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Schotterwüsten
Steingärten bedrohen die Artenvielfalt

Wildbienen, Insekten und Käfer finden in Steingärten keinen Nektar, keine Pollen, keine Nahrung.
Wildbienen, Insekten und Käfer finden in Steingärten keinen Nektar, keine Pollen, keine Nahrung. FOTO: dpa / Monika Skolimowska
Saarbrücken. Auch in saarländischen Vorgärten machen sich Kiesel und Schotter breit. Naturschützer warnen vor den Auswirkungen auf die Tierwelt und das Klima. Von Christian Leistenschneider

Nach langen grauen Monaten kommt allmählich wieder Farbe ins Saarland. Zumindest da, wo man sie lässt. Denn in vielen Vorgärten finden sich inzwischen Kies und Schotter statt blühender Pflanzen. Laut einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Bundesverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) aus dem vergangenen Jahr sind 15 Prozent der Vorgärten in Deutschland größtenteils versiegelt, das heißt gepflastert oder mit Kies und Schotter bedeckt. Einen Trend zur Versiegelung beobachtet Rudi Reiter, stellvertretender Landesvorsitzender des Nabu Saarland, auch hierzulande: „Wenn man sich in Neubaugebieten umschaut, sieht man Stellplätze und Schottergärten.“


Als Hauptmotiv für einen versiegelten Vorgarten geben 80 Prozent aller befragten Kiesgartenbesitzer laut BGL Pflegeleichtigkeit an. Besonders Männer (88 Prozent) seien der Meinung, dass mit Steinen oder Kies abgedeckte Flächen ohne großen Arbeitsaufwand dauerhaft sauber bleiben. 57 Prozent der Frauen, die einen versiegelten oder zu großen Teilen versiegelten Garten haben, argumentierten mit Ästhetik und bezeichneten Schottergärten als zeitgemäß und modern. Beinahe die Hälfte der Befragten (47 Prozent) nutzte gepflasterte oder kiesbedeckte Vorgärten als zusätzlichen Stellplatz für Fahrrad, Mülltonne oder Auto. Eine deutliche Mehrheit aller befragten Gartenbesitzer (71 Prozent) findet jedoch bepflanzte Vorgärten schöner als versteinerte.

Die Erwartung, dass Steingärten weniger Arbeit machen, beruht für Rafael Carentz, Präsident des Verbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Rheinland-Pfalz und Saarland, auf einem Trugschluss: „Dass Schotter und Kies alles andere als pflegeleicht sind, merken viele erst, wenn sich Unkräuter ansiedeln, die Steine vermoosen oder sich allerlei Unrat darin sammelt. Im Ergebnis ist die Pflege einer solchen toten Fläche sogar wesentlich aufwendiger.“

Tote Fläche – mit diesem Stichwort berührt er ein Problem der Steingärten, das den Naturschützer Rudi Reiter besonders umtreibt. Denn Wildbienen, Insekten und Käfer fänden dort keinen Nektar, keine Pollen, keine Nahrung. „Hausgärten sollten Oasen der Biodiversität sein“, sagt Reiter. Stattdessen würden die Vorgärten in öde Schotterwüsten verwandelt. Das bringe auch klimatische Probleme mit sich. Die Steine verstärkten im Sommer die Hitze, anstatt sie wie Pflanzen zu mindern. „So entstehen vorm Haus ähnliche Bedingungen wie in der Sahara.“

Für die Umwelt seien die steinernen Vorgärten aber nur ein Teil des Problems. Auch die Verbreitung von Rindenmulch und die Manie vieler Hausbesitzer, ihren Rasen alle zwei Wochen zu mähen, schaden nach Reiters Ansicht Fauna und Flora, weil dort nichts mehr blüht. Und das wirke sich auf die Artenvielfalt aus. „Hausgärten sind etwa fünf Prozent der gesamten Grünfläche. Das ist ein bedeutender Anteil.“



Dass sich die Steingärten trotz ihrer negativen Folgen ausgebreitet haben, habe auch psychologische Ursachen, glauben beide Naturfreunde. „Immer öfter heißt es: Der Nachbar hat es, und so will ich das auch“, so Rafael Carentz. Rudi Reiter ergänzt: „Viele wollen nicht, dass die Nachbarn den eigenen Garten für ungepflegt halten. Sie meinen, da heißt es dann: Der ist faul.“

Dabei sollte der Garten ein Anlass sein, um nicht über-, sondern miteinander zu reden, meint Klaue. „Der Vorgarten ist ein kommunikativer Bereich, ein Platz für das soziale Miteinander der Bürgerinnen und Bürger. Wir empfehlen individuelle Vorgärten, die zum Haus und zu den Bewohnern passen, die abwechslungsreich sind und Besucher wie Passanten freundlich begrüßen.“ An Informationsmaterial zu naturnahen Gärten mangele es nicht, sagt Rudi Reiter. Und die Kosten für deren Gestaltung seien auch nicht höher als die für Kies und Schotter.

Für bekehrte Steingärtner hat Reiter noch einen besonderen Tipp parat. Die Schotterplätze ließen sich auch wieder in naturnahe Flächen umwandeln. Dazu müsse man etwas Sand zwischen den Steinen verteilen, damit die Wurzeln von Pflanzen Halt bekommen, eventuell Samenmischungen für Steingärten ausstreuen – und den Dingen einfach ihren Lauf lassen. „Daraus können ganz tolle, hochinteressante Biotope entstehen“, sagt Reiter.