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Überalterung stellt Kreis vor ProblemeKreistag: Auf Datenbasis müssen Lösungen folgen

St. Wendel. "Ziel des Sozialberichtes ist es, uns ein Stück weit den sozialen Spiegel vorzuhalten", das sagte Landrat Udo Recktenwald im Kreistag. In vielen Bereichen stehe die Region gut da. Trotzdem sei nicht alles in Ordnung. Aufgabe des Berichtes sei es nicht gewesen, fertige Lösungen zu präsentieren. Die sollen nun in weiteren Diskussionen gesucht werden Von SZ-Redakteur Volker Fuchs

St. Wendel. "Ziel des Sozialberichtes ist es, uns ein Stück weit den sozialen Spiegel vorzuhalten", das sagte Landrat Udo Recktenwald im Kreistag. In vielen Bereichen stehe die Region gut da. Trotzdem sei nicht alles in Ordnung. Aufgabe des Berichtes sei es nicht gewesen, fertige Lösungen zu präsentieren. Die sollen nun in weiteren Diskussionen gesucht werden. Schließlich wird der größte Teil des Kreishaushaltes durch die sozialen Sicherungssysteme bestimmt.Für Recktenwald ist erkennbar die Bildung ein wichtiger Schlüssel. Im SZ-Gespräch sagte er: "Je größer die Bildung, desto besser die Chance, nicht ins soziale Netz zu fallen."



"Wir müssen uns den Herausforderungen stellen", sagte für die CDU-Fraktion ihr Vorsitzender Friedbert Becker. Man müsse überlegen, wie das Problem der Altersarmut in den Griff zu bekommen sei. Viel sei schon umgesetzt worden, um Schulabbrecher aufzufangen.

Für die SPD sagte ihr Fraktionsvorsitzender Magnus Jung: "Der Bericht ist eine gute Grundlage für die politische Bewertung, die jetzt erfolgt, für weitere Planungen, die wir machen müssen." Allerdings könne der Landkreis nicht für jedes Problem eine Lösung finden, so Jung. Zum Beispiel habe man keinen Einfluss auf die Entlohnung. Mike Martin, Freie Bürgerbewegung, der noch zu seiner Zeit als Linken-Ratsmitglied den Bericht initiiert hatte, sagte: "Wir haben eine vernünftige Datensammlung, über die wir diskutieren können." vf

St. Wendel. Zunächst die guten Nachrichten: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigt im St. Wendeler Land kontinuierlich an. In den letzten zehn Jahren um 8,5 Prozent. Der Mittelstand ist krisensicher, beschäftigt etwa 75 Prozent der Erwerbstätigen. Der Landkreis hat die niedrigste saarländische Arbeitslosenquote. So wundert es nicht, dass der Arbeitsmarkt robust ist, dass die Zahl der Hartz-IV-Empfänger im Vergleich mit anderen Kreisen relativ niedrig ist.

Der Arbeitsmarkt hat aber auch Schattenseiten: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, zum Beispiel Scheinselbstständigkeit, nehmen zu. Der Anteil geringfügig Beschäftigter ist hoch. Leih- und Zeitarbeit steigen, Menschen mit fehlendem Schulabschluss entkommen oftmals nicht der Langzeitarbeitslosigkeit.

Und das hat Folgen: Diese Betroffenen haben später weniger Rentenansprüche, Altersarmut droht. Die wächst schon jetzt deutlich. Waren es im Jahr 2005 im Landkreis 493 Ältere, die von der staatlichen Grundsicherung im Alter leben mussten, waren es 2010 schon 625. Musste der Kreis 2005 bei 110 Menschen, die in Seniorenheimen untergebracht waren, stationäre Hilfe zur Pflege bezahlen, waren es 2010 schon doppelt so viele, nämlich 224.

Diese Fakten nannte der Sozialdezernent des Landkreises, Benedikt Schäfer, in der Kreistagssitzung bei der Vorstellung des Sozialberichtes für das St. Wendeler Land. Das Risiko von Altersarmut treffe insbesondere ledige und alleinerziehende Frauen, die geringe Rentenansprüche erworben haben. Diesen drohe zudem die Vereinsamung. Wer arm ist, stirbt auch früher, darauf wies Schäfer ebenfalls hin. Er listete Zahlen aus dem Datenreport 2011 auf, dem Sozialbericht für Deutschland. Demnach hat eine 65-jährige Frau mit einem Einkommen, das weniger als 60 Prozent des Durchschnittes umfasst, noch eine weitere Lebenserwartung von 16,2 Jahren, eine Frau mit einem Einkommen über 150 Prozent des Durchschnittes noch 22,5 Jahre. Schäfer: "Auch der Geldbeutel entscheidet über die Gesundheit."

Altersarmut ist nur ein Aspekt des Sozialberichtes für St. Wendel. Den hat eine Arbeitsgruppe der Kreisverwaltung in einjähriger Arbeit zusammengestellt und dafür verschiedene Datenquellen genutzt. Der Bericht stellt die Rahmenbedingungen im Landkreis vor, befasst sich mit den Themen Bildung, mit Arbeit und Erwerbstätigkeit sowie dem Kapitel Einkommen, Mindestsicherung und Überschuldung. Ein weiterer Schwerpunkt sind Familien und soziale Netzwerke. Zudem beschreibt der Bericht die Gesundheitslage der Menschen. Auf Grundlage des Berichtes will der Kreistag in den kommenden Monaten diskutieren, was er tun kann, um die Lebensumstände der Menschen zu verbessern. Zu den Rahmenbedingungen: Seit den neunziger Jahren liegt die Sterberate im Saarland über der Geburtenrate. Für den Landkreis gehen die Prognosen davon aus, dass die Bevölkerungszahl von 2009 bis 2039 um rund 13 000 Einwohner zurückgeht. Das ist etwa die Größe der Gemeinde Tholey. Damit nicht genug. Der Anteil der über 65-Jährigen steigt an. Im erwerbstätigen Alter (20 bis 65 Jahre) sind 2030 nur noch 41 Prozent der Menschen, 2009 waren es noch 54,5 Prozent.

Gleichzeitig verändern sich die Familienstrukturen. So wird die Kinderbetreuung immer wichtiger. Bis Ende 2013 wird es im Landkreis für mehr als 39 Prozent der Kleinkinder einen Krippenplatz geben. Schulbildung, der Übergang von der Schule zum Beruf, Hilfen zur Erziehung, soziale Netzwerke: Schäfer listete zahlreiche Beispiele aus der Jugend- und Familienhilfe auf. Dabei unterstrich er auch die Bedeutung der Vereine. Mehr als 1000 gibt es im Landkreis: "Die Kinder lernen dort das soziale Miteinander."

Bildung weist nicht nur in Entwicklungsländern den Weg aus der Armut. Für den Sozialdezernenten gilt auch für das St. Wendeler Land: "Ohne Bildung keine Teilhabe." Und weiter: "Jeder Schulabbrecher hat ein verstärktes Risiko, arm zu werden." Übrigens, im Landkreis gibt es 13 Grundschulen in Trägerschaft der Kommunen und 18 weiterführende Schulen, bis auf zwei in der Trägerschaft des Landkreises.

Der komplette Sozialbericht ist auf der Internetseite des Landkreises eingestellt.

landkreis-st-wendel.de