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Schmelzer Süden

Sieh, das Gute liegt so nah: Gewerkschafts-Chef Alfred Staudt ganz entspannt in seinem Heimatort Schmelz. Foto: Maurer
Sieh, das Gute liegt so nah: Gewerkschafts-Chef Alfred Staudt ganz entspannt in seinem Heimatort Schmelz. Foto: Maurer
Schmelz. Liebe geht durch den Magen. Für Alfred Staudt (52) gilt dies doppelt. Die Liebe zu seiner Tochter Lena (23) beispielsweise hat ihn zu einem Bio- und Vollwertkost-Überzeugungstäter gemacht. Während die Verbundenheit mit seiner Heimatgemeinde Schmelz ihn bereits vor über 25 Jahren zum "Netti" brachte, einem der ersten Italiener im Umkreis Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Schmelz. Liebe geht durch den Magen. Für Alfred Staudt (52) gilt dies doppelt. Die Liebe zu seiner Tochter Lena (23) beispielsweise hat ihn zu einem Bio- und Vollwertkost-Überzeugungstäter gemacht. Während die Verbundenheit mit seiner Heimatgemeinde Schmelz ihn bereits vor über 25 Jahren zum "Netti" brachte, einem der ersten Italiener im Umkreis. Als Vorsitzender der SPD Schmelz stärkt man nun mal die Gemeinde-Gastronomie. Doch die Begeisterung für das San Remo der Familie Grandinetti speist sich vor allem durch eines: Dort wird genau so gekocht, wie Staudt das schätzt: bekömmlich, mit superfrischen, oft selbst importierten Zutaten, ohne Konservierungs- und Aromastoffe. "Hier esse ich gesund und frisch und zu angenehmeren Preisen als in Saarbrücken", sagt Staudt, der sich aus Sterne-Küche nach eigenem Bekunden nichts macht. Eine riesenhafte Antipasti-Platte steht vor ihm, wie meist, wenn er hier vorbei kommt. Gegrillte Zucchini und Auberginen, Melone mit Schinken, Meeresfrüchte-Salat - eine Menge, deren Üppigkeit glücklich macht. Großzügig portioniertes Vitello Tonnato steht daneben. Hier sind gute Esser König. Auch die Pizzen fallen dicker aus als andernorts. Für Staudt liegt das Lokal der Grandinettis günstig, fast mittig zwischen seinem Elternhaus in Bettingen und der eigenen Bleibe in Goldbach: "Wenn mich nach einem guten Schlückchen die Polizei anhält, können sie mir nur die Schuhe abnehmen, nicht den Führerschein. Und wenn hoher Besuch kommt, dann hat der einen Fahrer." Staudt meint seinen Parteivorsitzenden Heiko Maas (SPD). Auch der saß schon im Biergarten, der zurückgesetzt an der Haupt-Verkehrsader liegt. Das Grün müssen die Bäume in Nachbars Garten liefern, die mediterrane Stimmung stammt von Wein- und Kiwi-Ranken, Stein-Löwen und grünen Sonnenschirmen. Doch all das tröstet nur bedingt über den Auto-Lärm hinweg. Der Staudt nicht die Bohne stört: "Als gelernter Straßenwärter habe ich Straßengeräusche gern und mag es, wenn was los ist." Was sind idyllischere Ausflugs-Ziele schon gegen die ererbten Olivenhaine von Wirt Antonio in Aiello Calabro (Kalabrien)? Gegen dessen selbst importierten Öle und Weine? Staudt will wissen, wo die Lebensmittel herkommen, die er isst. Vor rund 20 Jahren stellte die Familie die Ernährung radikal um, wegen einer schweren Neurodermitis der Tochter. "Es war ein Schock", sagt er. Damals brachte er sein vor Schmerzen schreiendes Kind ins Krankenhaus. Seitdem gibt es bei den Staudts nur noch naturbelassene Produkte, Fertiggerichte sind tabu, die Nahrungsaufnahme in Zugrestaurants wird verweigert: "Lieber nehme ich mir zwei Stullen mit." Bei all dem wirkt Staudt vergnügt, nicht dogmatisch. Das Brotkörbchen mit dem Flute bleibt jedoch unberührt stehen: "Leider hat die Vollkornbrot-Umerziehung bei Antonio nicht gefruchtet", meint Staudt. Gott sei Dank? So ist er gezwungen, beim "Gruß aus der Küche", den Crostini, zu sündigen. Staudt berichtet, er sei in einer pessimistisch gestimmten Familie groß geworden, sei ein "gewordener, gelernter Optimist". Aus dieser Erfahrung stamme sein einziger Grundsatz für Verhandlungen, keine betriebsbedingten Kündigungen: "Nimm den Menschen die Angst, der Rest ist Technik." Für sein eigenes "Gönn dir mal was" habe er lange trainieren müssen. Ausgelebt wird es fast ausschließlich im San Remo, wo sich der Schmelzer Herzschlag südlich einfärbt. Ristorante San Remo, Trierer Straße 18, Schmelz, kein Ruhetag; Tel. (06887) 1899: