens im Saarland warnen Experten vor einem Attraktivitätsverlust der Gemeinschaftsschulen.
Kurz vor Abschluss des G9-Volksbegehrens im Saarland warnen Experten vor einem Attraktivitätsverlust der Gemeinschaftsschulen. FOTO: Armin Weigel / picture alliance / dpa
Saarbrücken. Was hieße eine Rückkehr zu G 9 am Gymnasium für die Gemeinschaftsschulen? Experten fürchten einen Attraktivitätsverlust. Von Ute Kirch
Ute Kirch

Was ist die beste Schule für mein Kind? Oft fällt Eltern von Viertklässlern die Entscheidung nicht leicht, auf welche Schule sie ihr Kind nach der Grundschule schicken sollen. „Soll ich meinem Kind den Stress des achtjährigen Gymnasiums antun oder auf die Gemeinschaftsschule schicken, die mit vielen Problemen rund um die Themen Inklusion und Integration von Flüchtlingen zu kämpfen haben?“, fragte eine Mutter vor Kurzem. Zwar spricht die Grundschule eine Empfehlung aus, verbindlich ist diese im Saarland jedoch nicht.

Gerne rühmt das Bildungsministerium die Akzeptanz des Zwei-Säulen-Modells, also von Gymnasium und Gemeinschaftsschule, sei bei Eltern und Schülern hoch. Das belegten auch die Übergangsquoten. Von rund 8000 Viertklässlern wechselten zum Schuljahresbeginn 4324 Schüler an die Gemeinschaftsschule (54 Prozent). 3358 Schüler entschieden sich für das Gymnasium (42 Prozent). Die übrigen vier Prozent wechselten auf private Schulen, darunter die Willi-Graf-Realschule, die Albertus-Magnus-Realschule, die Erweiterte Realschule Herz-Jesu und das Schengen-Lyzeum.

Doch wie würden sich diese Zahlen entwickeln, sollten die Gymnasien zu G 9 zurückkehren? Bildungsgewerkschaften sorgen sich, dass die Gemeinschaftsschule in diesem Fall an Attraktivität verliert. „Die Gemeinschaftsschulen haben berechtigte Ängste, dass, wenn die beiden Säulen in der gleichen Zeit zum Abitur führen, sich noch mehr Eltern und Schüler für das Gymnasium entscheiden. Viele entscheiden sich sowieso unabhängig von der Frage G8 oder G9 für das Gymnasium“, sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Andreas Sanchez Haselberger. Derzeit sei es ein Plus für die Gemeinschaftsschule, dass sie Schülern ein Jahr länger zum Abitur gibt. „Wie entwickeln sich dann die Gemeinschaftsschulen, wenn sie nicht mehr von ausreichend Schülern mit Potenzial zum Abitur besucht werden?, fragt er.

Diese Sorge teilt auch der Verband für Reale Bildung (VRB), der Lehrer an Gemeinschafts- und Förderschulen vertritt. „Die Gemeinschaftsschule kann nur verlieren, wenn es G9 auch an den Gymnasien gibt. Sie verkraftet keinen Strukturwandel“, sagt die Vorsitzende Karen Claassen. Sie fragt sich, ob in einem solchen Fall künftig noch alle gymnasialen Oberstufen der Gemeinschaftsschulen Bestand haben könnten. Der Öffentlichkeit seien die vielfältigen Probleme der Gemeinschaftsschulen bekannt: Marode Gebäude, die Integration von Flüchtlingen, die Umsetzung der Inklusion und der Digitalisierung. „Die Resonanz auf das Volksbegehren ist nach allem, was man hört, gering. Der Bedarf wird von vielen Eltern wohl nicht gesehen, sagt Claassen. Sollte es doch zu einer Rückkehr zu G9 kommen, werde dies eine politische Entscheidung sein, glaubt sie. „Wenn alle Länder G9 einführen, kann es sich das Saarland nicht leisten, bei G8 zu bleiben.“

Um die Gemeinschaftsschulen konkurrenzfähig zu machen, müssten sie deutlich aufgewertet werden, sagen Sanchez Haselberger und Claassen. Konkret hieße dies: Kleinere Klassen, Doppelbesetzung von zwei Lehrern pro Klasse, mehr multiprofessionelle Teams aus Sozialpädagogen und Psychologen an den Schulen. Ein solches Profil könne die Gemeinschaftsschulen attraktiv auch für Schüler mit Gymnasialempfehlung machen. Doch dafür müsse viel Geld in die Hand genommen werden. „Das ist durch die Schuldenbremse und nicht vorhandene Ressourcen nicht möglich“, sagt Claassen.

Die Gemeinschaftsschulen befänden sich derzeit noch im Aufbau und müssten in den nächsten Jahren weiter in ihrer Entwicklung gestärkt werden, teilt das Ministerium mit. So bliebe bei einer möglichen Rückkehr der Gymnasien zu G9 die Gemeinschaftsschule eine echte Alternative. Denn während Gymnasien Schüler zielgleich auf das Abitur vorbereiteten, sei der Bildungsauftrag der Gemeinschaftsschulen breiter. Es gebe eine hohe Durchlässigkeit zwischen den Bildungswegen, Schüler könnten individuell entsprechend ihrer Begabungen gefördert werden. Da es am Anfang noch keine Orientierung auf den möglichen Abschluss gebe, könne auf die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Schüler Rücksicht genommen werden. Dieser Punkt sowie ein vielfältiges Schulleben sei für Eltern ein wichtiges Auswahlkriterium. Vor der Einführung von G8 habe es ein Nebeneinander von neunjährigem Gymnasium und 16 Gesamtschulen gegeben, die ebenfalls nach neun Jahren das Abitur angeboten haben. Die früheren Gesamtschulen seien sehr erfolgreich gewesen. Dies zeige sich an hohen Schülerzahlen und erfolgreichen Schulabschlüssen in allen Bildungswegen.

Der Tübinger Professor für Erziehungswissenschaften, Thorsten Bohl, hält das derzeitige System im Saarland mit G8 am Gymnasium und G9 an den Gemeinschaftsschulen für zeitgemäß. Er teilt die Befürchtungen der Bildungsgewerkschaften: „Neben G9 am Gymnasium wird eine zweite Schulart mit einem gymnasialen Bildungsgang nicht bestehen können. Zu wenig Eltern von Schülerinnen und Schülern mit Gymnasialempfehlung werden sich für sie entscheiden. Dafür ist der Trend zu G9 zu groß. Das G9 wäre auch für viele mit Realschulempfehlung attraktiv.“ Dies sei besonders dort der Fall, wo es keine verbindliche Empfehlung der Grundschulen mehr gebe. So belege eine Studie der Universität Duisburg-Essen, dass bei G9 am Gymnasium auch deutlich mehr Schüler mit einer Empfehlung für die Realschule aufs Gymnasium gehen. Im Prinzip müsste man überlegen, ob die Schulart neben dem Gymnasium dann nicht einfach Mittelschule heißt wie in Sachsen und dort einen Hauptschul- und einen Realschulbildungsweg anbietet“, sagt Bohl.

Entscheidend für den sinnvollen Erhalt aller Bildungsgänge an der Gemeinschaftsschule sei es, wie viele Kinder mit gymnasialer Empfehlung auf die Gemeinschaftsschule gehen. „Wenn dies Quote bei 20 bis 30 Prozent liegen würde, dann würde ich sagen, dass das vielleicht noch gelingt“, sagt Bohl. Das saarländische Bildungsministerium teilt mit, dass es diese Zahl nicht erhebt. Anders sieht es in Baden-Württemberg aus, das auch ein Zwei-Säulen-Modell aus Gymnasium und Gemeinschaftsschule hat. Zwar führte man in Stuttgart 2004 G 8 am Gymnasium ein, aber inzwischen kann an 44 Gymnasien wieder die Abiturprüfung nach 13 Schuljahren abgelegt werden. Seit 2011 bestimmt der Elternwille über die weiterführende Schule. Hier besuchten zuletzt 8,4 Prozent der Kinder mit Gymnasialempfehlung eine Gemeinschaftsschule – Tendenz sinkend.

Wichtig für das Gelingen der zweiten Säule sei auch die Frage, wie diese ausgestattet sei. „Dort muss es auch Gymnasiallehrer geben, die dort authentisch und mit Erfahrung ein gymnasiales Angebot anbieten. Die zweite Schulart muss richtig gut unterstützt werden, denn sie hat viele Reformanliegen: verschiedene Bildungsgänge, Inklusion, Ganztag. Das schafft man nicht locker nebenher“, sagt der Erziehungswissenschaftler.

Für GEW-Vorsitzenden Andreas Sanchez Haselberger ist der Fall klar: „Wir brauchen kein G9 am Gymnasium. Wir haben G9 im Saarland und zwar an den Gemeinschaftsschulen. Wenn Eltern mehr Zeit für ihre Kinder wünschen, sollen sie sie an Gemeinschaftsschulen anmelden. Das ist eine super Schule!“

Die Saarbrücker Zeitung begleitet das Volksbegehren für die Rückkehr zu G 9 mit einer Serie zum Thema. Bereits erschienen ist ein Blick zurück zu den Anfängen von G8 („Der Ruck, der die Schulen ergriff“), ein Überblick über die Praxis in den anderen Bundesländern („Mit Länderhoheit zum Abi-Chaos“), Interviews mit Bildungsforschern Pro und Contra G 8 („G8 oder G9: Was sagt die Wissenschaft“) sowie ein Stück über die Initiatoren des Volksbegehren („Lehrstück in Sachen Bürger-Engagement“).