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Voller Einsatz zum Wohle der Kinder

Die Herzen von Arnold (2. v. l.), Andrea und Monika Nagel schlagen für die Ferienfreizeit. Foto: rup
Die Herzen von Arnold (2. v. l.), Andrea und Monika Nagel schlagen für die Ferienfreizeit. Foto: rup FOTO: rup
Britten. Ferien, dazu Sommer und Sonne pur: Wo die einen an lauschigen Orten ihre Ferien in vollen Zügen genießen, müssen andere arbeiten. Die SZ stellt Leute vor, die in der schönsten Zeit des Jahres keinen Urlaub machen können. Von SZ-RedaktionsmitgliedLaura Blatter

Mit geübten Fingern zupfelt Monika Nagel das bauchfreie Oberteil zurecht und stopft es mit Tennisbällen aus. Aus ihrem über Jahre zusammengetragenen Fundus an Faschingskleidung hat sie dem 23-jährigen Betreuer Tobias Staub ein sexy Bauchtänzer-Kostüm gezaubert. Denn an diesem Tag regiert im Ferienlager der Saarländischen Turnerjugend auf dem Waldfestplatz in Britten das Motto "Karneval". Zum Völkerballspiel "Teamer gegen Betreuer" müssen sich alle "verbotzen".

Monika Nagel aus Gersweiler ist seit Jahren beim Ferienlager ehrenamtlich dabei, opfert dafür einen Teil ihres Jahresurlaubs. Wie der Rest der Familie auch. "Einmal damit angefangen, sind wir - also ich, mein Mann und unsere beiden Töchter - einfach nicht mehr davon losgekommen", erzählt die 62-Jährige.

Schon als Kinder haben ihre Töchter Andrea (33) und Kristina (28) am Zeltlager teilgenommen. Als dann eines Tages - vor rund 18 Jahren - im Küchenteam ein Koch fehlte, sprang Monika Nagels Mann Arnold ein. Der Hobbykoch ist dabei geblieben - Jahr für Jahr - und hat schließlich auch seine Frau in den Bann der Ferienlager-Manie gezogen.

Seither ist Monika Nagel, von allen Moni genannt, die "gute Seele" oder "Patin des Zeltlagers", wie Insider erzählen.

Sie ziehe die Fäden, bliebe dabei aber stets im Hintergrund, hinter den Kulissen. Vor allem die kreative Arbeit mit den Kindern macht ihr Spaß: "Ich habe immer viele Ideen."

Als die SZ das Lager besucht, hilft Moni den Kindern beim Nähen von kleinen Stoffeulen - und Monstern und erteilt mütterlich Ratschläge. So zeigt sie beispielweise, wie man einen Faden einfädelt, "das lernen die Kinder ja heutzutage nicht mehr in der Schule".

Aber nicht nur die Kinder profitieren von der Erfahrenheit der 62-Jährigen, auch sie lernt jedes Jahr hinzu, wie sie gesteht: "Ich bin immer so genau und perfekt, die Kinder geben mir eine gewisse Lockerheit, weil sie alles nicht so eng sehen."

Arnold Nagel gönnt sich derweil eine kleine Verschnaufpause, setzt sich auf eine Bierzeltbank und schaut seiner Tochter Andrea dabei zu, wie sie auf dem Waldfestplatz das Volleyballfeld absteckt. Es ist gleich Abendessenszeit - Ruhe vor dem Sturm. 280 Schnitzel, 180 Portionen Kartoffelpüree und 17 Kilo Erbsen und Möhrchen sind bereits vorbereitet, und werden in der Küche warm gehalten.

"Wir machen alles frisch, es gibt bei uns nichts aus der Dose", sagt der 63-Jährige sichtlich stolz. Seit einem Monat befindet sich der kaufmännische Angestellte im wohlverdienten Ruhestand. Einen Sommer ohne Ferienfreizeit, das kann sich der Hobbykoch nicht vorstellen: "Ich brauche die ganze Action hier, das ganze Treiben. Es ist zwar sehr viel Stress, aber es macht unheimlichen Spaß."

Jeden Tag nimmt er aufs Neue dieselbe Herausforderung an: "Alle satt zu bekommen. Und wenn es dann noch allen schmeckt, bin ich glücklich", sagt Nagel und lacht.

Tochter Andrea wird derweil beim Volleyballspiel von einer rasselnden und trommelnden Kindermeute angefeuert. Bereits seit sie 16 Jahre alt ist - also zu alt war, um selbst noch mitzufahren - kümmert sich die 33-Jährige um die Büroorganisation des Lagers. Die Rechtsanwaltsfachangestellte nimmt dafür extra fünf Tage Urlaub: "Im Anschluss an die Woche brauche ich dann noch vier Tage Urlaub, um mich zu akklimatisieren. Hier hat man schon einen völlig anderen Rhythmus."

Auch Andreas Freund Alex Dahlem ist seit sechs Jahren mit dem Ferienfreizeit-Virus infiziert. "Ich war vorher immer nur als Besucher da. Ich habe aber gemerkt, dass das gar nichts bringt. Man muss den Quatsch hier einfach von Anfang bis Ende mitgemacht haben", sagt der 35-Jährige.

Andreas Schwester Kristina konnte in diesem Jahr das Team nur bedingt unterstützen. "Sie hat die Freck und liegt zuhause im Bett", meint Andrea Nagel. Dann ertönt eine Glocke - der Ruf zum Abendessen, wie die junge Frau erklärt. Nun wird sich herausstellen, ob Papa Arnold die Herausforderung des Tages gemeistert hat. Dann mal: Guten Appetit.