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Schaurig-schöner Grusel im Museum

Frankfurt. Wenn man in Deutschland an die Romantik denkt, wird man eher die sehnsuchtsvollen Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs vor Augen haben. Dabei gilt ein ganz anderer als Vater dieser Bewegung. Der Spanier Francisco de Goya zeigte uns Ende des 18 Von SZ-Mitarbeiter Bülent Gündüz

Frankfurt. Wenn man in Deutschland an die Romantik denkt, wird man eher die sehnsuchtsvollen Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs vor Augen haben. Dabei gilt ein ganz anderer als Vater dieser Bewegung. Der Spanier Francisco de Goya zeigte uns Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr idealisierte Porträts der besseren Gesellschaft oder Szenen aus der Bibel, sondern führte uns Schrecken und Irrationalität des Krieges vor Augen.


Aber ist das romantisch? Wenn es nach Ausstellungskurator Felix Krämer geht, dann durchaus. Historischer Auslöser der Romantik sei die Enttäuschung vieler Künstler gewesen, dass die Französische Revolution in blutigen Terror umgeschlagen ist. Die Romantik sei aber auch als Gegenbewegung zur Aufklärung entstanden, die vielen furchtbar rational erschien. Es herrschten Zweifel an der Religion, die nicht mehr als Erklärung für den Tod ausreichte, ebenso aber Enttäuschung über die Aufklärung, die nicht alles erklären konnte. Die Sehnsucht des Menschen nach der Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens konnte die Aufklärung nicht stillen. So gab es neben der schmachtend-süßlichen Seite der Romantik immer auch eine dunkle Seite, in der das Schreckliche, Wundersame, Groteske des Lebens Ausdruck fand.

Nicht als Epoche versteht Krämer die Romantik, sondern als europäische Geisteshaltung. Das verbindende Element der 220 Arbeiten aus 150 Jahren sei das Interesse am Geheimnisvollen und an einer unsichtbaren Wirklichkeit. Die Künstler spürten den Schattenseiten des menschlichen Daseins nach: Nicht mehr alleine die Kraft des Guten und Schönen bestimmte ihre Bilder, sondern auch Melancholie, Depression, Wahnsinn und nicht zuletzt der nackte Tod.



Die perfekte Visualisierung dieser Bewegung schuf Johann Heinrich Füssli, der die Schau mit seiner "Nachtmahr" eröffnen darf. Da liegt eine auf einem Bett dahingesunkene Dame in zartem Gewande. Ihre überstreckte Pose deutet an, dass sie intensiv träumt. Auf ihrer Brust sitzt ein teuflisch grinsender Dämon, im Hintergrund schaut ein Pferd mit lüstern-irrem Blick durch einen Vorhang auf die Dame. Als das Werk 1782 erstmals in der Royal Academy ausgestellt wurde, warnte man gesundheitlich labile Besucher davor, sich dem Werk auch nur zu nähern. Oftmals bedienten sich die Künstler der Romantik bei ihren literarischen Kollegen, wie Carl Blechen, der sich von der Figur des wahnsinnigen "Pater Medarus" aus E.T.A. Hoffmanns "Elixiere des Teufels" inspirieren ließ. Gerne wurden auch die Tragödien Shakespeares illustriert, wie etwa Macbeth oder Hamlet, der vorgibt, wahnsinnig zu sein, um den Mörder des Vaters zu überführen. Natürlich bediente man sich auch in der Welt der Märchen, Sagen und Mythen mit ihren Hexen, Geistern und zwielichtigen Gesellen.

Die wirklich sehenswerte Ausstellung schlägt in sieben Kapiteln einen Bogen von Goyas Gewaltdarstellungen des Krieges über die bedeutungsschwangeren Bildern der Symbolisten bis zu den Traumwelten der Surrealisten. Auf zwei Etagen hat das Museum allerlei Preziosen versammelt, die man nicht jeden Tag zu sehen bekommt, wie etwa die malerisch-surrealistischen Experimente Victor Hugos oder William Blakes "Großer roter Drache und die Frau, mit der Sonne bekleidet". Die perfekt inszenierte Ausstellung ist ebenso unterhaltsam wie lehrreich, und so viel "Horrorshow" war selten in einem deutschen Museum zu sehen.

Bis 20. Januar. Di, Fr-So: 10-18 Uhr. Mi, Do: 10-21 Uhr

Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr (1790)Foto: Frankfurter Goethe-Haus
Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr (1790)Foto: Frankfurter Goethe-Haus