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Straßenzeitung ist nicht gleich Straßenzeitung

Gibt es das Guddzje nicht mehr? Die Frage schien die Frau zu überfordern. Dabei musste sie doch Bescheid wissen. Schließlich hatte sie gerade versucht, mir eine Straßenzeitung zu verkaufen. Und die Straßenzeitung heißt in Saarbrücken Guddzje - seit vielen Jahren

Gibt es das Guddzje nicht mehr? Die Frage schien die Frau zu überfordern. Dabei musste sie doch Bescheid wissen. Schließlich hatte sie gerade versucht, mir eine Straßenzeitung zu verkaufen. Und die Straßenzeitung heißt in Saarbrücken Guddzje - seit vielen Jahren. Was die Frau mir da andrehen wollte, wirkte aber überhaupt nicht so sympathisch wie das Guddzje, eher professionell gemacht und nicht von Menschen, die auf der Straße leben. Die Frau ignorierte meine Frage und blieb stoisch bei ihrer Aufforderung: Straßenzeitung kaufen! Ganz geheuer war mir die Sache nicht. Jetzt wurde meine Frage beantwortet - und zwar im Guddzje. Paul-Georg Berthold, "Blattmacher" des Guddzje, sieht nämlich Anlass zur Aufklärung. Was da gerade auf Saarbrückens Straßen passiert, schadet dem Guddzje und dem Anspruch der Straßenzeitung. Die Idee des Guddzje, sei die, erklärt Berthold: "Wir wollen der Straße eine Stimme geben, wir wollen eine Alternative sein zum Schnorren, wir wollen den Dialog zwischen allen Gesellschaftsschichten mit Hilfe der kleinen Straßenzeitung."Diese Idee sei bedroht, weil es da plötzlich aus Osteuropa zugewanderte arme Menschen gebe, die die Regeln nicht einhalten. Die Grundregel erklärt der Blattmacher so: Guddzje-Käufer sollen sich nicht bedroht fühlen durch die Verkäufer. Nun habe es plötzlich Beschwerden von Bürgern, Polizei und Stammkunden gegeben, die davon berichteten, dass Menschen von den Verkäufern bedrängt werden. Es soll Fälle gegeben haben, in denen am Ende eines "Verkaufsgesprächs" die Geldbörse weg war.Das Guddzje-Team hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, aber doch klar gesagt: Diese Leute dürfen das Heft nicht mehr verkaufen. Die Folge: Die Gruppe besorgte sich "eine kommerzielle Straßenzeitung, die bundesweit vertrieben wird und mit der die Herausgeber dicke Geschäfte machen", erklärt Paul-Georg Berthold. Die Verkäufer bekommen nur zehn Cent pro Exemplar und nicht wie beim Saarbrücker Guddzje die Hälfte der 1,50 Euro, die es kostet. Dem Guddzje, schreibt der Blattmacher, bleibt jetzt nur eins, das nämlich, wozu es gegründet wurde: der Dialog - "damit der Verkauf einer Straßenzeitung für den Käufer und den Verkäufer eine freiwillige und angenehme Begegnung ist und bleibt". Ich bin sicher: Wir Saarbrücker stehen zu unserem Guddzje. Und diejenigen, die uns mit falschen Straßenzeitungen neppen, sollten wir ruhig öfter nach dem Guddzje fragen.Sie haben Tipps für Fortgeschrittene oder wollen dem Autor Ihre Meinung sagen, dann schreiben Sie eine E-Mail an m.rolshausen@sz-sb.de.