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VdK für Hausbesuche bei Senioren

Saarbrücken. Der Sozialverband VdK wirft Teilen der Ärzteschaft und den Pflegekassen vor, zu wenig zu unternehmen, um Pflegebedürftigkeit bei älteren Menschen zu vermeiden. Daher müsse die Saar-Regierung jetzt handeln. Von SZ-RedakteurNorbert Freund

VdK-Chef Armin Lang hat an die Landesregierung appelliert, in einer konzertierten Aktion mit Gebietskörperschaften, Kranken- und Pflegekassen sowie Sozialverbänden den "präventiven Hausbesuch" bei allen Personen ab dem 70. Lebensjahr zu erproben. Träger dieses flächendeckenden Beratungsangebots sollten die Pflegestützpunkte im Land werden, schlug Lang in einem SZ-Gespräch vor. Im Mittelpunkt sollten dabei Sturz- und Wundprophylaxe, Bewegungs-, Ernährungs- und Kontaktförderung sowie die Vermeidung chronischer Erkrankungen stehen.

Wegen des besonders hohen Anteils älterer und hochbetagter Menschen im Saarland müsse dringend mehr zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit und Langzeiterkrankungen getan werden, so Lang. Durch die Beratung und Begleitung von "Risikopatienten" könne man Krankenhaus- und Heimkosten vermeiden sowie die Lebensqualität der Menschen und ihrer Angehörigen steigern.

Der VdK-Chef forderte, der Medizinische Dienst solle künftig im Zuge einer jeden Pflegebegutachtung die Rehabilitationspotenziale der Pflegebedürftigen, aber auch der von Pflegebedürftigkeit bedrohten Menschen feststellen und konkrete Vorschläge machen, um diese auszuschöpfen. Für viele ältere Menschen sei eine ambulante Rehabilitation in den eigenen vier Wänden die beste Lösung. Therapeuten übten dann in der Wohnung der Patienten mit diesen zum Beispiel ein, wie sie in ihrem Bad künftig zurechtkommen. Leider werde viel zu selten von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Lang beklagte, dass es derzeit im Saarland kein mobiles Reha-Angebot für mehrfach kranke Menschen gebe.

Er erinnerte an den gesetzlichen Grundsatz "Rehabilitation vor Pflege". Die Realität sehe leider anders aus: "Rehabilitation findet viel zu selten statt, Pflegebedürftigkeit nimmt unverhältnismäßig zu." Schuld daran seien "auch Ärzte, die die aktivierbaren Fähigkeiten ihrer Patienten unterschätzen und der Fehlmeinung anhängen, bei älteren Menschen lohne sich eine Rehabilitation nicht mehr". Die Krankenkassen seien für diese Situation mitverantwortlich: "Für Patienten ist es oftmals schwieriger, eine Rehabilitationsleistung zu erhalten als eine Operation." Er verwies darauf, dass trotz der gestiegenen Zahl von Pflegebedürftigen die Rehabilitation älterer Menschen nicht ansteige. Das sei "ein klares Indiz dafür, dass die Krankenkassen der Vermeidung von Pflegebedürftigkeit zu wenig Aufmerksamkeit schenken".

Lang rief zugleich die Pflegeanbieter auf, die Pflege kundenorientierter auszugestalten: Tages-, Nacht-, Verhinderungs- und Kurzzeitpflege sollten sich ergänzen und abwechseln. Nötig seien auch allgemeinverständliche Informationsangebote zu neuen Technologien, die das Leben im Alter erleichtern. Das Saarland gehöre bisher zu den wenigen Bundesländern ohne eine flächendeckende "interessenunabhängige Wohnberatung", so Lang.Angesichts aktueller Angaben der Bundesregierung, wonach die Pflegezeit für Angehörige kaum genutzt wird, hat VdK-Chef Armin Lang die Saar-Regierung zum Handeln aufgefordert. Er sagte der SZ, die große Koalition im Land müsse über eine Bundesratsinitiative darauf hinwirken, dass pflegende Angehörige ein Freistellungsrecht von beruflicher Tätigkeit erhalten, das mit dem von Eltern in der Elternzeit vergleichbar ist. Die Pflegezeit sollte in Zukunft ebenso vergütet und sozialversicherungsrechtlich abgesichert sein wie die "Elternzeit".

Nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt seien, würden Beschäftigte mit pflegebedürftigen Angehörigen sie auch in nennenswertem Ausmaß in Anspruch nehmen. Der VdK-Landeschef ist sich sicher, dass sich viele Arbeitnehmer gegenwärtig aus finanziellen Gründen keine Verkürzung ihrer Arbeitszeit leisten können.