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So verlor die Alte Brücke Bogen für Bogen

Saarbrücken. Lange war es unbestrittenen: Der Stadtautobahn mussten zwei komplette Bögen der Alten Brücke weichen.Schließlich kennt jedes Saarbrücker Kind vom Wandertag ins Museum das Bild von Johann Friedrich Dryander aus dem Jahr 1772, das die Brücke in vollem Verlauf mit 13 Bögen zeigt. Dreizehn? Moment: Eine zuverlässige Quelle des Leibarztes von Fürst Philipp II Von SZ-Mitarbeiterin Sandra Sinsch

Saarbrücken. Lange war es unbestrittenen: Der Stadtautobahn mussten zwei komplette Bögen der Alten Brücke weichen.


Schließlich kennt jedes Saarbrücker Kind vom Wandertag ins Museum das Bild von Johann Friedrich Dryander aus dem Jahr 1772, das die Brücke in vollem Verlauf mit 13 Bögen zeigt. Dreizehn? Moment: Eine zuverlässige Quelle des Leibarztes von Fürst Philipp II. spricht von vierzehn Bögen.

Im Zuge von "Stadtmitte am Fluss" wird die Diskussion um die Alte Brücke wieder aktuell. Denn um die Alte Brücke in das Projekt einzubinden, müsste eine Art Steg konstruiert werden oder ein Bogen gesetzt werden.



Einst waren es vierzehn

Derartige Lösungen stellen engagierte Denkmalschützer jedoch nicht zufrieden. Das Eine sieht nicht gut aus, das Andere hat nie existiert. Hans Miltenberger vom Stadtplanungsamt fing an zu recherchieren, ob nicht irgendetwas die Quelle des Arztes bestätigen könnte - und wurde fündig. "Man weiß, dass um etwa 1763 eine neue Vorstadtbebauung der Saarbrücker Seite vorgenommen und das Saarufer begradigt wurde, da muss der Bogen verschwunden sein, denn neun Jahre später, auf Dryanders Bild, sieht man ihn nicht mehr", erklärt Miltenberger.

So manches ist im Laufe der Jahrhunderte an der Alten Brücke verschwunden. So befand sich in der Mitte einst ein Zollhäuschen. In einem Plan von 1787 fand Miltenberger schließlich den Beweis für den vierzehnten Bogen. Seine Reste sind noch in der Zeichnung eingetragen. Signiert ist sie mit W. Stengel - das war der Sohn des berühmten Baumeisters. Stengel Junior hatte den Auftrag, die Brücke wieder in Stand zu setzen, denn 1784 waren mysteriöse Dinge in ganz Europa vor sich gegangen. Im süddeutschen Raum stürzten nahezu alle Brücken ein.

Die Alte Brücke aber wurde nur beschädigt. "Über die Gründe kann man nur spekulieren, wahrscheinlich herrschten in diesem Winter so extreme klimatische Bedingungen, dass sich Eisschollen aufbauten und die Brücke zusammendrückten", meint Miltenberger.

Stengel verzichtete auf eine Rekonstruktion und passte das Bauwerk dem barocken Geschmack an. Ein Bild aus dem Jahr zeigt die Balustraden und die Neugestaltung der Bogensegmente.

Geländer statt Balustraden

Veränderungen prägten das Gesicht des Bauwerkes auch in den nächsten Jahrhunderten. Im Mai 1904 kam das Standbild Kaiser Wilhelms auf die Brücke, da waren Stengels Balustraden einem Eisengeländer gewichen. Ein weiteres Fundstück aus den Archiven beweist, dass um 1930 eine komplette Sanierung der Brücke stattgefunden hat. "Hier sieht man noch einmal den letzten St. Johanner Bogen, der beim Bau des Staatstheaters 1938 zugeschüttet wurde", erklärt Miltenberger.

Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Brücke stark zerstört. Den letzten großen Einschnitt markierte der Bau der Stadtautobahn in den 1960er Jahren. Anhand von Fotos widerlegt Miltenberger einen alten Irrtum: "Viele glauben, dass dem Autobahnbau zwei Bögen zum Opfer gefallen sind, dabei wurde nur ein kleines Stück von einem Bogen abgetragen." "Stadtmitte am Fluss" eröffnet auch der Alten Brücke neue Möglichkeiten, die Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes rückt in den Rahmen des Machbaren. "Aber noch sind die Forschungsarbeiten nicht abgeschlossen", bremst Miltenberger. Trotzdem ist die Idee zu gut, um alleine hinter Archivtüren geträumt zu werden. Der Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 3. Oktober, ist daher eine gute Gelegenheit, die neuesten Forschungen rund um die Alte Brücke einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Amüsante Führung

Und das macht Dr. Eckard Sander , der am Sonntag um 14 Uhr auf der St. Johanner Seite der Alten Brücke seine Führung beginnt.

Über den Saarkran geht es zum Infocenter von "Stadtmitte am Fluss", wo die alten und neuen Pläne eingesehen und diskutiert werden können. Statt trockenen Fakten soll Unterhaltung Trumpf sein. "Man wird sich wundern, wer alles über die Alte Brücke gegangen ist", lacht Sander verschmitzt.