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Botanischer Garten in Saarbrücken
Der Traum von Rückkehr ins Paradies

Mitten im Pflanzenmeer ist der Biologe Wolfgang Stein in seinem Element. Noch immer blute ihm wegen der Schließung des Botanischen Gartens an der Saar-Uni das Herz.
Mitten im Pflanzenmeer ist der Biologe Wolfgang Stein in seinem Element. Noch immer blute ihm wegen der Schließung des Botanischen Gartens an der Saar-Uni das Herz. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Nach dem Aus für den Botanischen Garten der Saar-Uni hält dessen Leiter Wolfgang Stein die Erinnerung an die Pflanzen im Internet wach. Er hofft, dass nach 2020 ein neuer Garten entsteht. Von Michèle Hartmann

Hier hat er nun Platz genommen und schaut sich um. Nicht verbittert, nicht geladen. Trotz dessen, was ihn vor mehr als zwei Jahren ereilte, verbreitet er Humor und Heiterkeit: Wolfgang Stein. Im verwilderten Alpinum genannten Teil des Botanischen Gartens eingangs der Saar-Universität, da sitzen wir. Und es ist vergnüglich. Hochgebirgsgewächse aus aller Welt, insgesamt 800 Pflanzenarten, konnte man hier einmal bestaunen – und nun? Geht einmal im Jahr ein Hilfsgärtner durchs Gelände und jätet das, was noch aus dem Boden in den Himmel ragt. Und das ist nicht mehr viel: Taglilien, Erle, Schilf und Schachtelhalm. „Die Unkraut-Flora – ein Gedicht“, sagt der promovierte Biologe und steckt nun tief drin in seinem Element. Wenn man unseren höchst unterhaltsamen Gesprächspartner auf einzelne Exemplare anspricht, dann legt er los. Kann zu jedem „Zögling“ etwas erzählen, gerät ins Schwärmen und wieder hinaus. Hinaus deshalb, weil ihm immer noch das Herz blutet, wenn er an die Schließung seines Paradieses denkt. An den Anspruch einer Lehrinstitution mit öffentlichem Bildungsauftrag. An die Pflanzen in den tropischen Gewächshäusern, die versteigert wurden. Dem ehemaligen Leiter des Botanischen Gartens geht heute noch der Hut hoch, denkt er daran, dass ein Kind eine sehr seltene Orchideenart für einen Euro erwarb. „Die Leute haben uns überrannt. Da hat die Erde geweint“, spricht er das aus, was er als Katastrophe erlebte.


Der groß gewachsene drahtige Mann aus Dudweiler spricht davon, dass der Garten die Saarländer pro Kopf im Jahr mit nur 50 Cent „belastet“ habe. Wegen des Sparens der Landesregierung aber sollten 500 000 Euro nicht mehr ausgegeben werden. Wolfgang Stein sagt, dass nicht ein einziger Politiker das Gespräch mit ihm gesucht habe. „Ich beklage, dass die Groko nie angetreten ist zum Argumentationskampf.“ Befremdlich sei in diesem Zusammenhang auch, dass die damalige Saar-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) die Patin zweier Schneeleoparden im Zoo der Stadt Neunkirchen gegeben habe, aber von der Landesregierung nie der Versuch unternommen worden sei zur Rettung seines prächtig blühenden Refugiums auf 2,5 Hektar Land. Mit all seinen Exoten, mit berauschenden, fleischfressenden und giftigen Gesellen, mit den außergewöhnlichen Schönheiten und genügsamen Asketen – 2000 Arten insgesamt. Dabei sind die temperamentvollen Schilderungen des an der Uni arbeitenden Beamten ein sehr kontrastreiches Szenario zu den träge hier im kleinen Teich des verdorrten Alpinums schwimmenden Fischen. „Über das Ende bin ich nie hinweggekommen.“ Athen im bettelarmen Griechenland, sagt er und rudert zur Untermauerung mit beiden Armen, leiste sich zwei Botanische Gärten, und das Saarland habe nicht mal etwas übrig für einen. „Wenn wir alle etwas von Natur verstehen, dann verstehen wir auch den Zusammenhang zum Klimawandel, zum Bienensterben und so fort.“ Nicht hochtrabend und nur fürs gelehrte Volk, nein, auch bei einfachen Menschen könne man das Interesse und damit Verständnis und Ehrfurcht wecken für das, was auf unserer Erde wächst und geschieht.

Mit allen Sinnen genießen – das konnte man im Botanischen Garten. Weihrauch betrachten und daran schnuppern, den Geruch von Zitrusfrüchten inhalieren, die große weite Welt und so viele ihrer Wunderwerke auf sich wirken lassen. Aus und vorbei.



Doch halt, so ganz stimmt das nicht. Denn im Internet kann man den Bildern und Texten des Biologen folgen. Jeden Tag präsentiert er ein neues Gewächs, dessen Eigenschaften er höchst unterhaltsam hervorhebt, historischen Gegebenheiten wie etwa den Klostergärten und ihren Erzeugnissen auf den Grund geht und sich gern auf den Dialog mit seinen Lesern einlässt. Man muss auch nicht bei Facebook sein, um ihm und seinem Wissen zu folgen. Unter „Botanischer Garten der Universität des Saarlandes“ findet man sehr unterhaltsame Geschichten immer schön rund um die Pflanzenwelt.

Und seine Lieblingspflanze, wie heißt sie? Es ist dies die Glockenblume, weil er „protzige“ Pflanzen nicht unbedingt mag. Und was wächst bei dem 63-jährigen Familienvater im heimischen Garten? Na, das ist dann nicht so üppig wie einst im botanischen Refugium an der Saar-Universität. Erstens, sagt er, wohne er am Sulzbach. Und die Schnecken würden „werfen wie die Karnickel“. Mit einem Nutzgarten sei da kein Staat zu machen. Zum zweiten befinde sich unterm Grundstück jede Menge Bergematerial, das sei natürlich knochenhart. Da würden wohl Möhren nur mal wenige Zentimeter nach unten wachsen, um dann seitlich auszuweichen.

Sein Traum? Dass, nach der nkündigung der Landesregierung, ab 2020 wieder ordentlich investieren zu können, ein neues botanisches Prachtstück entsteht: „Am besten im Deutsch-Französischen Garten, auf dem Gelände der ehemaligen Gulliverwelt.“ Und dann könnte man vielleicht dort auch Einnahmen erzielen. Indem man die High Society nachts in Gewächshäusern feiern lässt oder auch Hochzeiten zwischen Kakteen und Regenwald-Gewächsen zulässt. Unter dem Motto „Reich subventioniert Arm“ könnte da etwas gelingen. Im Übrigen, sagt der vor Begeisterung sprühende Mann beim Abschied, habe ihn die Uni „immer fair behandelt“. Das will er noch loswerden, bevor sich unsere Wege trennen. Leider. Denn zuhören könnte man ihm noch viele Stunden.