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Vom "Poscht-Kätt" bis zu Multi-Koppes

Mg--post Von SZ-Mitarbeiter Tobias Blum

Heute ist es genau 100 Jahre her, dass in Wahlen eine Poststelle ihren Betrieb aufnahm. Im "Amtsblatt der königlich-preußischen Regierung zu Trier" aus dem Jahr 1913 wird auf Seite 15 auf die "Einrichtung einer Postagentur in Wahlen" hingewiesen. 100 Jahre später sprechen Marianne Hesselmann und Astrid Müller, beide Töchter ehemaliger Poststelleninhaber sowie die früheren Postbeamten Liselotte Breitung und Klara Müller über Erinnerungen und Erlebnisse. Mit dabei ist auch Jörg Koppes, der zurzeit die Poststelle in seinem Nachbarschaftsmarkt in Wahlen betreibt und der ehemalige Ortsvorsteher Rene Schommer."Bevor die Poststelle in Wahlen eingeführt wurde, hatten wir hier eine kleine Poststation", erzählt Rene Schommer, der sich für das Jubiläum über die Geschichte der Post informiert hatte. Es handelte sich allerdings nur um eine Wechselstelle für Postkutschenpferde. "Müde Pferde wurden gegen ausgeruhte ausgetauscht. Diese rasteten bei der Gaststätte zur Post", so der Alt-Ortsvorsteher. 1913 wurde in dem Gebäude die erste Wahlener Post eröffnet. Als die "Gaststätte zur Post" 1915 abbrannte, übernahm die 19-jährige Katharina Kläser, später Jager, den Postdienst. Im Dorf war sie ab diesem Zeitpunkt als "Poscht-Kätt" bekannt. "Meine Mutter erhielt auch den Spitznamen 'Poscht-Martha'", erwähnt Astrid Müller, deren Mutter Martha Helfen 25 Jahre lang die Poststelle besetzte. Damals kamen die Kunden nicht nur für Briefe und Pakete. "Früher zahlten die Poststellen den Bewohnern noch die Rente aus. Die Leute standen an diesen Tagen meist bis auf die Treppe", erinnert sich Marianne Hesselmann, die Tochter der "Poscht-Kätt". Astrid Müller nickt zustimmend: "Das Haus war auch viel mehr gesichert. Überall waren Eisenstangen zum Schutz. Wir hatten auch einen Posthund als Wache", ergänzt sie. Auch war es zu dieser Zeit noch möglich, auf der Post Geld zu wechseln. "Bis Anfang der 1990er boten wir andere Währungen an. Der Geldverkehr war viel stärker ausgeweitet als heute", erzählt Liselotte Breitung, die selbst in den 1990ern Inhaberin der Post war. Zudem hatte zu Zeiten der "Poscht-Kätt" niemand im Ort ein Telefon. Sie musste Tag und Nacht Telefonate entgegennehmen. Deswegen gab es nach den Worten von Marianne Hesselmann und Astrid Müller auch keine geregelten Arbeitszeiten, geschweige denn Urlaub oder ein ruhiges Wochenende. Oft mussten die Söhne und Töchter beim Austragen der Briefe helfen. Während des Zweiten Weltkrieges kam die Kriegspost belastend hinzu. "Das war eine schwere Zeit für meine Eltern. Vor allem die Totenbescheide auszutragen, war nicht einfach", so Hesselmann. Als die Amerikaner und Franzosen nach Kriegsende nach Deutschland kamen, wurde Hesselmanns Vater vorübergehend in Gewahrsam genommen. "Obwohl mein Vater gegen Hitler gestimmt hatte bei der Wahl, wurde ihm unterstellt, er sei ein Nazi gewesen. Zuerst wurde er durch das Nazi-Regime aus seinem Beamtendienst entlassen und dann von den Franzosen in Gewahrsam genommen." Der Grund: Unter den Nazis musste an jedem öffentlichen Gebäude eine Hakenkreuzflagge gehisst werden. Darum habe der Vater den Besatzern anfangs als NS-Sympathisant gegolten. Eine Verwandte in Frankreich klärte nach einiger Zeit das Missverständnis auf.



Kurze Zeit später wurden die ersten Briefträger eingestellt. "Wir hatten auch zwei Postboten. Trotzdem endete der Postdienst nie. Zu jeder Zeit kam noch jemand vorbei, um einen Brief abzugeben", erinnern sich Astrid Müller und Liselotte Breitung. "Das ist heute aber genauso", wirft Jörg Koppes ein, "immer fragt jemand: 'Holst du den Brief noch mit?'". Einen Spitznamen wie früher hat Koppes übrigens nicht. Dafür sei im Dorf die Redewendung "Ich geh grad zum Koppes" sehr geläufig. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern bietet die Poststelle Multi Koppes neben Briefmarken auch viele andere Produkte und Lebensmittel an. "Einen Markt zu führen und gleichzeitig eine Poststelle zu haben, war bei dem Zeitaufwand früher undenkbar. Erst wenn man im Bett war, war die Arbeit zu Ende", sagen die einstigen Postlerinnen übereinstimmend. Das kann auch Klara Müller bestätigen. Als die Poststelle Wahlen 2005 geschlossen werden sollte, übernahm ihre Tochter Sina Kreuz-Müller diese. Tochter und Mutter führten eine Bäckerei und Poststelle in einem Haus. "In einem Nebenraum in der Bäckerei kümmerte sich meine Tochter um die Briefangelegenheiten. Sie war aber nur morgens dafür zuständig. Mittags gab es genügend in der Bäckerei zu tun", so die Bäckerin. Als die Doppelbelastung Frau Müller zu groß wurde, übernahmen Jörg Koppes und sein Vater Ronald Koppes die Post.

Anlässlich des Jubiläums hängen heute Bilder aus der Geschichte der Post im Nachbarschaftsmarkt Multi Koppes in Wahlen aus. Außerdem ist ein Zusatzstempel "100 Jahre Post in Wahlen" möglich. Interessierte sind eingeladen, einen Blick auf die Bilder zu werfen. Jeder, der passende Fotos der Filiale besitzt, wird gebeten, diese zur Verfügung zu stellen.

Hintergund

Vor 1913 existierte in Wahlen nur eine Wechselstelle für Postkutschenpferde in der "Gaststätte zur Post M. Schommer". Diese wurde 1913 zur Poststelle unter der Leitung von Matthias Schommer. Nach einem Brand übernahm Katharina Jager 1915 die Post. Die Filiale wurde im "Kiwwisch-Ecken" eröffnet. 1955 wechselte das Unternehmen in die "Kreizstrooß". Ab diesem Jahr war Martha Helfen für den Postdienst zuständig. Ihre Nachfolgerin Elfriede Thome führte die Post, in die Raiffeisenkasse. Im selben Gebäude leitete ab 1989 Liselotte Breitung die Postagentur. Sie wurde 1996 von Paul Renkel abgelöst. Von 1998 bis 2005 richtete Silvia Schommer im "Einkaufsmarkt Schommer" eine Postagentur ein. Als Schommer die Agentur aufgab, sollte die "Poststelle Wahlen 1" aufgelöst werden.

Die Wahlener sammelten Unterschriften dagegen - mit Erfolg: Sina Kreuz-Müller führte die Poststelle in der Bäckerei Müller weiter. Seit November 2012 befindet sich die Post im Nachbarschaftsmarkt Multi Koppes. obi