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Familienfeier in Fechingen
Tödliches Familiendrama in Fechingen: Vater wegen Mordes angeklagt

Ein Polizist sichert den Zugang zu dem Haus, in dem der Angeklagte zwei Männer erschossen und zwei Frauen verletzt haben soll.
Ein Polizist sichert den Zugang zu dem Haus, in dem der Angeklagte zwei Männer erschossen und zwei Frauen verletzt haben soll. FOTO: dpa / Harald Tittel
Saarbrücken. Wegen mehrfachen Mordes steht ein 59-Jähriger aus Saarbrücken vor Gericht. Er soll als ungebetener Gast auf einer Familienfeier seinen Sohn und seinen Schwiegersohn erschossen haben. Seine Tochter und seine Ex-Ehefrau wurden verletzt. Von Wolfgang Ihl
Wolfgang Ihl

Der warme und sonnige Samstag im Mai 2018 hätte einer der schönen Tage im Leben einer Familie aus Brebach-Fechingen werden können. Zum 60. Geburtstag der mehrfachen Mutter und Großmutter waren die Kinder, deren Ehepartner und die Enkel zum Feiern in den Stadtteil von Saarbrücken gekommen. Nach dem Mittagessen verteilten sich die Leute im ganzen Haus, sie redeten und ließen es sich gut gehen. Dann kam der Vater und Großvater über die Terrasse. Nach der Scheidung von seiner Frau und nach Drohungen gegen die Familie hätte er dort, so nah bei seiner Ex-Frau, eigentlich gar nicht sein dürfen.


Ex-Ehemann kam mit einer Pistole zum Geburtstag



Der Mann kam trotzdem und ging über die offene Tür ins Haus. Er hatte eine illegal beschaffte Pistole dabei und schoss auf seine Angehörigen. Am Ende waren ein Sohn (35) und ein Schwiegersohn (37) tot. Die Ex-Ehefrau und die 30-jährige Tochter des Mannes waren verletzt. Wegen Mordes und versuchten Mordes in jeweils zwei Fällen muss sich der 59-Jährige deshalb jetzt vor dem Landgericht Saarbrücken verantworten. Er hatte im Zuge der Ermittlungen bei der Polizei die Schüsse auf seine Familie zugegeben. Er sei von der Ex-Frau und den Kindern ein Leben lang drangsaliert worden, meinte er laut Anklage zur Begründung. Außerdem habe er es als ungerecht empfunden, dass sie normal leben können, während bei ihm eine schwere und lebensbedrohliche Nierenerkrankung eingetreten sei.

Frau sagt über ihn: „Ich habe ihn doch geliebt“

Ein ganz anderes Bild von den Verhältnissen in der Familie, die Anfang der 90er Jahre von Russland nach Deutschland gekommen war, lieferten am ersten Prozesstag die Überlebenden der Bluttat von Brebach-Fechingen. Ganz leise und kaum zu verstehen im großen Sitzungssaal des Schwurgerichts erzählte die Ex-Ehefrau des Angeklagten von ihrem gemeinsamen Leben. Davon, wie ihr Mann darauf bestanden habe, die Macht in der Familie zu haben. Er habe gesagt: „Ich bin immer im Recht.“ Sie habe versucht, die Ehe zu erhalten und nachgegeben. Sie habe alles gemacht, sich um alles gekümmert. „Das fiel mir nicht schwer, ich habe ihn doch geliebt“, sagte die 60-Jährige. Auch die Kinder seien allein ihre Sache gewesen. Ihr Mann habe seine Ruhe haben wollen. Die Kinder hätten ihn nur gestört. Aber als alle Kinder ausgezogen waren, sei es nicht besser geworden. „Er hat angefangen zu schimpfen. Ich sei schuld. An allem.“

Er wollte die Trennung - Danach war er wütend auf sie

Schließlich trennt sich das Paar. Dazu berichtete die Tochter als Zeugin vor Gericht: Sie sei damals zufällig für einige Tage zu Besuch gewesen. Plötzlich habe ihr Vater zu ihrer Mutter gesagt: „Ich ziehe aus. Ich will die Scheidung.“ Dann sei zunächst nichts weiter passiert. Ein paar Tage später habe er zu der Mutter gesagt: „Geh. Pack meine Sachen und mach mir ein Brot für die Arbeit morgen.“ Das war offenbar ein entscheidender Moment im Leben des Paares. Denn die Mutter sagte laut Aussage der Tochter: „Das werde ich nicht machen.“ Sie werde ihm nicht im Weg stehen. Aber sie werde ihm auch nicht helfen. Daraufhin habe ihr Vater selbst gepackt und sei ausgezogen. Später im Zuge der Scheidung habe er der Mutter und ihr gedroht, er werde sie umbringen. Daraufhin hätten sie eine richterliche Anordnung erwirkt, wonach der Mann sich von ihnen fern halten muss.

Kinder wollten den Mann aufhalten - Er schoss auf sie

Das hinderte den Angeklagten nicht daran, am 60. Geburtstag seiner Ex-Ehefrau in das Haus zu gehen. Dazu erzählte die Tochter vor Gericht: Sie sei zu ihm Richtung Terrasse gegangen und habe gesagt, dass er nicht hier sein dürfe. Seine Antwort: Das wisse er. Daraufhin habe sie nach ihren Brüdern gerufen und anschließend wieder nach ihrem Vater geschaut. Der habe in diesem Moment mit einer Pistole auf sie gezielt und geschossen. „Er hat auf mein Herz gezielt. Er wollte mich umbringen.“ Der Schuss traf ihren Arm. Das habe sie aber gar nicht richtig bemerkt. In diesem Moment sei nämlich ihr Ehemann, der Schwiegersohn des Angeklagten gekommen, habe sie weggezogen und sich schützend vor sie gestellt. Ihr Vater habe geschossen. Dann sei ihr Bruder gekommen. Ihr Vater habe geschossen. Erst in diesem Moment, als sie die Pistole vor ihren Augen in Aktion sah, habe sie begriffen, dass es eine echte Waffe und kein Spielzeug war. Dann habe ihr Vater auf ihren Bauch gezielt. Sie habe gedacht: „scheiße, ich bin schwanger“ und sei geflüchtet.

Ungeborener Enkel im Bauch der Tochter blieb unverletzt

Auch ihre Mutter konnte fliehen. Die 60-Jährige sagte dazu ganz langsam und leise vor Gericht: „Ich sehe sein Gesicht, die Pistole und seine Gestalt. Ich wollte zu ihm. Ich dachte, er will Streit. Ich wollte das verhindern. Dann merkte ich, dass mein Arm so komisch an meiner Seite hängt. Da wusste ich, dass ich Hilfe holen muss.“ Für ihren Sohn und ihren Schwiegersohn kam diese Hilfe zu spät. Die beiden Männer starben an den Schussverletzungen. Die Ex-Ehefrau des Angeklagten und die gemeinsame Tochter wurden teils schwer verletzt. Das Kind im Bauch der Tochter des ehemaligen Paares wurde nicht getroffen und kam gesund zur Welt. Es wird seinen Vater und seinen Onkel nie persönlich kennen lernen. Weil die beiden Männer von seinem Großvater auf der Feier zum 60. Geburtstag der Großmutter erschossen worden sind. Es war ein warmer und sonniger Tag gewesen. Der Prozess wird fortgesetzt.