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Seemann setzt Fiskus als Erben ein

Merzig. Erwin S. wurde 76 Jahre alt. Er lebte zuletzt in einem Merziger Seniorenheim, erlag dort im Oktober 2006 einem Krebsleiden. Erwin S. hat in seinem Leben bestimmt viel gesehen und erlebt. Der gebürtige Besseringer war, so steht es in Gerichtsakten, als Seemann und Fremdenlegionär unterwegs. Im Laufe der Jahre hat er sich ein kleines Vermögen geschaffen Von SZ-Redakteur Michael Jungmann

Merzig. Erwin S. wurde 76 Jahre alt. Er lebte zuletzt in einem Merziger Seniorenheim, erlag dort im Oktober 2006 einem Krebsleiden. Erwin S. hat in seinem Leben bestimmt viel gesehen und erlebt. Der gebürtige Besseringer war, so steht es in Gerichtsakten, als Seemann und Fremdenlegionär unterwegs. Im Laufe der Jahre hat er sich ein kleines Vermögen geschaffen. In Merzig lebte er, bevor er als Selbstzahler ins Heim zog, in einer kleinen Eigentumswohnung. Erwin S. war wahrscheinlich ein Einzelgänger. Kontakte zu Angehörigen hatte er offenbar kaum. Sein nicht ehelicher Sohn gab vor dem Nachlassgericht zu Protokoll, sein Vater habe dies nicht gewünscht. Den eigenen Spross hat der Ex-Legionär in seinem Testament, das unserer Zeitung in Kopie vorliegt, überhaupt nicht erwähnt. In seinem "letzten Willen" wurde der Rentner deutlich: "Da weder Schwester noch Bruder, noch andere Personen sich um mich gekümmert haben, schließe ich sie vom Erbe aus. Es sollen nur jene erben, die mir geholfen haben, denen ich zu Dank verpflichtet bin und denen ich was schulde." Und mit dem nächsten Satz machte Erwin S. das Finanzamt und die Wohngeldstelle beim Landratsamt Merzig zu seinen Erben: "Beiden Behörden vermache ich mein gesamtes Vermögen . . ."



Mittlerweile ist das Erbe weitgehend ausgezahlt. Über 140 000 Euro hatte der Seemann auf der hohen Kante, teilweise in die Eigentumswohnung investiert. Gabi Anhalt-Wagner, Dezernentin beim Landkreis Merzig-Wadern, bestätigte gegenüber unserer Zeitung, dass kürzlich rund 70 000 Euro als Teilerbe an die Kreiskasse überwiesen wurden. Der Sohn des Verstorbenen, der das Testament angefochten hatte, musste sich mit seinem Pflichtteil (25 Prozent) zufrieden geben. Erwin S. fühlte sich den beiden Behörden verpflichtet. Die Wohngeldstelle hatte ihm von Mai 2002 bis April 2003 mit monatlich etwa 100 Euro über einen finanziellen Engpass geholfen. Möglicherweise hatte damals auch der Merziger Fiskus Forderungen gestundet oder ausgesetzt.

Dezernentin Anhalt-Wagner sieht die überraschende Erbschaft des Landkreises als Anerkennung für eine "gute und bürgerfreundliche Verwaltung". Die Mitarbeiter der Wohngeldstelle schien jedenfalls Erblasser Erwin S. im Juni 2005, als er sein Testament schrieb, in bester Erinnerung zu haben.

Egon Fischer, Sprecher des Finanzministeriums, beantwortet eine Frage, die jeden Erben beschäftigt: Müssen Landkreis und Finanzamt jetzt Erbschaftssteuer zahlen? "Nein", sagt Fischer, öffentliche Gebietskörperschaften seien davon befreit.

Das Vermögen von Erwin S. wurde zwischenzeitlich in die Etats von Land und Landkreis gebucht. Demnächst wird möglicherweise wieder Geld fließen, denn der weitgereiste Seemann hat auch mehrere Münz- und Briefmarkensammlungen hinterlassen, die noch bewertet werden müssen.