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Schenkt ihrem Baby zweimal das Leben

Jetzt können sie wieder lachen: Tanja Horras und Söhnchen Luca. Beide haben schwere Operationen überstehen müssen. Foto: evy
Jetzt können sie wieder lachen: Tanja Horras und Söhnchen Luca. Beide haben schwere Operationen überstehen müssen. Foto: evy FOTO: evy
Güdesweiler. Wenn Tanja Horras aus Güdesweiler ihren kleinen Sohn Luca im Arm hält, ist es wie ein Wunder. Von Geburt an litt der Säugling an einer seltenen Krankheit, welche die Leber des Kindes zerstörte. Um den Kleinen zu retten, spendete Tanja Horras ein Stück ihrer Leber. Von SZ-Redakteurin Evelyn Schneider

Luca liegt auf seiner Krabbeldecke und lacht. Der zehn Monate alte Junge ist ein fröhliches Kind und das obwohl sein kurzes Leben bislang von Operationen und Medikamenten bestimmt war. "Es ist unglaublich, was Kinder wegstecken", sagt seine Mama Tanja Horras und streichelt über den Bauch des Kleinen. Unter der Latzhose verbirgt sich eine große Narbe. Diese erinnert an die Lebertransplantation vor fünf Monaten.

Es war das perfekte Glück, als Luca im September vergangenen Jahres auf die Welt kam. "Er war ein bisschen gelb bei der Geburt", erinnert sich Tanja Horras. Aber darüber hat sie sich keine Gedanken gemacht. Auch die Ärzte dachten an eine normale Gelbsucht. Bis zur U3-Untersuchung. Dabei stellte der Kinderarzt fest, dass die Leber vergrößert war. "Luca hat plötzlich aufgehört zu trinken und sich ständig erbrochen", erinnert sich Tanja Horras. In der Kinderklinik Kohlhof in Neunkirchen hörte die besorgte Mutter erstmals von einer seltenen Krankheit namens Gallengangatresie. In einer Klinik in Essen wurde der Anfangsverdacht bestätigt: Luca hatte keine Gallenwege. Deshalb staute sich die Gallenflüssigkeit in der Leber.

"Luca braucht eine neue Leber"

"Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon: Luca braucht eine Lebertransplantation." Zunächst entfernten die Ärzte ein Stück Darm und formten daraus einen Gallengang. So sollte die Transplantation hinausgezögert werden. "An Weihnachten durften wir mit vielen Medikamenten im Gepäck für vier Wochen nach Hause", erzählt die junge Mutter. Mit Beginn des neuen Jahres ging es Luca schlechter. Er hatte sich einen Keim eingefangen, mit dem sein schwaches Immunsystem nicht fertig wurde. "Wir waren gerade in der Klinik in Essen, als Luca quasi komplett weggetreten ist." Der Säugling kam auf die Intensivstation, magerte stark ab. Keiner wusste, ob er den Infekt überstehen würde. "Überall waren Schläuche", erinnert sich die Mutter an den Anblick ihres Babys. Es kullern die Tränen, als sie leise sagt: "Man denkt daran. Was ist, wenn das Kind stirbt." ´

Zu diesem Zeitpunkt war klar: Eine Transplantation ist unausweichlich. Deshalb ließ sich die junge Mutter untersuchen, ob sie als Spenderin in Frage käme. In ihrem Bekanntenkreis stieß diese Entscheidung nicht immer auf Verständnis. Was, wenn etwas schief geht? Aber Tanja Horras wollte ihr Baby um jeden Preis retten. 300 Gramm ihrer Leber spendete sie schließlich Ende März an Luca. Dieses Leberstück wird quasi mit dem Säugling mitwachsen. Bei einer gesunden Lebensweise und dem Verzicht auf Alkohol und Nikotin kann Luca mit dieser Leber alt werden. Tanja Horras weiß, dass die Ärzte gerne auf die Lebendspende verzichtet hätten. Aber es fehlen die Alternativen. Nach Berichten über Organ-Handel sind die Menschen sehr zurückhaltend geworden. Kaum jemand hat einen Organspende-Ausweis. Im Ronald McDonald Haus, etwa 500 Meter von der Essener Kinderklinik entfernt, hat die Zahnarzthelferin lange gelebt. "Ohne dieses Haus wäre es nicht gegangen", sagt sie. Auch der Austausch mit anderen Eltern habe ihr Mut gemacht. In dieser schweren Zeit wurde sie von einer Psychologin betreut. "Sie ruft mich heute noch an und fragt, wie es uns geht."

"Gut", kann Tanja Horras jetzt lächelnd sagen, und sie hofft sehr, dass Lucas Leberwerte stabil bleiben. Die Angst um ihren Sohn begleitet sie dennoch jeden Tag. Aus dem Regal zieht sie eine blaue Kiste. Darin sind die Medikamente, die Luca täglich einnehmen muss. Anfang Oktober wollte die alleinerziehende Mutter eigentlich wieder arbeiten gehen, doch Luca kann noch nicht in eine Kita. Durch die vielen Klinikaufenthalte und das lange Liegen hat der kleine Junge einiges nachzuholen. Noch kann er nicht alleine sitzen und krabbeln. Eine Krankengymnastin trainiert mit ihm. "Gerne würde ich mit Luca wie andere Mütter in die Krabbelstunde oder zum Babyschwimmen gehen", sagt Tanja Horras traurig. Doch die Gefahr, dass er mit für ihn gefährlichen Keimen in Berührung käme, ist zu groß. Deshalb musste auch Tanja Horras' neunjähriger Cocker-Spaniel bei ihr ausziehen. Der Vierbeiner kam bei ihrem Vater unter.

Luca muss noch einmal wegen eines Leistenbruchs operiert werden. Der Gedanke daran macht der jungen Mutter Angst. Aber sie hat so viel durchgestanden in den vergangenen Monaten, dass sie die letzte Operation auch noch übersteht. "Am Anfang dachte ich, ich schaffe das nicht." Doch sie hat diesen harten Weg hinter sich gebracht. "Wenn Luca lacht, ist alles gut."