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Buch zur Saarbrücker Geschichte
Spur der Steine in Saarbrücken

Reste einer Baustelle am Saarufer nahe des Staatstheaters? Nein, es sind Steine mit Geschichte. Es sind Fundamentblöcke des alten Saarbrücker Nadelwehrs, mit dem früher nahe Malstatt das Wasser der Saar gestaut wurde. 1999 wurde es endgültig abgebaut. 
Reste einer Baustelle am Saarufer nahe des Staatstheaters? Nein, es sind Steine mit Geschichte. Es sind Fundamentblöcke des alten Saarbrücker Nadelwehrs, mit dem früher nahe Malstatt das Wasser der Saar gestaut wurde. 1999 wurde es endgültig abgebaut.  FOTO: Florian Brunner
Saarbrücken. Wieder gehen Florian Brunner und Markus Philipp in Saarbrücken auf „Spurensuche“. In ihrem neuen Buch lassen sich kleine städtische Geheimnisse entdecken. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Vier dicke Steine sind es am Saarufer. Ein paar Schritte weg von der Tiefgarage am Staatstheater. Sprayer haben sich darauf verewigt. So ewig wie Farbe eben hält. Doch warum sollte man die Brocken auch nur eines Blickes würdigen? Vermutlich sind es Poller, die man mal für eine Baustelle brauchte. Und dann blieben sie stehen.


Wer doch stutzt und schaut, fragt sich vielleicht: Wozu wohl die handtellergroßen Mulden in den Steinsockeln mal dienten? Keine Idee? Der Blick zur nahen Saar bringt einen der Lösung näher. Tatsächlich sind es Fundamentblöcke des 1999 abgebauten Nadelwehrs bei Malstatt. In den 1860er Jahren errichtet, diente es lange als kunstvolles Instrument  zur Wasserregulierung. Hunderte 2,70 Meter lange Fichtenholz-Balken, die „Nadeln“, standen nebeneinander wasserdicht gereiht und stauten das Wasser der Saar bei Bedarf für die Schifffahrt. Sollte der Pegel sinken, zog man Nadel für Nadel heraus. Für die Bedienmannschaft war das Plackerei. Oft auch gefährlich. Denn zu den Nadeln führte nur ein schmaler, glitschiger Steg. Die Mulden der Fundamentsteine nahmen übrigens die Achsen der so genannten Wehrböcke auf, in denen wiederum die Nadeln des Wehrs steckten.

Die Historie des Saarbrücker Nadelwehrs ist nur eine dieser wunderbaren, kleinen Geschichten am Wegesrand, die der Saarbrücker Fotograf und Verleger Florian Brunner und der Geograph Markus Philipp für ihr neues  Buch „Saarbrücker Spurensuche“ aufgelesen haben. Bereits ihr zweiter Streich. Ihr wacher Blick galt schon im ersten Band dem anscheinend Unwichtigen, Nebensächlichen. Hinter dem manchmal aber doch Bemerkenswertes steckt. Und Saarbrücken  hat offenbar einiges an solchen Kuriositäten zu bieten.  Brunner und Philipp bekamen nach ihrem ersten Band jedenfalls reichlich Hinweise zu neuen Exkursionen ins Naheliegende.



 Und wieder führen sie uns dorthin, wo normalerweise kein Stadtführer stehen bleibt. Zu Tankstellen, aus deren Zapfsäulen schon seit Jahrzehnten kein Benzin mehr floss. Oder auch zur ehemaligen Bäckerei von Karl Baltz in Gersweiler, die einstmals auch „Colonialwaren“ feilbot. So verheißungsvoll, mit exotischem Klang von aus fernen Ländern Importiertem kündend war die Werbeschrift einst. So ernüchternd ist heute das Schaufenster, in dem es nichts mehr zu sehen gibt. Außer zugezogene Jalouisen. Die Konsumlust ist längst ins Internet verzogen.

Dann doch lieber den Blick nach oben richten. Auf Saarbrücker „Fassadenlyrik“, wie Brunner und Philipp es nennen.  In der Sulzbachstraße Nummer 25 reimte man etwa in Stein  „Steht fest mein Haus im Weltgebraus“. Zurecht: Das Haus hat immerhin zwei Kriege überdauert. Leider zeigt sich da exemplarisch mit falschen Seitenverweisen das manchmal allzu legere Lektorat des Buches. Ansonsten aber ist auch Band zwei der Spurensuche wieder ein Fest für Stadtentdecker. Was etwa hat es mit dem aus schönsten Eisenguss geschwungenen Sockel an der Deutschherrnstraße/Forbacher Straße auf sich – mit der eigentlich viel zu klein geratenen Schale obenauf? Ein ausgetrockneter Springbrunnen? Keineswegs. Es ist der Sockel einer früheren mehrarmigen Gaslaterne. Der man, als das Gaslicht in Saarbrücken ausgedreht wurde, offenbar die Laternen amputierte. Zurück blieb nur eine Art Dekostück. Ob die Gaslampen früher tatsächlich an exakt dieser Stelle leuchteten, konnte auch Florian Brunner bisher nicht lösen.

Apropos Gaslicht.  Auch in der Fürstenstraße, nahe des St. Johanner Marktes, stehen zwei Laternen, die mal dank Gas leuchteten. Heute geht in ihnen elektrisch das Licht auf. Es könnten Lampen „von drüben“ sein. Die Spurensucher Brunner und Phillipp mutmaßen, sie kamen  in den 1970ern aus Leipzig oder Dresden nach Saarbrücken. Damals verscherbelte die DDR gegen ein  paar Devisen leichtfertig die Geschichte ihre Städte, rangierte historisches Inventar zugunsten sozialistischer Pseudomoderne aus. Vielleicht weiß ja ein Leser, ob es wirklich so war. Brunner und Philipp würden sich über eine Antwort freuen – und über neue Hinweise.

 Florian Brunner und Markus Philipp:    „Saarbrücker Spurensuche: Band 2 Neue Reisen zu sichtbaren Geheimnissen der Stadt“, Geistkirch, 136 Seiten, 27,80 Euro.

Höchst dekorativ, aber was ist es? Der Fuß einer ehemaligen Gaslaterne in der Deutschherrnstraße.
Höchst dekorativ, aber was ist es? Der Fuß einer ehemaligen Gaslaterne in der Deutschherrnstraße. FOTO: Florian Brunner