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Vor 75 Jahren: Saarlouis wächst über sich hinaus

Die heutige Stadt Saarlouis kann ihr 75-jähriges Bestehen feiern: Am 1. April 1936 entstand die neue Kreisstadt Saarlautern durch Zusammenschluss der Stadt Saarlautern und der Gemeinden Fraulautern, Lisdorf, Picard und Schönbruch. Saarlautern war seit dem 13. Januar 1936 der Name der ehemaligen Festungsstadt Saarlouis und hinter Schönbruch verbirgt sich der Ort Beaumarais Von SZ-Mitarbeiter Helmut Grein

Die heutige Stadt Saarlouis kann ihr 75-jähriges Bestehen feiern: Am 1. April 1936 entstand die neue Kreisstadt Saarlautern durch Zusammenschluss der Stadt Saarlautern und der Gemeinden Fraulautern, Lisdorf, Picard und Schönbruch. Saarlautern war seit dem 13. Januar 1936 der Name der ehemaligen Festungsstadt Saarlouis und hinter Schönbruch verbirgt sich der Ort Beaumarais.Der Reichskommissar für die Rückgliederung des Saarlandes, Gauleiter Josef Bürckel, ordnete am 13. Januar 1936, dem 1. Jahrestag der Saarabstimmung, zahlreiche Veränderungen beim Zuschnitt der Gemeinden und Ämter im Kreis Saarlouis an. Die Gebietsreformen, die am 1. April 1936 in Kraft traten, betrafen die Stadt Saarlouis und die Ämter Fraulautern, Lisdorf, Wallerfangen, Kerlingen, Bisten, Rehlingen und Dillingen, wobei die Neubildung einer "Großstadt Saarlautern" die Verwaltungskarte wesentlich veränderte.


Wer zu wem kam



Die Gebietsreformen am 1. April 1936 im Kreis Saarlouis, damals Saarlautern: Die Stadt Saarlouis (mit Roden) und die Gemeinden Fraulautern, Lisdorf, Picard und Schönbruch (Beaumarais) werden zur Kreisstadt Saarlautern zusammengeschlossen. Schönbruch (Beaumarais) und Picard werden dazu aus dem Amt Wallerfangen ausgegliedert.

Das Amt Kerlingen in Ittersdorf wird in das Amt Wallerfangen eingegliedert, wobei die bisher zu Ittersdorf gehörende Gemeinde Felsberg in das Amt Bisten eingegliedert wird. In die Gemeinde Wallerfangen werden Niederlimberg und Oberlimberg eingegliedert. Oberlimberg wird dazu aus dem Amt Rehlingen ausgegliedert.

Die Gemeinden Lisdorf und Ensdorf bildeten bis dahin das Amt Lisdorf, aus dem jetzt die Gemeinde Lisdorf ausgegliedert wurde. Der Sitz des Amtes wurde nach Ensdorf verlegt.

Die Gemeinden Fraulautern und Hülzweiler hatten das Amt Fraulautern gebildet. Hülzweiler wurde nun dem Amt Ensdorf eingegliedert.

Am 1. April 1936 wurde auch die Gemeinde Pachten der Gemeinde Dillingen eingegliedert.

Pläne der Stadt vor 1936

Die ersten Pläne zur Erweiterung der Stadt Saarlouis werden im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts bekannt. Die Entwicklung von 1936 ist letztlich die Durchführung der Erweiterungspläne aus früheren Zeiten.

Die beginnende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts ging an der Stadt vorbei und beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur (Bau der Eisenbahn) war die Stadt im Nachteil: denn Saarlouis zwängte sich in die alten Festungsgrenzen. Eine Veränderung zog erst die Gründung des Deutschen Reiches 1871 nach sich. Durch die Annexion von Elsass und Lothringen durch das neu gegründete Reich verlor Saarlouis seine Grenzlage. In Folge dessen wurde die Festung 1889 aufgegeben. Ohne zusätzliches Gebiet bot sich der Stadt aber keine Expansionsmöglichkeit.

Bereits 1875 wurden seitens der Stadt Versuche unternommen, den Stadtbezirk zu erweitern. Im Vorgriff auf die Entfestigung wollte die Stadt Saarlouis sich von den benachbarten Gemeinden Land eingliedern. Die zuständige Regierung in Trier lehnte die Erweiterungsprojekte damals jedoch ab, weil amtlich nichts von einer Aufgabe der Festung bekannt war. Im August 1889 unternahm die Stadt unter Bürgermeister Titz einen weiteren Anlauf zur Vergrößerung des Stadtbezirks. Titz begründet die Pläne: "Die Stadt Saarlouis ist wohl die einzige Gemeinde des deutschen Reiches, welche eines eigenen Bannes, einer eigenen Gemarkung entbehrt." Weiter: "Als Mittelpunkt einer wohlhabenden und stark bevölkerten Umgegend wäre Saarlouis schon längst mit den vor seinen Thoren liegenden Ortschaften zu einem blühenden Gemeindewesen zusammengewachsen, wenn die Festungswerke die Stadt nicht auf einen kleinen Raum gebannt" hätten. "Es steht daher heute die Frage im Vordergrunde, ob die Stadt Saarlouis zu Grunde gehen solle, oder ob den nächst gelegenen Ortschaften, welche ihr Aufblühen nur dem Zwange verdanken, unter dem die Stadt seit Jahren im allgemeinen Landesinteresse leidet, zugemuthet werden kann, endlich einmal ebenfalls ein Opfer durch Abtreten eines kleinen Theils ihres Bannes zu bringen."

Erste Veränderungen

1892 wurde Saarlouis um 48 Hektar von Lisdorf, 28 Hektar von Beaumarais und sieben Hektar Land von Roden erweitert.

1907 wurde die Gemeinde Roden aus der Bürgermeisterei Fraulautern ausgegliedert und mit der Stadt Saarlouis vereinigt. Eine Vereinigung von Fraulautern mit Saarlouis scheiterte an der ablehnenden Haltung der Gemeinderäte von Fraulautern.

Die 1936 durchgeführten Reformen wurden also schon sehr früh diskutiert. Der erste Weltkrieg (1914-1918) und die nachfolgende Zeit der Verwaltung des Saargebietes unter dem Völkerbund (1920-1935) haben die weitere Entwicklung einer "Großstadt Saarlouis" gebremst.

Der Saarlouiser Bürgermeister Latz (1920-1936) verfolgte weiter das Ziel der Eingemeindung der benachbarten Gemeinden. Konkrete Maßnahmen ergriff er erst nach der Rückgliederung des Saargebietes in das Deutsche Reich am 1. März 1935.

Vorbereitung der 1936er Reform

Im März 1935 setzte sich der Saarlouiser Bürgermeister Latz mit dem Kreisleiter der NSDAP in Saarlouis, Schaub, in Verbindung. Dabei ging es um eine künftige Mittelstadt Saarlouis mit rund 40 000 Einwohnern, die "in ihrer räumlichen Verteilung und in ihrem soziologischen Aufbau alle Voraussetzungen zu einer gesunden, natürlichen Weiterentwicklung besitzt". Das neue Gebilde sollte Saarlouis, Fraulautern, Ensdorf, Lisdorf, Picard, Beaumarais, Wallerfangen und Niederlimberg umfassen. Zunächst strebte Latz nur die Eingemeindung von Lisdorf, Beaumarais und Picard an. Da Fraulautern als Siedlungsraum zunächst nicht in Frage kam, nahm der Bürgermeister "von einer übereilten Behandlung dieser gerade bei Fraulautern besonders delikaten Frage" Abstand. Zunächst war also die Vergrößerung von Saarlouis auf rund 23 500 Einwohner vorgesehen.

Lisdorf: Ja mit Bedingungen

Die Vertreter der Gemeinde Lisdorf setzten sich am 20. April 1935 beim Kreisleiter der NSDAP in Saarlouis für eine Eingemeindung nach Saarlouis ein: "Wenn wir auch nicht gern unsere Selbständigkeit aufgeben, um in einem Verband eingegliedert zu werden, der selbst leistungsschwach ist, so sehen wir doch ein, daß wir uns einer Entwickelung nicht entgegenstemmen sollen, die durch die kommende Verwaltungsreform erstrebt und bedingt ist und uns später vielleicht doch zum Segen gereichen kann." Der "landwirtschaftliche Charakter Lisdorfs" müsse dabei erhalten bleiben.

Die Stadt Saarlouis sagte zu, auf die in Verbindung mit der Eingemeindung geäußerten Wünsche der Lisdorfer einzugehen. Es sollte alles geschehen, "um nicht etwa das Gefühl aufkommen zu lassen, der eingemeindete Bezirk sei nur ein Anhängsel der Stadt Saarlouis."

Auf größeren Widerstand stießen die von der Stadt Saarlouis betriebenen Pläne zur Eingemeindung von Schönbruch (Beaumarais) und Picard bei den betreffenden Gemeindevertretern des Amtes Wallerfangen.

Die Gründe, die die Stadt im November 1935 anführte, waren eigentlich die gleichen wie 1889. Die Weiter- und Fortentwicklung der alten Kernstadt Saarlouis sei behindert. Fehlende Planung habe zu städtebaulichen Missständen vor allem am Ostrand der Stadt mit Roden, Fraulautern und Ensdorf geführt. Der Westrand des Siedlungsraumes, also das Gebiet zwischen Saarlouis, Beaumarais und Picard sei für eine "gartenmäßige Wohnsiedlung" geeignet und zu Saarlouis hin gebe es Platz für Eigenheime mit städtischem Charakter. Zur Gestaltung des Siedlungsraumes seien also die Eingemeindungen von Schönbruch (Beaumarais) und Picard notwendig.

Wallerfangen dagegen

Neu ist jetzt der Hinweis auf die Bedeutung von Saarlouis als "westlichste deutsche Grenzstadt und Hüterin deutschen Kulturgutes". Der Amtsbürgermeister Wallerfangens lehnte nach Beratung mit den Gemeinderäten und den Amtsältesten ab. Beide Gemeinden hätten zum größten Teil "bäuerlichen Charakter" und seien "in sich abgeschlossene Gebietskörperschaften mit völligem Eigenleben und in keiner Weise interessegebunden an die Stadt Saarlouis." Die Stadt Saarlouis verfolge allein wirtschaftliche, selbstsüchtige Interessen. In der Gemeinde Schönbruch (Beaumarais) waren alle Amtsträger gegen eine Eingemeindung und für einen Verbleib im Amt Wallerfangen. In Picard war die Abstimmung gespalten.

Am 3. Januar 1936 beantragte der Saarlouiser Landrat Franz Schmitt beim Reichskommissar für die Rückgliederung des Saarlandes die Neugliederung von Gemeinden und Ämtern im Kreis Saarlouis, darunter neben der Eingemeindung von Schönbruch und Picard nach Saarlouis auch die Eingemeindung von Lisdorf und Fraulautern. Es kämen durch Fraulautern 7798 Einwohner und durch Lisdorf 3720 Einwohner hinzu, so dass die neue Stadt dann zusammen 30 670 Einwohner hätte.

Das Ergebnis der beantragten Änderungen im Kreis Saarlouis, die am 1. April 1936 in Kraft traten, ist bereits oben genannt worden. Durch die Eingliederung des Amtes Kerlingen (ohne Felsberg) konnte das Amt Wallerfangen, dem ja die Gemeinden Schönbruch und Picard ausgegliedert wurden, gestärkt werden. Seitens des Amtes Wallerfangen konnte man dem zustimmen.

Die Gemeinden Fraulautern, Lisdorf, Picard und Schönbruch stimmten Anfang Januar 1936 in öffentlichen Sitzungen unter starker Beteiligung der Bevölkerung zu Gunsten einer neuen Stadt ab.

Auch der Stadtrat von Saarlouis gab seine Zustimmung. Die vier Gemeinden und die Stadt sollten zu einer neuen Stadt zusammengeschlossen werden, was ja die Auflösung aller fünf Kommunen bedeutete. Bei der Namensgebung waren die vier Gemeinden für ein Verschwinden des Namens Saarlouis, die Stadt wollte natürlich ihren Namen behalten. Der Namensvorschlag Saarlautern kam aus Fraulautern.

Parteivertreter und Kommunalpolitiker interpretierten den Zusammenschluss zum Teil im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie.

Ohne Ausschreibung

Eine Ausschreibung der Bürgermeisterstelle erfolgte nicht. Am 11. Januar wurde in der Sitzung der Ratsherren von Saarlouis Franz Schubert (1905-1992), der Kreisleiter der NSDAP in Saarlouis, als neuer Bürgermeister von Saarlouis vorgeschlagen und ernannt. Schubert übte das Amt bis 1938 aus, Kreisleiter war er bis 1941.

Latz, der sich als Saarlouiser Bürgermeister um die Eingemeindungen bemüht hatte, wurde als Amtsbürgermeister nach Sulzbach berufen.

Als Symbol erhielt die Stadt am zweiten Jahrestag der Saarabstimmung, am 13. Januar 1937 ein Wappen verliehen mit der Beschreibung: "Sechszinnige Stadtmauer, heraldischer Adler mit Hakenkreuz auf der Brust, Farben weiß-silber auf rotem Schildgrunde".

1945 wieder Saarlouis

Name und Wappen überdauerten das Dritte Reich nicht. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges erhielt die Stadt am 14. Juli 1945, dem französischen Nationalfeiertag - das Saarland gehörte zur französischen Besatzungszone -, den Namen Saarlouis zurück. Die Stadt führt auch wieder das alte aus dem 17. Jahrhundert stammende Wappen.

Die Gebietszusammenlegung von 1936, über die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts diskutiert wurde, blieb bis heute erhalten.

In der weiteren Entwicklung wurde Neuforweiler 1970 Stadtteil von Saarlouis. 1971 schlossen die Stadt Saarlouis und die Gemeinde Ittersdorf einen Gebietsänderungsvertrag ab. Der Vertrag wurde im Rahmen eines größeren Raumkonzeptes der Stadt Saarlouis betrachtet, bei dem bei der im Saarland geplanten Gebietsreform eine Stadt mit nahezu 100 000 Einwohnern entstehen sollte. Die Gebietsreform von 1974 brachte für Saarlouis jedoch keine Eingemeindung. Lediglich die auf den Gemarkungen Roden und Fraulautern entstandene Wohnsiedlung Steinrausch war 1972 ein eigener Stadtteil geworden. "Es steht daher heute die Frage im Vordergrunde, ob die Stadt Saarlouis zu Grunde gehen solle"

Bürgermeister Titz, 1889

Überfüllt der Saal im Gasthaus Schulden in Saarlouis-Lisdorf, als Helmut Grein (links von ihm Jürgen Baus und Gerd Engelmann, rechts Heiner Groß) über die Eingemeindung im Jahr 1936 berichtet. Foto: SZ/Heimatkundeverein
Überfüllt der Saal im Gasthaus Schulden in Saarlouis-Lisdorf, als Helmut Grein (links von ihm Jürgen Baus und Gerd Engelmann, rechts Heiner Groß) über die Eingemeindung im Jahr 1936 berichtet. Foto: SZ/Heimatkundeverein