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Stiftung Gemeinde ohne Mauern
Seelsorger soll Mädchen missbraucht haben

Das Zentrum der „Stiftung Gemeinde ohne Mauern“ im Merziger Stadtteil Hilbringen.
Das Zentrum der „Stiftung Gemeinde ohne Mauern“ im Merziger Stadtteil Hilbringen. FOTO: Ruppenthal
Mettlach/Saarbrücken. Im angeblichen Missbrauchsskandal um die sektenähnliche „Stiftung Gemeinde ohne Mauern“ sind neue Details bekannt geworden. Von Michael Jungmann
Michael Jungmann

Im idyllischen Dorf Wehingen, dem Mettlacher Ortsteil mit rund 480 Einwohnern im Dreiländereck, ist für Gesprächsstoff gesorgt. Die „Stiftung Gemeinde ohne Mauern“ (SGoM), eine sektenähnliche Glaubensgruppierung, deren Anhänger zumindest zeitweise knapp die Hälfte der Ortsbevölkerung ausmachten, ist nach eigenen Angaben in einer akuten finanziellen Schieflage. Insolvenzantrag ist, wie bereits ausführlich berichtet, gestellt. Auslöser der Pleite soll unter anderem ein Sex-Skandal in der Glaubensgemeinschaft sein. Der frühere Gemeindeleiter und Pastor G. (46), der für sein seelsorgerisches Wirken mit 1500 Euro brutto entlohnt wurde, soll ihm anvertraute Jugendliche und junge Frauen aus der Gemeinde, darunter auch Minderjährige, sexuell missbraucht haben. Als dies in der Glaubensgemeinschaft bekannt wurde, gingen die Spendeneinnahmen, aus denen sich die Stiftung finanzierte, fast auf Null Euro zurück.


Michael Döbrich, der die „Stiftung Gemeinde ohne Mauern“ aktuell leitet, sagte gegenüber unserer Zeitung, die Vorwürfe gegen seinen fristlos gefeuerten Kollegen G. seien seit Ende September bekannt. Was wird dem 46-Jährigen genau vorgeworfen? Döbrisch: „Manipulierender sexueller Missbrauch unter Ausnutzung einer Vertrauensstellung, nach gegenwärtigem Kenntnisstand ausschließlich in Privaträumen und ohne Anwendung von physischer Gewalt.“ Der Pastor (diese Aufgabe ist nicht vergleichbar mit einem Pfarrer oder Priester der katholischen oder evangelischen Kirche) war angeblich auch für Jugendarbeit innerhalb der Stiftung zuständig. Er soll seine Opfer extrem manipuliert haben, diese Beeinflussung im Zusammenhang mit Glauben, Reinwaschen und sauberem Leben und gegenseitigem Berühren verbunden haben. Zum Geschlechtsverkehr soll es in keinem der bislang bekannten Fällen gekommen sein.

Aufklärer Döbrich nennt die genaue Zahl der Opfer nicht – angeblich, um die jungen Frauen zu schützen. Die Rede ist von „etwa zehn“. Einige Frauen haben Strafantrag gestellt. Intern aufgeflogen sei der Missbrauchsfall um den Ex-Gemeindeleiter, nachdem sich eine Betroffene offenbart hatte. Nach internen Recherchen wurde G. zur Rede gestellt. Vor zwei Vertretern der Stiftungsleitung hat er nach Döbrichs Angaben ein Geständnis abgelegt. Wie zu erfahren war, sieht sich der Mann, der etwa im Jahr 2000 von Sachsen nach Wehingen kam, selbst als Verführter an. Auf Druck der Gemeindeverantwortlichen habe G. über einen Anwalt bei der Staatsanwaltschaft Selbstanzeige erstattet. Bei der Aufklärung habe er sich kooperativ verhalten. Döbrich: „Hätte er sich nicht angezeigt, hätte ich dies gemacht.“ Döbrich hat auch den Wehinger Ortsvorsteher Stefan Ollinger (CDU) über die jüngsten Entwicklungen und die Missbrauchsvorwürfe informiert. In der Kommunalpolitik spielte die Stiftung über Jahre eine starke Rolle. In den Ortsrat sind zuletzt vier CDU-Leute, ein Vertreter der freien Liste und vier Kandidaten der von der Stiftung unterstützten Partei „Auf“ eingezogen, darunter auch Döbrich. Er hat sitzt auch im Gemeinderat Mettlach.



Die Stiftung sorgte im kleinen Dorf Wehingen in den letzten Jahrzehnten durchaus für einen Aufschwung. Bislang sind keine Leerstände auffällig. Anhänger der Glaubensgemeinschaft zogen in den Ort, erwarben Immobilien. Zuletzt häuften sich aber Austritte und Wegzüge. Die Stiftung selbst baute ihr Gästehaus mit vier-Sterne-Tagungszentrum und Wellness-Einrichtung. Angeblicher Schätzwert: 2,4 Millionen Euro. Döbrich hatte deswegen gestern einen Termin mit einem Immobilienverwerter. Den hatte ihm Insolvenzverwalter Marc Herbert geschickt. Er will wissen, ob das Wertgutachten, das die Stiftung mit ihrem Insolvenzantrag abgegeben hat, nachvollziehbar ist. Herbert geht von Verbindlichkeiten der Stiftung (Jahresumsatz: 480 000 Euro) in Höhe von rund 400 000 Euro bei einer Bank und Lieferanten aus. Acht Mitarbeiter sollen Insolvenzausfallgeld erhalten.